Nord- und Mittelengland

Schon vor drei Jahren, als wir das erste Mal nach England fuhren, wurden wir von Freunden und Bekannten eher bemitleidet. Über England gibt es viele Vorurteile: schlechtes Wetter und schlechtes Essen sind die hartnäckigsten. Auch das Fahren auf der linken Seite macht England nicht unbedingt als Reiseland beliebt. Unsere Rundreise durch Südengland hat alle Vorbehalte Lügen gestraft: Wir erlebten einen herrlichen Sommer und über das Essen konnten wir uns auch nicht beklagen.

Das hat uns neugierig gemacht. Dieses Jahr wollten wir uns in den Norden wagen, dorthin, wo einst die Industrialisierung begann. Birmingham fällt einem ein, Liverpool und Manchester. Rauchende Schlote, Stahl- und Kohlebergwerke.

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Der rasante technische und gesellschaftliche Wandel, den die Inbetriebnahme der ersten Spinnmaschine Mitte des 18. Jahrhunderts auslöste, hat mich schon im Geschichtsunterricht fasziniert. Der mechanische Webstuhl, die Dampfmaschine, der Ausbau der Eisenbahnnetze und der Bau großer Dampfschiffe, die Erfindung des Automobils und der Luftschifffahrt, das alles hat den Handel verändert und zu dem geführt, was wir heute Globalisierung nennen.

Zugleich führte es aber auch zu sozialen Verwerfungen: erbärmliche Lebensverhältnisse, gefährliche Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten. Mit der Herausbildung des Proletariats ensteht die Arbeiterbewegung und mit ihr Sozialdemokratie und Kommunismus. Auch die Frauenbewegung hat ihren Ursprung in dieser Zeit.

Eine Reise in die Midlands und den Norden Englands ist immer auch eine Reise zu den Wurzeln unserer modernen Gesellschaft: der Glaube an die Technik und die Berechenbarkeit der Natur, die Ordnung des Wirtschaftslebens durch die Nationalökonomie und die Herausbildung der Konsumgesellschaft durch die Massenproduktion.

Natürlich denkt man auch an den Niedergang der einst so stolzen Textil- und Maschinenbauindustrie und an die Schließung der Werften.

Es sind jene Bilder der Umstrukturierung, die sich tief ins Gedächtnis eingegraben haben: hohe Arbeitslosigkeit, Verfall der Städte, Hoffnungslosigkeit, Kriminalität.

Ob es deshalb so wenige Europäer vom Festland gibt, die nach Nord- und Mittelengland reisen? Die sehr überschaubare Zahl von Reiseführern führt zu einer gewissen Nachdenklichkeit. Ist Nord- und Mittelengland überhaupt ein lohnenswertes Ziel?

Der Wandel, den sich die Industriestädte selbst verordnet haben, hat sich gelohnt. In Liverpool erweckte der Staat die ehemaligen Industrie- und Hafengebiete zu neuem Leben. Die Anlagen sind heute Weltkulturerbe. Durch die Kommunikations- und Informationstechnologie und den neuen Containerhafen erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Schub. Manchester setzte auf den Finanz- und Dienstleistungssektor und förderte den Ausbau der Universitäten. Der Flughafen wurde zu einem internationalen Drehkreuz. Einen kulturellen Aufschwung erlebte Newcastle, wo man heute neben Architekturschätzen des 19. Jahrhunderts auch moderne Bauwerke wie die Millennium Bridge besichtigen kann.

Vor allem aber gibt es in Nord- und Mittelengland eines: viel, viel Grün und unberührte Natur. Sechs Nationalparks, darunter der berühmte Lake District und die North York Moors.

Und auf das so geliebte „Merry Old England“ wollen wir natürlich auch nicht verzichten: Burgen und Herrensitze, verträumte Dörfer, strohbedeckte Häuser und schiefes Fachwerk in schwarz-weiß.

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Die Vorbereitung

Orientiert haben wir uns vor allem an dem Dumont Reiseführer Nord- und Mittelengland und an dem englischsprachigen Rough guide to England.

Unsere Bed and Breakfast haben wir gefunden auf Sawday´s . Die Webseite ist ein Ableger der seit den 1970er Jahren von dem Verleger Alastair Sawday herausgegebenen „Special Places to stay“. Sawday ist ein Anhänger von „slow food“ und „slow travel“. Er lehne das Unpersönliche und Kommerzielle ab und suche das Schrullige und Kreative, schreibt Sawday auf seiner Webseite. Jedes Bed and Breakfast werde besucht, jedes Zimmer und jedes Bad unter die Lupe genommen. Wir sind nicht enttäuscht worden.

Für den Besuch der Sehenswürdigkeiten haben wir beim Britischen Fremdenverkehrsamt einen National Trust Pass erworben.

2 Gedanken zu “Nord- und Mittelengland

  1. lecw 28. Juni 2019 / 21:21

    Toll! Nordengland gehört zu unseren Lieblingsregionen auf der Insel!
    Das ist schön, dass ihr erneut mach England gefahren seid. Wird es wieder mehrere Beiträge geben? 🙂

    Gefällt mir

  2. vierzehntage 29. Juni 2019 / 10:47

    Lieben Dank für das nette Feedback. Nein, wir sind nicht noch einmal nach England gefahren. Der Reisebericht zieht bloss um in eine Unterkategorie und macht Platz für Neues. Vielleicht habt Ihr ja daran auch Freude?
    Herzliche Grüße
    Christina

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