Meran entdecken mit der Vinschgaubahn

Landesweit gültige Tickets machen Touristen den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn leicht. Die Mobilcard ist meist im Zimmerpreis enthalten und während des ganzen Aufenthalts gültig. Mit ihr lassen sich auch eine Reihe von Seilbahnen nutzen. Außerdem gewähren einige Museen einen reduzierten Eintrittspreis. Eine hervorragende Idee, wie wir finden, nicht zuletzt wegen der Nutzerfreundlichkeit: es gibt keine Ausnahmen und Sonderregelungen, keinen Tarifdschungel, kein Zücken der Geldbörse beim Einsteigen und kein Rätseln vor dem Ticketautomaten. Alles, was man tun muss, ist, die Karte zu entwerten. Vor der Fahrt auf dem Bahnhof oder beim Einstieg in den Bus.

So einfach ist es auch für die Einwohner. Mit dem 2012 eingeführten Südtirolpass können sie sich ebenfalls in ganz Südtirol bewegen. Der Fahrpreis hängt ab von den in einem Jahr gefahrenen Tarifkilometern. Sie werden elektronisch auf einem Kilometerkonto des Karteninhabers gutgeschrieben. Die Preise sind gestaffelt. Sie bewegen sich zwischen 12 Cent pro Tarifkilometer bei einer Distanz von einem bis 1.000 Kilometern bis zu 0 Cent ab 20.000 gefahrenen Kilometern. Der Erfolg gibt den Betreibern Recht. Gab es vor der Einführung 66.000 Abo-Inhaber, lag die Zahl der beantragten Südtirol Pässe ein Jahr später bei 120.000. Mittlerweile werden jeden Tag durchschnittlich mehr als 600.000 gefahrene Südtirol Pass-Kilometer registriert.

Überlegungen, die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs möglichst einfach zu machen, gibt es auch in Deutschland. Erst kürzlich brachte die SPD eine „Nahverkehrs-Flatrate“ ins Gespräch: der Entwurf für ein klimapolitisches Konzept der SPD-Bundestagsfraktion sieht die schrittweise Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets vor.

Nahverkehr: Wiederbelebung zur Jahrtausendwende

Viele Seilbahnen in der Mobilcard enthalten

Viele Jahre lang vernachlässigt, hat Südtirol den Öffentlichen Personennahverkehr um die Jahrtausendwende wiederbelebt. Heute sind an Werktagen rund 150.000 Fahrgäste auf den 200 Bus- und den vier Bahnlinien in Südtirol unterwegs.

Die Vinschgaubahn

Auftakt bildete die Vinschgaubahn zwischen Meran und Mals. Nach dem Ersten Weltkrieg in den Besitz der italienischen Staatsbahnen übergegangen, stellten diese den Betrieb wegen geringer Benutzerzahlen 1990 ein. 15 Jahre später nahmen die Südtiroler die Dinge in die Hand. Sie kauften neue Züge, restaurierten die Bahnhöfe und gründeten die Südtiroler Transportstrukturen AG (STA), die die Strecke bis heute betreibt. Die Bevölkerung hatte ihre Vinschgerbahn nie vergessen. Auch bei Touristen erfreut sie sich großer Beliebtheit. Schon nach kurzer Zeit übertrafen die Fahrgastzahlen die Prognosen. Heute befördert die Bahn jährlich zwei Millionen Fahrgäste. Derzeit wird über ihre Elektrifizierung nachgedacht und darüber, größere Züge einzusetzen. Ebenfalls in Erwägung gezogen werden Streckenverlängerungen in die Schweiz und in die Lombardei.

Von Rabland verkehrt die Vinschgaubahn im 30-Minuten-Takt nach Meran. Die Fahrt dauert eine Viertelstunde.

Vinschgaubahn auf dem Weg durchs herbstliche Südtirol

Die Bahn war ein wichtiger Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung Südtirols. Die erste Strecke von Trient nach Bozen eröffnete 1859. Es folgten die Brennerbahn nach Innsbruck 1867 und ins Pustertal 1871. Meran wurde 1881 an das Bahnnetz angeschlossen. Die Vinschgaubahn eröffnete 1906 nach nur zweieinhalbjähriger Bauzeit.

Von der Sommerfrische zum Kurbetrieb

Zu dieser Zeit war Tirol noch ungeteilt und gehörte zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Wohlhabende Städter zogen im Sommer vom heißen Talkessel in ihre Domizile in höheren Lagen. Bozener Familien hielten sich vom Peter- und Paulstag am 29. Juni bis zu Mariä Geburt Anfang September in den Bergen auf. Die Bahn erleichterte das Übersiedeln. Mit dem verbesserten Transport zog es auch den Wiener Adel und das Bürgertum in die Sommerfrische. Es entstanden Gasthäuser und Pensionen.

Mit der Sommerfrische assoziert wurden Gesundheit und Erholung. 1870 entschied die österreichische Kaiserin Elisabeth auf Empfehlung des Leibarztes ihrer Lieblingstochter, Marie Valerie zur Genesung nach Meran zu bringen. Bis 1889 folgten vier weitere Besuche. Sissi kann als eine der ersten Influencerinnen gesehen werden: Ihre Kuren lösten einen wahren Reiseboom aus. Schon bald gehörte Meran zu den beliebtesten Zielen des Kontinents.

Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837-1898)

Dabei gab es Auswahl genug. Schon seit der Antike kannte man Bäder und Badekuren. Eine Renaissance erleben sie im 17. Jahrhundert. Im späten 18. Jahrhundert lassen sich erste Badeärzte an Badeorten nieder. Das englische Bath entwickelt sich zum größten Badeort Europas. Nach dessen Vorbild entsteht ab dem 19. Jahrhundert eine Fülle von Kurorten auf dem europäischen Festland. Balneologie wird Lehrfach an Universitäten. Orte wie Bad Ems, Bad Ischl und Bad Gastein treten an die Seite etablierter Bäder wie Spa, Baden-Baden, Vichy, Franzensbad, Marienbad und Karlsbad. Das 1883 erschienene Bäder-Lexikon von Robert Flechsig enthält mehrere Hundert Eintragungen.

Der Bau von luxeriösen Unterkünften in der Nähe von Heilquellen in den Bergen markiert den Beginn des alpinen Tourismus. Wichtige Voraussetzung war die verkehrstechnische Erschließung. Der Gegensatz zwischen krankmachender Stadt und der gesunden Luft und der wohltuenden Ruhe in den Alpen stammt aus jener Zeit.

Kurhaus Meran

Sissis Wahl mag auf Meran gefallen sein, weil sie Berichten zufolge die Öffentlichkeit scheute, auf der Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit war.

Kuren zur Jahrhundertwende: mehr als Therapie

Die bedeutenden europäischen Kurorte des 19. Jahrhunderts dienten nicht allein Therapie und Heilung, sondern waren vor allem Treffpunkte der gehobenen Gesellschaft. Oft war die Kur ein Vorwand, um einige Zeit dem Alltag zu entfliehen. Die Kurorte waren Sommerfrische, Freizeitziel, Ruhe- und Alterssitz. Sie dienten als Exil, ermöglichten politische und soziale Begegnung oder diplomatische Verhandlungen. Außerdem waren sie Orte der Kultur, des Vergnügens und des Glücksspiels. Man schlenderte durch die Geschäfte und nutzte den internationalen Treffpunkt als Heiratsmarkt. Die Handelskammer Baden-Baden hat diese Vielfalt in einer ausführlichen Studie dargestellt.

Nicht nur für Wohlhabende

Kuren waren keinesfalls auf Wohlhabende beschränkt. Heilquellen wurden seit je her von den Einheimschen genutzt. In Ostwestfalen, Tirol und Kärnten gab es sogenannte Bauernbäder. Kranke und behinderte Menschen konnten sich in von Stiftungen finanzierten Hospitälern und Armenbädern erholen.

Im Deutschen Reich machten 1905 eine Million Menschen an den 216 staatlich anerkannten Quellen eine Kur. Das sind zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Durch die Sozialgesetzgebung Bismarcks wandelt sich die Kur von einer privaten Angelegenheit zur ausschließlichen Heilmaßnahme für ernsthaft Kranke.

Meran wird Kurstadt mit internationalem Flair

Dank Sissi etablierte sich Meran als international beliebte Kurstadt. Schon 1836 hatte der Stadtphysikus Josef Waibl eine wissenschaftliche Schrift über die klimatischen Vorzüge verfasst. Johann Nepomuk Huber, Leibarzt der Fürstin Schwarzenberg, schrieb ein Buch „Über die Stadt Meran in Tirol, ihre Umgebung und ihr Klima, nebst Bemerkungen über Milch-, Molke- und Traubenkuren und nahe Mineralquellen“. In Wien zirkulierte es in höchsten Adelskreisen. 1840 öffnete eine Kaltwasser-Heilanstalt, 1848 gründeten drei Meraner Ärzte eine Molkenkuranstalt. 1850 wurde das erste Kurkomitee ins Leben gerufen, das sich um den Bau eines Kurhauses kümmerte.

Bald nach Sissis Aufenhalt begannen die Bauarbeiten. Das Kurhaus eröffnete 1874. Zwischen 1912 und 1914 wurde es erweitert. 1882 – ein Jahr nach der Fertigstellung der Bahnverbindung Bozen-Meran – war das Grandhotel Meraner Hof fertiggestellt. Immer mehr Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur besuchten Meran und die Umgebung.

Die Wandelhalle

In der Wandelhalle kann man sich das Treiben zu jener Zeit lebhaft vorstellen: Damen in langen Kleidern und Sonnenschirm, Herren in eleganten Anzügen und Spazierstock. Wer tiefer in die Atmosphäre der Belle Époque eintauchen will, dem sei ein Artikel aus der Wochenzeitung Die Zeit empfohlen.

Die Wandelhalle von der Sommerpromenade aus gesehen

Südtirol zieht Musiker, Literaten und Politiker an

Die Pianistin und Komponistin Clara Schumann kam 1875 mit ihrem Sohn Felix in die Stadt. Der 21jährige litt seit seinem 18. Lebensjahr an Tuberkulose. Auch der norwegische Komponist Edvard Grieg besuchte Meran, ebenso wie Franz Liszt, Giacomo Puccini, Cosima Wagner, Richard Strauss und Arnold Schönberg. Unter den bedeutenden Literaten, die es nach Meran zog, waren Stefan Zweig, Christian Morgenstern und Arthur Schnitzler. Thomas und Heinrich Mann hielten sich im Ultental auf. In der Villa Hartungshausen in St. Nikolaus behandelte der Innsbrucker Arzt Christroph Hartung von Hartungen (1849-1917) auch Rudolf Steiner und Sigmund Freud. Im benachbarten Mitterbad kurte 1840 und 1843 Otto von Bismarck. Thomas Mann soll im Sommer 1901 seinen Roman die Buddenbrooks hier beendet haben. Rainer Maria Rilke machte im Frühjahr 1897 von Venedig kommend auf Schloss Lebenberg bei Lana Station. Franz Kafka schrieb in Südtirol seine berühmten „Briefe an Milena„.

Die Stadt war zunächst Luftkurort. Die mediterranen Temperaturen und das milde und trockene Klima eignen sich besonders für das Auskurieren von Lungenerkrankungen. Die Patienten wurden angehalten, sich viel im Freien aufzuhalten und zu bewegen. Das Kurhaus bot Bäder und Inhalationen an. Das Thermalwasser, für das Meran heute bekannt ist, wurde erst in den 1930er Jahren entdeckt.

Die Promenaden Merans

Sissi unternahm während ihrer Aufenthalte ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen. Auf ihren Spuren kann man noch heute wandeln: auf der Sissi-Promenade, im Elisabeth-Park und auf der Kurpromendade.

Ein Zeitgenosse der Kaiserin war der Arzt Franz Trappeiner (1816-1902). Ende des 19. Jahrhunderts legte er einen Spazierweg oberhalb von Meran an, der nach seinem Tode bis nach Gratsch verlängert wurde. Er ist von mediterranen Pflanzen gesäumt und bietet einen herrlichen Blick über die Stadt und die umliegenden Berge.

Ausblick vom Pulverturm auf die Stadt

Über Trappeiners Wirken als Arzt, Botaniker, Anthropologe und Mäzen berichtet ein Kapitel eines Büchleins über das Meraner Land, das sich auch auf dem Blog der Sternal Media findet.

Der Trappeinerweg mündet in die Gilfpromenade. Ihr Name geht zurück auf die sogenannte Gilfklamm, die nur wenige Meter breite Schlucht zwischen Zenoberg und Obermais. Der rund ein Kilometer weite Weg führt hinab zu den tosenden Wassern der Passer und endet am Steinernen Steg, der ältesten Brücke Merans. Im hohen Bogen überspannt sie die Schlucht und schafft eine Verbindung zur Sommerpromenade auf der gegenüberliegenden Seite.

Erbauer war der Meraner Arzt Hans Prünster (1849-1933). Die Arbeiten waren schwierig. Es mussten viele Sprengungen vorgenommen und hohe Stützmauern errichtet werden. Erst nach sieben Jahren eröffnete die Promenade 1887. Das Besondere an ihr ist die subtropische Vegetation.

Verbindung zwischen Nostalgie und Moderne

Noch heute erinnern die eleganten Häuser und Jugendstilgebäude, das Kurhaus und das Stadttheater, an die glanzvollen Zeiten der Jahrhundertwende. Meran pflegt diese Tradition, scheut sich aber nicht, neue Elemente hinzuzufügen. So wurde zur Jahrtausendwende mit dem Bau einer neuen Therme begonnen. Das moderne Gebäude gegenüber des alten Kurhauses auf der anderen Seite der Passer eröffnete 2005. Es wird den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht. Ursprünglich für 350.000 Gäste geplant, besuchen es heute über 400.000, was 2018 eine Erweiterung notwendig machte.

Sissi wohnte während ihres Aufenthaltes am östlichen Stadtrand von Meran auf Schloss Trauttmansdorff. Mit der Eröffnung eines botanischen Gartens im Jahr 2001 gelang der Stadt auch hier die Überführung in die Moderne. Mit 400.000 Besuchern pro Jahr gehören die Gärten von Schloss Trauttmansdorff zu den meistbesuchtesten Freizeiteinrichtungen Südtirols. Grund genug, ihnen einen Besuch abzustatten. Davon soll im nächsten Beitrag die Rede sein.

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