Reise nach Nord- und Mittelengland

Unsere Eindrücke und Erlebnisse der Rundreise Anfang August schildert dieser Blog. Einmal wöchentlich zum Ende der Woche kommt ein weiterer Reisetag hinzu.

See you in Merry Old England!

 

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Sonntag, 13.08.

Am nächsten Morgen mussten wir früh los: obwohl die Fahrt von Cambridge nach Dover nur etwas über zwei Stunden dauert, hatten wir reichlich Zeit einkalkuliert. Um London herum kann es – selbst am Sonntag – voll werden und auch vor Dover sind Staus möglich. Als wir vor zwei Wochen angekommen waren, hatten wir auf der Gegenseite der Autobahn eine endlos lange Schlange mit LKW passiert.

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Im Hafen von Dover werden jährlich 2,6 Millonen LKW abgefertigt, das sind bis zu 16.000 täglich. Hinzu kommen weitere 1,6 Millionen am Eurotunnel. Dessen Terminal liegt etwa 10 Kilomenter von Dover entfernt. Wie sich die Abfertigung nach dem Brexit entwickeln wird, mögen sich Branchenverbände noch gar nicht vorstellen. Schätzungen des Bundesfinanzministeriums zufolge werden allein die Einfuhren aus Großbritannien zu 2,7 Millionen zusätzlichen Zollanmeldungen per annum führen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet jährlich mit 15 Millionen Zollanmeldungen für Ex- und Importe. Unternehmen werde das 200 Millionen Euro kosten, das in vielen Firmen notwendige Fachpersonal noch gar nicht eingerechnet. Sollten sich Briten und EU auf ein weitgehendes Freihandelsabkommen verständigen, müssen Unternehmen einen Ursprungsnachweis für ihre Waren ablegen, um Zölle zu vermeiden. Ein Aufwand, der mit 300 Millionen Euro beziffert wird. Zölle können auch elektronisch erhoben werden, problematisch an den Grenzen werden die Kontrollen sein, die schon jetzt sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Nach einem schnellen Frühstück verabschiedeten wir uns vom Springfield House. Wir seien gar nicht zum Plaudern gekommen, beklagte Judith und auch wir bedauerten, dass unser Aufenthalt in Linton viel zu knapp bemessen war.

Schnell waren die Taschen im Kofferraum verstaut, nach 14 Tagen rein und raus bekommt man Routine. Mit Hilfe des Navigationsgerätes hatten wir eine Route gewählt, die uns im großen Bogen um London herumführen sollte.

Bei strahlendem Sonnenschein machten wir uns auf dem Weg. Wäre das Wetter doch die ganze Zeit so wunderschön gewesen! Nachdem es uns so unwirtlich empfangen hatte, machte England uns den Abschied richtig schwer.

Das erste Stück lag schnell hinter uns. Die Straßen waren angenehm leer. Irgendwann beschloss das Navigationsgerät jedoch, uns lieber einen anderen Weg führen zu wollen als den, den wir vorgegeben hatten. Statt auf der Autobahn M 25, fanden wir uns plötzlich auf einer Strecke, die geradewegs ins Zentrum von London hineinführte. Mit dieser Eigenart hatten wir auf unserer Reise schon mehrfach zu kämpfen gehabt, in diesem Falle aber war es fatal. Weshalb das Gerät diese andere Route wählte, wird sein Geheimnis bleiben. Sie war nicht schneller und erst recht nicht einfacher. Gerade London, dessen Nähe wir unbedingt vermeiden wollten!

Anders als bei uns in Deutschland, ist es hier nicht so einfach, von der Autobahn ab- und ein Stück auf der Gegenrichtung zurückzufahren. Unzählige Kreisverkehre machen ein solches Vorhaben zu einer besonders hohen Herausforderung. Irgendwie gelang es, den Weg durch die erwachenden Vorstädte der Hauptstadt zurück auf die Schnellstraße vom Zentrum weg zu finden und schließlich wieder auf die M 25 zu gelangen. Kartenlesen ist nicht unbedingt meine Stärke und die sich nähernde Skyline der Londoner City versetzte uns beide in eine gewisse Panik. Ich sah uns schon hilflos suchend in dem riesigen Kreisverkehr vor dem Buckingham Palace umherkurven!

Am Ende wurde aber alles gut. Bravourös bewältige meine Begleitung das zunehmende Verkehrsaufkommen mit den zahllosen Kreisverkehren und Abzweigungen. Wäre Samstag gewesen, oder ein Wochentag, wir wären mit Sicherheit im Londoner Verkehrschaos steckengeblieben und hätten ganz gewiss die Fähre verpasst. An einem Sonntagmorgen allerdings war dieser Fehler auszubügeln.

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Wir passierten Dartford Crossing über die Themse. Richtung Norden besteht die Querung aus zwei Tunneln, Richtung Süden nimmt man die Queen Elisabeth II Bridge. Überlegungen, hier einen Übergang zu schaffen, reichen zurück bis 1929. Das Parlament genehmigte einen Stollen zur Sondierung, weitere Baumaßnahmen konnten erst 1955 wieder aufgenommen werden. Der erste Tunnel wurde 1963 eröffnet. Sehr schnell stellte sich allerdings heraus, dass seine Kapazität bei weitem nicht ausreichte. 1980 wurde ein zweiter eröffnet. Bereits sechs Jahre später hatte der Verkehr nochmals so stark zugenommen, dass man sich entschloss, eine vierspurige Brücke hinzuzufügen. Bei ihrer Fertigstellung 1991 war sie mit einer Spannweite von 450 Metern die längste Schrägseilbrücke Europas. Zusammen mit den Zugangsviadukten ist die sogar 2,8 Kilometer lang.

Mit täglich 136.000 Fahrzeugen gehört Dartford Crossing zu den verkehrsreichsten Flussquerungen Großbritanniens.

Die Brücke ist gebührenpflichtig. Man findet allerdings nirgends ein Kassenhäuschen, sondern muss die Kosten von 2.50 Pfund via Internet entrichten. Man kann das im Voraus tun oder indem man nachträglich auf der Webseite des Betreibers Kennzeichen, Typ und Farbe des Wagens und die Kreditkartennummer eingibt. Das muss allerdings bis zum folgenden Tag um 24 Uhr geschehen sein. Für Anhänger des „altmodischen Bezahlsystems“ besteht die Möglichkeit, die Gebühr an einem der Kassenhäuschen zu zahlen, die sich in unmittelbarer Nähe der Brücke an der Autobahn befinden sollen. Wir taten einen Teufel, die Autobahn – und damit den direkten Weg nach Dover – zu verlassen. Ich erledigte die Bezahlung vom Beifahrersitz über das iPad. Moderne Zeiten. Wer weiß, wie viele ahnungslose Touristen schon nach der Rückkehr aus ihrem Urlaub einen Strafbescheid vorgefunden haben, weil sie dieses System nicht kannten! Allein in den ersten vier Monaten nach Einführung der automatischen Kennzeichenerkennung im November 2014 wurden 228.000 ausländische Fahrzeuge registriert, die nicht bezahlt hatten.

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Als wir irgendwann auf der M 20 landeten, die uns über Folkstone nach Dover brachte, waren wir sehr erleichtert, die anstrengende Fahrt gemeistert zu haben.

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In Dover angekommen, velief alles reibungslos. Um zehn vor zwölf hatten wir die Grenzkontrolle passiert (auch das kann ja noch einmal Zeit in Anspruch nehmen) und reihten uns in die Schlange wartender Autos bei DFDS Seaways ein.

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Dieses Mal kam uns nicht der Zufall zur Hilfe. Die Fähre davor hatte schon abgelegt.

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So vertrieben wir uns die Zeit damit, zwischen den wartenden PKW umherzulaufen und den herrlichen Blick auf die weißen Klippen von Dover zu genießen. Bei Sonnenschein sehen die bis zu 100 Meter hohen Kreidefelsen richtig imposant aus. Die weiße Linie ist das erste und das letzte, was man von England sieht, sie besitzt daher Symbolwert.

Ah, God! One sniff of England - 
To greet our flesh and blood - 
To hear the traffic slurring
Once more through London mud!
Our towns of wasted honour - 
Our streets of lost delight!
How stands the old Lord Warden?
Are Dover´s cliffs still white?

schreibt Rudyard Kipling 1902 in seinem Gedicht „The Broken Men“. Und in einem Lied aus dem Zweiten Weltkrieg heißt es:

There´ll be bluebirds over 
The White Cliffs of Dover
Tomorrow
Just you wait and see.

Dann ging alles ganz schnell: Verladung der Fahrzeuge und schon legte die Fähre ab, wir passierten die Hafeneinfahrt und waren auf dem Weg über den Ärmelkanal nach Frankreich. An seiner engsten Stelle misst der Kanal gerade einmal 33 Kilometer und doch scheinen es Welten, die zwischen England und dem Festland liegen.

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Auf Wiedersehen England! Hope to come back soon!

An- und Rückreise von bzw. nach Deutschland eingerechnet, sind wir in 14 Tagen insgesamt 4.440 Kilometer gefahren. Es war wohl eine unserer längsten und auch anstrengensten Reisen. Selbst die weite Tour nach Norwegen, wo wir auch die meiste Zeit im Auto verbracht haben, war erholsamer. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass wir in Norwegen ausschließlich in der Natur waren, wohingegen wir in England auch Städte besucht haben, was aufreibender ist, schon wegen der Parkplatzsuche.

Dennoch möchten wir die Reise nicht missen. England ist ein angenehmes Reiseland, vom geradezu katastrophalen Zustand der Straßen einmal abgesehen. Welche Auswirkungen der drastische Sparkurs auf die Kommunen hatte, den die konservative Regierung 2010 einschlug, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen, kann man in einer beklemmenden Reportage nachlesen, die kürzlich in der New York Times erschien.

Die Menschen sind freundlich, die Autofahrer in der Regel entspannt (uns hat während der ganzen Fahrt kein einziges Mal jemand angehupt) und die Unterkünfte waren allesamt ausgesprochen schön.

Es war nur eine kleine Auswahl an Sehenswürdigkeiten, die wir während unseres Aufenthaltes genießen konnten. An jedem Ort hätten wir ohne Probleme zig weitere besuchen können. Es gibt so viel, viel zu sehen in diesem Land, das eine so reiche Geschichte hat und so viele bemerkenswerte Orte. Man hätte noch viel länger im Lake District und in den Yorkshire Dales verweilen und die imposanten Wolkenformationen beobachten können, man hätte noch viele, viele Schlösser, Burgen und Herrenhäuser besuchen, so viele weitere Dörfer und große Städte besichtigen können. Und man hätte natürlich noch mehr mit den Einheimischen ins Gespräch kommen können. Vielleicht wäre es uns dann auch gelungen, jemanden zu finden, der den Brexit befürwortet. Mit diesem Thema scheint es sich so zu verhalten wie mit der Bild-Zeitung: keiner gibt offen zu, sie zu lesen und dennoch hat sie eine Millionenauflage.

Was der Brexit für England bedeuten wird, ist weiterhin ungewiss. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass es bis zum endgültigen Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt und der Zollunion eine Übergangsphase bis 2020 geben wird. Sowohl die britische Regierung als auch die Europäische Union streben eine weitgehende Zollfreiheit an. Einigen sie sich nicht, drohen hohe Abgaben, vor allem auf landwirtschaftliche Erzeugnisse und Kraftfahrzeuge. Allein für den Automobilsektor rechnet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag mit zwei Milliarden Euro zusätzlichen Kosten jährlich.

Schon jetzt kommt der Brexit die britische Wirtschaft teuer zu stehen: Das Bruttoinlandsprodukt ist um 1,3 Prozent zurückgegangen. Wissenschaftler haben errechnet, dass der Brexit Großbritannien seit der Abstimmung im Juni 2016 rund 19 Milliarden Pfund gekostet hat. Das sind 300 Millionen Pfund pro Woche! Konsumenten und Unternehmen erwarten langfristige Einbußen und reduzieren deshalb schon heute ihre Ausgaben. Auch Unsicherheit wegen der unklaren Ausgestaltung spielt eine große Rolle.

Der Schaden durch wachsende Handelskosten überwiege bei weitem die Einsparungen durch den entfallenden Beitrag zum EU-Haushalt, rechnete das ifo-Insitut kürzlich vor: Erfolge der Handel auf Basis der WTO-Regeln, würde diese Summe bei 16 Milliarden Euro jährlich liegen, im Falle eines Freihandelsabkommens würden sich Kosten und Nutzen ungefähr ausgleichen. Für die anderen 27 EU-Länder liegen die Kosten höher: im ersten Fall bei 44 Milliarden Euro, im zweiten bei 27 Milliarden. Nicht umsonst haben sich Premierministerin Theresa May und Ratspräsident Donald Tusk darauf verständigt, die Abschlussrechnung mit der EU geheim zu halten.

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Und wie steht es mit dem großen Thema Zuwanderung, das nach Meinung vieler Beobachter überhaupt erst zum Brexit geführt hat?

Seit der Entscheidung im Juni 2016 ist die Nettozuwanderung um 106.000 auf 230.000 Menschen gefallen. Aus Europa kamen 54.000 Personen weniger, um in Großbritannien zu arbeiten. 123.000 EU-Bürger verließen Großbritannien. Für die britische Wirtschaft ist das alles andere als erfreulich: vor allem im staatlichen Gesundheitssystem gibt es extreme Engpässe. Händeringend werden Krankenschwestern und Pfleger gesucht. Aber auch Hochqualifizierte verlassen das Land. Zum einen, weil ihr künftiger Status und ihr Bleiberecht unsicher sind, zum anderen weil die Löhne durch die Abwertung des Pfunds an Attraktivität verlieren.

In anderen Politikfeldern zeigt die Entscheidung ebenfalls erste Folgen:

In der Europäischen Union sind die Sorgen um den Zusammenhalt der EU eher gestiegen. Mit den Austrittsbekundungen des größten Mitglieds wird es zunehmend schwerer, die EU als Ordnungsmodell für Europa zu verteidigen. Einige Beobachter befürchten gar einen Domino-Effekt, den sie an der Zunahme europakritischer, teilweise sogar -feindlicher Stimmen festmachen. Zugeständnisse an Großbritannien bei den Brexit-Verhandlungen könnten – so sehr sie aus wirtschaftlichen Gründen für beide Seiten notwendig sind – das Risiko mit sich bringen, den institutionellen Rahmen der EU zu unterlaufen. Die Position der Europäer in der Welt wird durch den Austritt Großbritanniens weiter geschwächt. Nach Jahren schwerer Krisen sind die Mitgliedstaaten mehr denn je gefordert, die EU wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern.

Für Großbritannien hingegen könnte es außerhalb der EU deutlich schwerer werden, seine eigenen Interessen zu vertreten. Auch wenn es als Drittstaat in die EU eingebunden wäre, könnte es keinen Einfluss mehr auf die Entscheidungen Europas nehmen. Schon immer galt das Land als schwieriger Partner. Erst Anfang der 1970er Jahre konnte es sich zu einer Mitgliedschaft durchringen. In dem Referendum von 1975 stimmten 67 Prozent der Wähler für den Verbleib in der EU, wobei lediglich 64 Prozent ihr Votum abgaben. Seit jeher stand der eigene Nutzen für die Briten im Vordergrund, ganz anders als für Deutschland und Frankreich, die die Gemeinschaft viel politischer verstanden haben.

Aus der Perspektive Großbritanniens ist es verständlich, dass sich das Land der Entwicklung von der Europäischen Gemeinschaft zur Europäischen Union nur teilweise angeschlossen hat. Das Vereinigte Königreich ist weder Mitglied der Eurozone noch des Schengen-Raums. Innenpolitisch ist diese Haltung nicht unumstritten. So sind Waliser und Schotten viel europafreundlicher. Das liegt zum einen daran, dass sie wirtschaftlich von der EU-Mitgliedschaft profitierten, zum anderen stärkte dies ihre ohnehin schon vorhandenen Unabhängigkeitsbestrebungen innerhalb des Vereinigten Königreichs. Die Diskussion um den Brexit, die als innenpolitisches Kräftemessen europafeindlicher Kräfte in Teilen der konservativen Partei und der United Independence Party (UKIP) begann, um die Beziehungen zur EU auf eine neue Grundlage zu stellen, kulminierte schließlich im Referendum über den Austritt aus der EU.

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Gibt es auch Vorteile für das Land, von dem die industrielle Revolution ausging, die es zur führenden Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ?

Der Schlüssel könnte in der Digitalisierung liegen: Der Reichtum von heute beruht auf einer ausgeklügelten Arbeitsteilung, für die Produkte bis zu ihrer Fertigstellung um die halbe Welt geschickt werden. Neue Produktionstechniken, 3D-Drucker und Roboter könnten dieses System schon morgen grundlegend verändern. Die Rede ist vom Ende der Massenproduktion und dem Beginn einer neuen Ära individueller, kundenspezifischer Lösungen, die lokal gefertigt werden.

Damit würden globale Lieferketten der Vergangenheit angehören, Großbritanniens Abhängigkeit von europäischen Regularien, die sich über kurz oder lang zu globalen Standards entwickeln, wäre aufgehoben.

Dass die industrielle Revolution von England ausging, hat viele Gründe: Die Bevölkerung nahm zu und mit ihr die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. Die Anbaumethoden wurden verbessert, erwirtschaftete Gewinne in Bergwerke und die Stahlindustrie investiert. Rohstoffe konnten günstig aus den Kolonien eingeführt werden. Die Erfindung der Spinnmaschine und der Dampfmaschine trieben die Entwicklung voran.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten die Briten ein Kanalsystem, um die in den Fabriken produzierten Güter kostengünstig aus dem Landesinneren zu transportieren. Es folgte die Eisenbahn. Bereits 1851 verfügte England über ein Eisenbahnnetz von über 10.000 Kilometern Länge. In Deutschland war das Handwerk durch Zunftordnungen reglementiert, der Binnenhandel durch die Zersplitterung in zahlreiche Einzelstaaten erschwert. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Deutschland aufholen und sich an die Spitze Europas setzen.

Ob es England in ähnlicher Weise gelingen wird, von Digitalisierung und Industrie 4.0 zu profitieren, wird eine der spannensten Fragen der nächsten Jahre sein.

Großbritannien hat viel getan, um seine Abhängigkeit vom Finanzsektor abzumildern und industrielle Wertschöpfung zurück ins Land zu holen. Zwischen 2001 und 2012 war der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt um über 20 Prozent zurückgegangen. Mit 79 Prozent kommt dem Dienstleistungssektor eine überragende Rolle zu. Bis 2021 will die britische Regierung sechs Milliarden Pfund in die Wissenschaft investieren. Acht chancenreiche Technologien werden durch den Ausbau von sogenannten Catapults, ein Netzwerk von Technologie- und Innovationszentren, gefördert. Deutschland gilt zwar als Vorreiter und Vorbild für Industrie 4.0, Beobachter sehen aber in Großbritannien durchaus gute Ansätze bei der Vernetzung, Digitalisierung und der dazu notwendigen Basistechnologien in anderen Branchen – etwa beim Smart Building und der Smart Infrastructure sowie in der Alltagsautomatisierung. Hier rechtzeitig interessante Geschäftsmodelle zu erkennen und umzusetzen, wird eine wichtige Aufgabe der kommenden Jahre sein. Auch bei der Kommerzialisierung moderner Technologien ist Großbritannien durch seinen ausgeprägten Dienstleistungssektor und seine Business Schools führend.

Mit vielen Eindrücken und Erlebnissen im Gepäck verlassen wir England. Sicher wird es noch eine ganze Weile dauern, bis alles im Kopf sortiert und einigermaßen verarbeitet ist. Die Fotos und unsere Einträge in diesem Blog werden dabei helfen.

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Samstag, 12.08.

Was haben John Cleese, Charles Darwin und Stephen Hawking gemeinsam? Alle drei haben in Cambridge studiert. Unseren vorletzten Tag in England hatten wir für den Besuch der berühmten Universitätsstadt reserviert.

Beim Frühstück lernten wir zwei ältere englische Ehepaare kennen. Das eine war gerade im Begriff, zu einer Veranstaltung auf einer nahegelegenen Airbase aufzubrechen, wo der Mann in einer alten Passagiermaschine einen Rundflug absolvieren wollte, der von einer Spitfire – einem Jagdflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg – begleitet werden sollte. Das andere Paar erzählte uns von seinen diversen Aufenthalten in Deutschland, die mit einem Schüleraustausch ihren Anfang genommen hatten. Sie fuhren regelmäßig in die Gegend von Lübeck und kannten auch Braunschweig sehr gut. Wir haben viel länger mit ihnen geplaudert als geplant. Sie wollten schon längst auf dem Weg zurück nach Yorkshire sein, wir im Bus nach Cambridge. Zwischen all dem Trubel versorgte unsere Gastgeberin uns mit Toast, Eiern mit Speck und frisch gebrühten Tee. Fast hätte man sie gar nicht bemerkt, denn sie hatte eine eher zurückhaltende Natur.

Vor dem Aufbruch entlockten wir ihr noch ein paar Hinweise über die genaue Lage des Park and Ride. Mehrfach hatte man uns geraten, uns Cambridge nicht mit dem Auto zu nähern. Die Stadt sei derzeit „very busy“. Ein Bus, der einen vom Parkplatz ins Zentrum brachte, war deshalb ideal. Uns erwartete nicht das übliche „pay and display“ – man kauft einen Parkschein und steckt ihn hinter die Windschutzscheibe – sondern ein System, das wir bereits in einem Parkhaus kennengelernt hatten. Beim Einfahren auf den Parkplatz erfasst eine Kamera das Kennzeichen. Dieses gibt man dann beim Lösen des Tickets ein. Die Parkgebühr beinhaltete den Fahrschein für den Doppeldeckerbus, mit dem wir zuverlässig in die Innenstadt gelangten. Dort angekommen, erlebten wir einen kleinen Schock.

Als wir uns ein paar Tage zuvor über die vielen Menschen in York beschwerten, ahnten wir noch nicht, was uns in Cambridge erwarten würde!

Es war so voll, dass man kaum irgendwo ungestört umherlaufen oder an Kreuzungen und Plätzen durchkommen konnte. Auffallend waren die vielen chinesischen Reisegruppen.

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Der Wohlstand in China wächst. Immer mehr Chinesen können sich den Traum von einer Reise nach Europa erfüllen. 2015 besuchten 12 Millionen chinesische Touristen die Europäische Union. Viele Staaten wittern ein gutes Geschäft mit den zahlungskräftigen Kunden und erleichtern die Einreise, so auch Großbritannien. 2016 haben chinesische Touristen mehr als 223 Milliarden Euro im Königreich ausgegeben. Wenn man bedenkt, dass erst fünf Prozent der Chinesen einen Reisepass besitzen, so fragt man sich, wie es erst wird, wenn sich eine Milliarde Chinesen im Sommer auf den Weg in den Urlaub macht.

Noch ist der Asien-Pazifik-Raum bevorzugte Reiseregion der Chinesen. Dort gehören Thailand, Japan und Australien zu den beliebtesten Zielen. Von den rund 9 Millionen Besuchern des fünften Kontinents waren rund 1,4 Millionen Chinesen. Sie brachten 10 Millionen australische Dollar ins Land. Australien hat eine große chinesische Community – fast eine Million Einwohner hat chinesische Wurzeln. Hinzu kommen mehr als 100.000 chinesische Studenten. China ist der wichtigste Handelspartner Australiens. Das Land verdient gut an den Kohle- und Eisenerz-Exporten. Die große Nachfrage der aufstrebenden Macht führte zu einem rasanten Ausbau des australischen Bergbaus. Insgesamt werden jährlich Waren im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar ausgetauscht. Zunehmend macht man sich in Australien über den Einfluss Gedanken, den das Reich der Mitte (und damit die Kommunistische Partei) auf das Land ausübt. So lehnte die australische Regierung Investitionen in verschiedene Infrastrukturprojekte ab und verhinderte den Erwerb von Agrarland. Militärs und Geheimdienste warnen vor der Autokratie, die dabei ist, zur Grossmacht aufzusteigen. Fast die Hälfte der Australier glaubt, dass China in den kommenden 20 Jahren zur militärischen Bedrohung wird. Auch in Deutschland regt sich langsam Widerstand. So fordert die IG Metall von der Bundesregierung eine Gegenstrategie zu Übernahmen deutscher Firmen, die sich vor allem im Mittelstand negativ auswirken könnte. Der Blick auf Australien und seinen Umgang mit China wird für Europa spannend bleiben.

Was geschieht, wenn das „chinesische Zeitalter“ beginnt und westliche Vorstellungen ins Hintertreffen geraten, darauf gab der Konflikt zwischen der Universität Cambridge und der chinesischen Regierung im vergangene Jahr einen Vorgeschmack.

Der Tourismus hat seine Schattenseiten. Das haben wir auf unserer Reise immer wieder bemerkt. Besonders kulturell bedeutsame Orte werden von Besuchern überschwemmt. So erfreulich das Interesse ist, Einheimische können kaum noch ihrem normalen Leben nachgehen, kulturelle Stätten müssen vor dem Ansturm geschützt werden, die Preise steigen ins Unermessliche, die typische Atmosphäre verschwindet.

In Barcelona und auf Mallorca protestierten im Sommer Einheimische gegen die immer größere Zahl von Touristen. „Tourist go home!“ war auf den Transparenten aufgebrachter Einwohner zu lesen. Obwohl teilweise verständlich, ist diese Haltung nicht weniger heuchlerisch, wie der Anspruch vieler Reisender, nicht als Tourist gelten zu wollen.

„Der verhasste Gast“ sieht sich selbst in der Tradition englischer Adliger des 19. Jahrhunderts, die sich auf Bildungsreise begeben. Inzwischen sind es jedoch zu viele, die sich auf den Weg machen. Taucher und Schnorchler haben zwei Drittel der Korallenriffe Thailands schwer beschädigt, der Traumstrand aus dem Spielfilm „The Beach“ musste gesperrt werden, damit sich die Natur erholen kann. In Venedig denkt man darüber nach, für den Markusplatz Eintrittskarten zu verkaufen, wer nach Buthan will, muss die Kosten für einen einheimischen Führer und einen Chauffeur für den Mietwagen aufbringen und die berühmten Felsenzeichnungen in Lascaux sind nur noch für ausgewiesene Experten zugänglich. Ist das der richtige Weg? Werden wir uns künftig mit Nachbildungen begnügen müssen, weil die Originale zu wertvoll sind, um sie dem Ansturm der Massen auszusetzen oder zu überlaufen als dass man einen Blick auf sie erhaschen könnte? In China kann man eine Nachbildung Venedigs besuchen, in Las Vegas eine Reproduktion des Eiffelturms. Vielleicht gilt es in unserer reizüberfluteten Welt auch erst wieder den Wert der kleinen Dinge zu entdecken, die Augen zu öffnen für die Schönheiten in unserer unmittelbaren Nähe. Vielleicht muss man auch öfter mal „Zu Hause bleiben“.

Auch die Stadtführerin der Tourismuszentrale, die uns nachmittags durch die Menschentrauben hindurch zu den Colleges schleuste, sparte nicht mit Kritik an den Touristen. Allzu oft müsse sie den wilden Schülergruppen erst ein Minimum an Respekt für die Kultur eintrichtern.

Beim Frühstück hatte uns das Ehepaar aus Yorkshire erzählt, dass es während der Sommermonate die Innenstadt meide. Beide hatten tags zuvor einen Tea-room etwas außerhalb aufsuchen wollen. Sie schätzten diesen wegen seiner Ruhe und Abgeschiedenheit. Dieses Mal war das romantische, zwischen Obstbäumen gelegene Fleckchen allerdings voll mit Chinesen, die sich auf dem ganzen Gelände verteilt hatten und lärmend die Äpfel von den Bäumen rissen. „What should you do?“, fragte die ältere Dame resigniert. Britische Zurückhaltung ließ sich offensichtlich nicht mit dieser Art von Tourismus in Einklang bringen.

Wir hatten Glück, noch eine zweistündige Stadtbesichtigung bei der Touristeninformation zu ergattern. In die meisten Colleges kommt man nur mit einer Führung hinein. Den Vormittag nutzten wir, um die Teile der Stadt zu besuchen, die nicht von der Führung abgedeckt wurden. So liefen wir zum Beispiel durch den Innenhof des allgemein zugänglichen Pembrocke College. 1347 gegründet, ist die nach der Witwe des zweiten Earl of Pembroke benannte Einrichtung das drittälteste College in Cambridge.

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Obwohl keine große Stadt, hat Cambridge viele, viele Geschäfte. Es sind nicht ausschließlich die bekannten Ketten, die die Einkaufsstraßen dominieren, sondern auch Läden mit schönem Kunsthandwerk. Außerdem, so fiel uns auf, gab es außergewöhnlich viele Cafés und kleine Restaurants. Wir fanden sogar ein japanisches Schnellrestaurant, in dem Tellerchen mit kleinen Leckereien auf einem Fließband an den an der Bar Sitzenden vorbeizogen. Bevölkert war es vor allem mit Asiaten.

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Es gibt in Cambridge nicht so viele Colleges wie in Oxford, dafür sind diese aber geräumiger und öffnen sich nach hinten zu einem kleinen Fluss. In Oxford liegen die Innenhöfe hinter hohen Mauern. Die Gebäude sind fast ausschließlich aus gelbbraunem Sandstein errichtet. In Cambridge hingegen trifft man auf eine breite Palette unterschiedlicher Materialen: Fachwerk, roter und weißer Backstein sowie Naturstein aus unterschiedlichen Gegenden.

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Cambridge ist – wenn man so will – eine Abspaltung von Oxford, zu der es 1220 wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Universitätsangehörigen und der Stadtbevölkerung (zwischen town und gown, also Stadt und Talar) kam. Die Differenzen gab es später auch in Cambridge, wo sich 1270 die ersten Colleges bildeten. Früher trat man einem College bei, um wie bei einem Meister in eine Lehre zu gehen. Später übernahm dann die Universität als Dach die Zuständigkeiten für die Lehre und das Prüfungswesen, die Zugehörigkeit zu einem College, in dem man lebte und auch seine Freizeit verbrachte (und natürlich betete, weshalb jedes College seine eigene Kapelle hat), geschah unabhängig von der Universität.

Cambridge ist vor allem bekannt für die Naturwissenschaften. Fast 100 Nobelpreisträger haben hier studiert. Zehn von ihnen hat allein das St John´s College hervorgebracht.

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Vor den Toren der Stadt haben sich in jüngerer Zeit viele Hightech-Firmen angesiedelt. Das „Cambridge Cluster“ umfasst über 800 solcher Unternehmen in der Region. Den Anfang machte 1970 der vom Trinity College begründete „Cambridge Science Park“. 2004 flossen fast zehn Prozent des in Europa investierten Venture Capitals in die Unternehmen des Cambridge Clusters. Es sind nicht nur kleine Start-ups, die sich hier entwickeln. Auch große Unternehmen wie Bayer oder Qualcomm unterhalten Forschungsabteilungen.

Mit der Führung besuchten wir das bekannteste College, das von Heinrich VI. 1440 begründete King´s College.

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Besonders schön ist seine Kapelle, mit deren Bau 1446 begonnen und die erst 80 Jahre später fertiggestellt wurde. Die von flämischen Glasmalern angefertigten Fenster der Kirche sind so groß, dass der Bau fast nur aus Glas zu bestehen scheint. Man kann über die ganze Länge von fast 90 Metern durch die Kirche schauen, da sie ein Fächergewölbe besitzt, sodass auf Säulen gänzlich verzichtet werden kann. Was für eine enorme architektonische Leistung!

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Die Dame von der Tourismuszentrale zeigte uns auch die Schätze jüngerer Zeit, darunter die 2008 aufgestellte „Corpus Christi Clock“, auf der eine schaurige Heuschrecke auf dem Ziffernblatt aus 24karätigem Gold die Zeit frisst.

Schnell ging die Führung vorüber. Wir hatten so viel Interessantes erfahren und bereuten sehr, bereits unmittelbar nach dem Ende die Hälfte wieder vergessen zu haben. So ist das mit den Stadtführungen. Es ist viel zu viel Information, um sich alles zu merken!

Ein sehr ereignisreicher Tag ging seinem Ende entgegen. Wir fuhren zurück ins gemütliche Linton und gingen noch einmal ins The Dog & Duck, das nette Pub, das uns unsere Gastgeberin empfohlen hatte. Schon am Abend zuvor hatten wir dort gut gegessen und sollten auch an dieses Mal nicht enttäuscht werden. Wir entschieden uns für zwei Classiker: Fish and Chips und Burger.

 

Freitag, 11.08.

Morgens lernten wir auch Nigel, den Ehemann von Claire, kennen. Seine Liebe zum Stil der 1940er und 50er Jahre fiel direkt ins Auge: er trug eine Elvistolle und einen Anzug im damals üblichen Schnitt. Herausgeputzt servierte er uns stilvoll unser vegetarisches Frühstück. Selbst seit über 20 Jahren Vegetarier, lassen die Claire und Nigel ihre Gäste an ihrer Überzeugung teilhaben, ohne missionarisch auf sie einzuwirken. Die Zutaten stammen aus heimischen Anbau, die Marmeladen sind selbstgemacht.

Am Tisch mit uns: zwei ältere englische Ehepaare. Das eine Paar sprach nicht viel. Es begleitete eine Gruppe von Pfadfindern und verabschiedete sich recht bald zu einer Segeltour. Das andere Paar kam aus Cambridge. Sie waren beide leidenschaftliche Radfahrer und waren schon an allen erdenklichen Orten mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. So hatten sie auch eine Fahrt entlang des Nordostsee-Kanals unternommen. Die Deutschen lobten sie als äußerst zuvorkommend und hilfreich.Wann immer sie ihre Karte ausgebreitet hätten, seien sie sofort von Passanten gefragt worden, ob man behilflich sein könne. Das freute uns zu hören, auch wenn wir uns das kaum vorstellen konnten. Wir hatten stets die Engländer als hilfsbereit empfunden und uns gefragt, ob man uns in Deutschland ebenso freundlich begegnen würde. Wir sprachen dem Paar unsere Anerkennung aus, sich auf den schmalen, unübersichtlichen Straßen auf das Fahrrad zu trauen. Englands Landstrassen schienen uns alles andere als optimal zum Radfahren. Von den recht rasanten Autofahrern auf dem Land hatten wir ja bereits berichtet. Die beiden hatten keine Bedenken. Sie waren von Cambridge losgefahren, um die Küste Norfolks zu erkunden.

Mit Claire und Nigel kamen wir später beim Abschied ins Gespräch. Wir waren voller Bewunderung, dass sie die Möbelstücke und die vielen kleinen Details so liebevoll zusammengetragen hatten. Auf dem Frühstückstisch hatten wir neben dem Geschirr sogar Pfeffer- und Salzstreuer im Art-Deco-Stil vorgefunden. Unser Badezimmer war ein Original, das die beiden aus einem Haus ausgebaut und im Control-Tower wieder installiert hatten. Ausgehend von einer bereits vorhandenen Sammlung hatten sie noch weitere drei Jahre benötigt, bis die Inneneinrichtung komplett war. Natürlich sammelten sie weiter. Nigel hatte sich überdies amerikanischen Autos aus der Zeit verschrieben, die er auch im Alltag nutzte.

Ich musste an meinen Großvater denken, der während des Zweiten Weltkrieges im Ärmelkanal auf eine Mine gelaufen war. War es nicht seltsam und zugleich auch schön, dass seine Enkeltochter heute in einem Funkturm der Engländer übernachtete? Wir berichteten von unseren Eltern, die den Krieg noch als Kinder erlebt hatten. Unseren Besuch im Control Tower betrachteten wir als unseren Beitrag zur Völkerverständigung, erläuterten wir. Uns sei sehr an einem guten Verhältnis zu den Engländern gelegen, müsse man doch alles tun, um zu verhindern, dass es wieder dazu komme, dass Briten und Deutsche einen unsinnigen Krieg gegeneinander führten. Claire und Nigel teilten unsere Sicht. Als nachfolgende Generation könne man die frühere Feindschaft kaum mehr nachvollziehen. Claire erzählte von einem älteren Deutschen, der kürzlich seine Anfrage nach einem Zimmer sehr humorvoll verpackt hatte: in seiner E-Mail bat er um Lande-Rechte im Control-Tower. Das war eine wirklich witzige Idee, die man einem Deutschen kaum zutraute.

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Wir fuhren ans Meer hinab nach Wells-next-the-Sea. Der kleine Ort, dessen Besuch Claire und Nigel empfohlen hatten, war in der Tat nicht zu touristisch und hatte einen netten kleinen Hafen. Als Folge seiner Versandung liegt die Nordsee fast einen Kilometer weit entfernt. Während des 16. Jahrhunderts hatte der Überseehandel geblüht. Wels zählte zu den wichtigsten Häfen der Gegend. Zeugen sind die alten Lagerhäuser am Hafenbecken.

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Der Stadtkern liegt einen halben Kilometer vom Hafen entfernt. Seinen Namen erhielt das kaum mehr als 2.000 Einwohner zählende Städtchen erst im frühen 19. Jahrhundert. Ursprünglich hieß es „Wells“, abgeleitet von „Wella“, ein Hinweis auf zahlreiche Quellen, die es hier früher gab. Als die Eisenbahn 1857 eröffnet wurde, nannte man die Endstation „Wells-on-Sea“, um die kleine Stadt von anderen Orten mit dem gleichen Namen zu unterscheiden. „Wells-next-the-Sea“ heißt der Ort seit 1956.

Über die Landstraße zuckelten wir vorbei an Morston und Blakeney nach Cley-next-the-Sea. Leider gibt es in England kaum wirkliche Küstenstraßen. Entweder die berühmten Hecken versperren links und rechts die Sicht oder der Weg führt so weit weg, dass man das Wasser kaum noch sieht. So sahen wir nicht viel vom Meer auf unserem Weg nach Cromer.

Auch Cley-next-the-Sea gehörte einst zu den geschäftigsten Häfen in England. Gehandelt wurden Getreide, Malz, Fisch, Gewürze, Tuch, Gerste und Hafer. Flämische Giebel dokumentieren den regen Austausch mit den Niederlanden. Trotz seines Namens liegt Cley bereits seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr am Meer. Die weithin sichtbare Windmühle stand einst direkt am Kai. Jahrzehntelang gehörte sie der Familie des Sängers James Blunt, die dort ein B&B betrieb. 2006 verkauft, kann man in dem beliebten Ferienort weiterhin übernachten.

Außerhalb des Ortes liegt Cley Marshes, ein über 170 Hektar großes Naturschutzgebiet. Das 1926 begründete Vogelreservat ist das älteste des Norfolk Wildlife Trust, der seinerseits die älteste Organisation ist, der sich für Wildtiere einsetzt. Schliff, Süsswassersümpfe, Teiche und feuchte Wiesen sind Rückzugsgebiet für zahlreiche heimische Vogelarten aber auch Rastplatz für Zugvögel. Außerdem finden sich dort viele seltene Pflanzen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der Vogelreichtum bekannt und lockte Jäger an. Heute kommen mehr als ein Drittel der fast acht Millionen Tages- und über fünf Millionen Übernachtungsgäste zur Vogelbeobachtung in den nördlichen Teil von Norfolk. In den Küstenorten entstanden über 2.000 Arbeitsplätze.

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Während des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche militärische Befestigungen am Strand errichtet, darunter auch zwei Bunker, ein Minenfeld und Panzerabwehrblöcke aus Beton. Außerdem gab es hier ein Lager für 160 Kriegsgefangene. Nach dem Ende des Krieges wurden dort osteuropäische Flüchtlinge untergebracht, 1948 wurde es abgerissen.

Der Küstenschutz ist in dieser Gegend von großer Bedeutung. Noch im 17. Jahrhundert verlief die Küstenlinie hunderte Meter weiter nördlich. Die Strategie, die Küstenlinie zu halten (oder gar Land zurückerobern), ist aufwändig und teuer. In ganz Großbritannien müssen über 24.000 Kilometer Küsten- und Flussregionen vor Hochwasser geschützt werden. Allein die Instandhaltung von Deichen, Buhnen und Mauern verschlingt jährlich 150 Millionen Pfund.

Über den Kampf, den man seit Jahrzehnten gegen die Erosion führt, hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2007 anhand von eindrücklichen Beispielen berichtet.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Meeresspiegel sich in den kommenden 100 Jahren um gut einen halben Meter erhöhen wird. Diese Prognose und die hohen finanziellen Belastungen lassen Verantwortliche dazu übergehen, an einigen Küstenabschnitten nur noch die notwendigsten Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, um die Bevölkerung zu schützen. An anderen Stellen – so auch in Cley Marshes – zieht man sich sogar aktiv von der Küstenlinie zurück, indem man Dämme weiter ins Landesinnere verlegt. Die Strategie „Making Space for Water“ bezieht alle Formen der Überschwemmung ein, d.h. sie beobachtet auch die Flusspegel, Grundwasserstände, den Oberflächenabfluss und den Stand der Abwasserkanäle und leitet daraus entsprechende Maßnahmen ab.

Einen kleinen Eindruck konnten wir am Kiesstrand von Cley Marshes bekommen, an den wir einen Abstecher machten: Verschiebt man die Deiche landeinwärts, kann das vorgelagerte Marschland bei Flut unter Wasser stehen. Bau und Unterhalt der Befestigungen betragen nur noch zehn Prozent der Kosten, die für Anlagen aufgewendet würden, die der vollen Wucht der Gezeiten ausgesetzt sind. Außerdem ist es leichter, Land mit hohem wirtschaftlichem Wert zu schützen, wenn benachbarte Gebiete aufgegeben werden. Ein weiterer Effekt: eine reiche Vogelwelt kehrt zurück.

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In Cromer, das bekannt ist für seine Taschenkrebse, fällt das Marschland steil zu einem Sandstrand ab. Außerdem hat die kleine Stadt ähnlich wie das Seebad Brighton einen Pier.

Wir bogen ab ins Landesinnere, wo uns die Landstraße nach Wroxham führte. Der sehr touristische kleine Ort mit knapp 1.500 Einwohnern ist das Zentrum der Norfolk Broads, einem flachen Gebiet, das mit kleinen Flüssen und Seen (Broads) durchzogen ist.

Von der Straße aus konnten wir gar nicht ahnen, was sich uns für eine idyllische Welt auftun würde. Ich hatte gelesen, dass man die Broads am besten vom Wasser aus erkundet und so hatte ich eine Bootstour mit einem Ausflugsschiff eingeplant. Wir hatten sehr viel Glück, einen Parkplatz zu ergattern und auch noch zwei Plätze auf dem Schiff, das um 14 Uhr ablegte, denn es war sehr, sehr voll.

Es gibt in Norfolk zwei große und mehr als 30 kleine Broads, die durch ein Labyrinth von Wasserwegen miteinander verbunden sind. Das System, von dem fast 200 km schiffbar sind, hat über den Fluss Bure bei Great Yarmouth Zugang zur Nordsee.

Seit 1988 sind die Broads Nationalpark. Sie sind nicht natürlich, sondern durch den Abbau von Torf seit dem Mittelalter entstanden. Seit dem 14. Jahrhundert stieg der Meeresspiegel und die Gruben füllten sich mit Wasser. Heute dürfen die vielen kleinen Motorboote und Ausflugsschiffe nur sehr langsam fahren und von Zeit zu Zeit werden Teile gesperrt, um der Natur Gelegenheit zur Erholung zu geben.

Ein kurzer Film auf der Webseite des Broads National Park gibt einen kleinen Eindruck dieser ganz besonderen Landschaft.

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Es war herrlich, zwei Stunden lang sanft dahinzuschippern: zunächst vorbei an den Hintergärten der hübsch herausgeputzten Ferienhäuser von Wroxham, dann entlang der dicht mit Schliff und Bäumen bewachsenen Ufer.

Als wir die vollen Ausflugsschiffe am Hafen sahen, waren wir zunächst etwas skeptisch gewesen, ob es sich wirklich lohne, eine längere Zeit mit einer größeren Gruppe mehrheitlich älterer Herrschaften auf einem Schiff zu verbringen.

Doch es war herrliches Wetter und die Mischung aus Kanalfahrt, wie wir sie aus Hamburg von den Nebenarmen der Alster kennen und der dicht bewachsenen Natur vergleichbar mit dem Spreewald war eine wohltuende Abwechslung zum Autofahren.Ohne die Tour wären uns die lebendige kleine Welt der Broads völlig verborgen geblieben.

Weil die Zeit schon fortgeschritten war, mussten wir im Anschluss ein paar Besuchspunkte von unserer Liste streichen: das sehenswerte Bury-St.-Edmunds und Ely sowie eine Anzahl hübscher kleiner Dörfer vor den Toren von Cambridge, die sogenannten „woolen towns“. Dort hatten sich im 14. Jahrhundert Tuchmacher aus Flamen angesiedelt. Es ist eben nicht alles möglich auf dieser Reise. Wie heißt es so schön: „You won‘ t see anything, if you try to see everything“.

Auf direktem Wege (und bis dorthin waren es auch immer noch 1,5 Stunden) fuhren wir über die Schnellstraße in Richtung Cambridge.

Wir durchquerten Breckland – eine flache Heidelandschaft, von Zeit zu Zeit von Kiefernwäldern unterbrochen. Die Gegend zählt zu den trockensten in ganz Großbritannien. Der karge sandige Boden erschwert die Landwirtschaft. Es kommt immer wieder zu Sandstürmen. 1668 verschlangen sie sogar ein ganzes Dorf.

Als „Breck“ bezeichnete man im Mittelalter ein für eine gewisse Zeit angelegtes Feld. Nachdem der Boden erschöpft war, gab man die Bewirtschaftung auf und überliess es wieder der Natur.

Es war in Norfolk, wo zu Beginn des 18. Jahrhunderts sowohl die Grundlage als auch die Voraussetzung für die Industrialisierung geschaffen wurde. Das Norfolk four-course-system ersetzte die bis dahin übliche Dreifelderwirtschaft. Im ersten Jahr der Fruchtwechselwirtschaft wird Weizen angebaut, im zweiten Jahr Rüben, gefolgt von Gerste und Heu im dritten Jahr. Die kultivierten Futterpflanzen verbesserten die Gesundheit der Nutztiere, der Verzicht auf Brachland und der Einsatz natürlicher Düngemittel erhöhten die Erträge. Hinzu kamen verbesserte landwirtschaftliche Geräte wie etwa der gusseiserne Pflug, der 1785 patentiert wurde. Durch Kreuzungen heimischer Rinder mit importiertem Vieh wurden fleischreichere Tiere gezüchtet. Die neuen Methoden wurden nach und nach von anderen europäischen Staaten übernommen. In Preußen gingen sie mit der Bauernbefreiung einher. Mit seinen „Kartoffelbefehlen“ versuchte Friedrich II. deren Anbau durchzusetzen, um Hungersnöten zu begegnen. In Frankreich wurde im Zuge der Französischen Revolution die Leibeigenschaft aufgehoben.

In England waren die verstreuten Anbauflächen der Kleinbauern schon seit der frühen Neuzeit zusammengelegt und von Großgrundbesitzern eingefriedet worden. Der Prozess der Konzentration zog eine Verarmung der Bauern nach sich: sie verkauften ihren bescheidenen Besitz und ließen sich als Landarbeiter bei den Großgrundbesitzern anstellen. Die Agrarrevolution setzte Arbeitskräfte frei, die ihr Glück in den wachsenden Städten suchten. Dort standen immer mehr billige Arbeitskräfte für die neuen Fabriken zur Verfügung. Eine Entwicklung, die letztlich auch die Industrialisierung förderte.

Seit der Steinzeit wird in Breckland Flintstone abgebaut. Der Feuerstein wurde für Werkzeuge, Steingeschossgewehre und als Baumaterial verwendet. Die Grimes Graves, ein jungsteinzeitliches Bergwerk in der Nähe von Thetford, legen davon Zeugnis ab.

Ein einträgliches Geschäft war die Kaninchenzucht. Von den Normannen im 12. Jahrhundert in England eingeführt, wurden die Tiere zunächst in Gehegen, den Warrens, gehalten. Man schätzte sie als Fleischlieferant und wegen ihrer Pelze. Sie wurden nicht nur auf lokalen Märkten gehandelt, sondern auch nach Cambridge und bis nach London geliefert. Während des 16. und 17. Jahrhunderts gab es auf dem Höhenzug von Mildenhall über 26 Warrens. Einige hielten über 20.000 Tiere.

Nach einer langen Fahrt erreichten wir unser letztes B&B in Linton. Für zwei Nächte waren wir zu Gast bei Judy, einer hochgewachsenen älteren Dame, die einen etwas zerbrechlichen Eindruck machte. Mit ihrer zurückhaltenden Art wirkte sie wie eine Bibliothekarin auf uns. Sie sprach sehr leise. Kaum hatte sie uns alles erklärt, verschwand sie auch schon wieder in dem großen, zweistöckigen Haus (wahrscheinlich, um ihre Bücher zu katalogisieren oder sich in alte Schriften zu vertiefen). Wir bekamen ein geräumiges Zimmer mit schönen alten Möbeln aus Mahaghoni. Die Matratze war so hoch, dass man Anlauf nehmen musste, um sich aufs Bett zu schwingen. Tatsächlich befand sich auf der einen Seite des Bettes ein kleines Höckerchen, das die bemühen konnten, die zu kurze Beine haben.

Im örtlichen Pub kehrten wir zum Abschluss des Tages noch auf ein Glas Cider ein. Anders als im westliche Teil des Landes, wo Mostäpfel verwendet werden, besteht der in Norfolk seit dem 13. Jahrhundert gewonnene Cider aus süßen Dessertäpfeln und ist eher ein Apfelwein. Was sollte ich nur in Deutschland tun, wenn ich abends meinen Cider nicht mehr bekäme?

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Donnerstag, 10.08.

Morgens erwartete uns Sonnenschein. Ein perfekter Tag, um sich in Richtung Küste aufzumachen.

Jane schuf die richtige kulinarische Grundlage. In ihrem traditionell eingerichteten Eßzimmer mit dunklen Mahagoni-Möbeln war liebevoll für uns zwei gedeckt. Über Nacht war es recht kalt gewesen. Das alte Gemäuer – die ältesten Teile der Farm sind über 250 Jahre alt – war ausgekühlt. Das künstliche Feuer, das im Kamin brannte, kam gerade recht.

Die Vorbehalte meiner Begleitung gegenüber einer Übernachtung auf einer Farm erwiesen sich als unbegründet: es roch nicht unangenehm nach Kühen und die Zimmer waren frei von Fliegen. Jane führte einen äußerst akkuraten Haushalt. Nicht ein einziges Staubkörnchen war irgendwo zu finden. Auch das blaugestrichene Eßzimmer glänzte nur so vor Sauberkeit. Auf dem Frühstückstisch befand sich alles in hübschen kleinen Gefäßen: Von der Butter über die Marmeladen bis hin zu den Soßen für das warme Frühstück. Neben jedem Töpfchen lag überdies noch ein eigener Löffel bereit und für die Butter gab es sogar ein formschönes Buttermesser. Der Tee wurde mit einer zusätzlichen Kanne heißem Wasser serviert. Ein Sternehotel hätte es nicht besser machen können.

Bei unserer Verabschiedung plauderten wir uns noch richtig fest. Höflich lobte Jane unser gutes Englisch und entschuldigte sich und ihre Landsleute, nicht derart gut Deutsch zu sprechen. Das machte uns verlegen, denn längst schon ist unser Englisch nicht mehr so gut wie kurz vor dem Abitur! Sprachen wollen gepflegt werden, sonst gehen sie ein wie Blumen, die man nicht regelmäßig gießt.

Wir erzählten unserer „Herbergsmutter“ von unserer Enttäuschung über York. Sie befand, dass das nahegelegene Lincoln sehenswerter sei. Auch die Kathedrale sei schöner und die Stadt bei weitem nicht so frequentiert. Obwohl unserer Zeitplan relativ eng war, folgten wir Janes Rat und nahmen ihre Wegbeschreibung zu den Parkplätzen in Citynähe gerne an.

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Wir wurden nicht enttäuscht: bei bestem Wetter genossen wir eine sehr hübsche Stadt mit ihrer weithin sichtbaren, auf einem Hügel gelegenen Kathedrale und einer Burg, in der sich eines der vier noch vorhandenen Exemplare der Magna Charta befindet.

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Die 1215 von König Johann erlassene Urkunde hat für die britische und amerikanische Geschichte eine herausragende Bedeutung, zwang sie doch erstmals überhaupt einen König, die Rechte seiner Untertanen (wobei ausschließlich Adlige gemeint waren) zu verbriefen. Die Burg wurde 1068 von William dem Eroberer erbaut. Sie ist gut erhalten, da sie bis ins 19. Jahrhundert hinein als Gefängnis diente. Bis 1868 haben auf dem Dach des nördöstlichen Turms öffentliche Hinrichtungen stattgefunden.

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Im Jahr 48 n.Chr. hatten die Römer eine Siedlung mit dem Namen Lindon vorgefunden. Sie errichteten eine Garnison und nannten sie Lindum Colonia, woraus später Lincoln wurde. Den kleinen Fluss Witham verbanden sie durch eine 18 km lange, künstliche Wasserstraße mit dem Trent. Über den Foss Dyke konnten die Truppen im Norden mit den Erzeugnissen der fruchtbaren Äcker Norfolks versorgt werden. Im 12. Jahrhundert und im 18. Jahrhundert wurde der Kanal erneuert und vertieft. Mit dem Bau der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts ging seine Bedeutung zurück. Heute wird der Kanal fast ausschließlich von Freizeitkapitänen genutzt.

Rund um den Brayford Pool, den Binnenhafen der Stadt, der im Mittelalter einer der wichtigsten Umschlagplätze für Wolle war, stehen inzwischen moderne Büro- und Wohnhäuser sowie die Gebäude der Universität. Erhalten geblieben am Wasser ist eine Brücke aus dem 12. Jahrhundert, auf der Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrundert stehen.

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Entlang des „Steep Hill“, der zur Kathedrale führt, befindet sich das frühere jüdische Viertel. Bis zu ihrer Vertreibung im Jahr 1290 gab es in Lincoln eine reiche jüdische Gemeinde. Einer ihrer Mitglieder soll sogar Geldschäfte mit dem Königshaus gemacht haben.

Eines der ältesten Stadthäuser Englands ist Jew´s House. Aus lokalem Kalkstein in normannischem Stil erbaut, ist ein Teil der Fassade aus dem 12. Jahrundert noch erhalten. Bis heute ist das Haus bewohnt.

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Die Kathedrale stammt aus dem 12. Jahrhundert und zählt zu den bedeutensten Werken der englischen Gotik. Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert soll sie das höchste Gebäude der Welt gewesen sein. Um seine Macht zu sichern, holte Wilhelm der Eroberer Rémy de Fécamp aus der Normandie, um im Schutz der alten römischen Mauern auf dem Hügel von Lindum ab 1072 eine Abtei zu errichten. Rémy starb zwei Tage vor der Einsegnung der Kathedrale im Jahre 1092.

Nach einem Brand wurde die Kathedrale ab 1123 wieder aufgebaut. Die vielen Figuren der Westfassade sind auf den extravaganten Geschmack des Auftraggebers zurückzuführen. Weil der Bau so kostspielig war, wurde Bischof Alexander auch „der Prächtige“ genannt. Prunkbauten mit explodierenden Kosten gibt es auch heute noch, denkt man an den Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst. Die Kritik an ihm war so stark, dass der Papst ihn 2013 von seinen Pflichen entband.

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Lincoln, das sich bereits im Mittelalter durch den Woll- und Tuchhandel zu einer wohlhabenden Stadt entwickelt hatte, ist mittlerweile ein bedeutender Industriestandort. Teledyne e2v, ein Technologieunternehmen der Gesundheitswirtschaft, Siemens, Dynex Semiconductor und die italienische Firma Bifrangi, die Komponenten für Marine, Landwirtschaft, Stromerzeugung und Bergbau herstellt, haben in Lincoln einen Sitz.

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Die Stadt mit ihren vielen hübschen Geschäften in den engen, steilen Gassen hat uns außerordentlich gut gefallen. Es mag auch daran gelegen haben, dass wir dort eintrafen, bevor die Touristenströme die Stadt eroberten. Als wir zum Auto zurückkehrten, war auf den diversen Parkplätzen kaum mehr ein Platz zu bekommen. In der Hochsaison muss man also Stadtbesuche unbedingt in die Morgenstunden legen. Am besten man beginnt mit dem Besuch, wenn die ersten Geschäfte öffnen.

Von Lincoln hatten wir eine längere Strecke über King´s Lynn bis an die Küste Norfolks vor uns. Sie führte durch das platte Land mit seinen vielen weiten Getreidefeldern.

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Bei Waddington kamen wir an einem Militärflugplatz der Royal Air Force vorbei. Der Stützpunkt wird seit 1916 betrieben. Während des Zweiten Weltkrieges starteten hier auch Bomber der Royal Australien Air Force ihre Angriffsflüge auf Deutschland, im Kalten Krieg waren britische Atombomber stationiert. Heute ist der Flugplatz Haupteinsatzbasis für Spezialmissionen.

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Zur Begeisterung meines Begleiters starteten just als wir passierten große Militärflugzeuge zu Aufklärungsflügen. Auf einem Parkplatz, von dem man den Start der Flugzeuge beobachten konnte, trafen wir zwei Plane Spotter. Die mit professionellen Kameras ausgestatteten jungen Männder verrieten uns, dass ganz in der Nähe eine weitere Air Base war, wo es rege Flugbewegungen gab. Natürlich mussten wir einen Schlenker machen.

In Corningsby konnten wir noch den letzten Teil einer kleinen Flugshow mit alten Militärmaschinen verfolgen: Spitfire, Lancaster und Eurofighter kreisten am Himmel. Fasziniert standen wir mit anderen Schaulustigen am Zaun des Militärgeländes und beobachtete das Treiben. Sich loszureißen fiel schwer.

Doch die Küste wartete und es galt den herrlichen Tag zu nutzen.

Bei Sutton Bridge überquerten wir die Crosskeys Bridge, eine Drehbrücke von 1897 über den Fluss Nene. Ursprünglich war sie sowohl für den Straßen- als auch für den Schienenverkehr ausgelegt. Seit die Bahnstrecke 1965 stillgelegt wurde, verbindet die belebte A 17 auf beiden Seiten Lincolnshire mit Norfolk.

Luftfahrtbegeisterten Menschen mag „Nene“ ein Begriff sein: Rolls-Royce benannte sein drittes Strahltriebwerk nach dem 160 Kilometer langen Fluss, der durch Northamptonshire, Cambridgeshire, Lincolnshire und Norfolk fließt. 1944 innerhalb eines knappen halben Jahres geplant und gebaut, wurde die Rolls-Royce Nene in der Hawker Sea Hawk und dem Supermarine Attacker eingesetzt. Sie trieb auch das erste zivile Strahlflugzeug, eine Vickers Viking, an, die ihren Jungfernflug im April 1948 absolvierte.

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Die Mündungen der Flüsse Nene, Witham, Welland und Great Ouse in die Nordsee bilden eine weite Einbuchtung, die „The Wash“ genannt wird. Der Legende nach soll König Johann Ohneland hier einst seine königliche Robe verloren haben. Seither amüsiert das Wortspiel „King John lost his clothes in the Wash“.

Das als Sumpf bezeichnete Binnenland „The Fens“ diente einst als Überschwemmungsgebiet der Flüsse. Sedimentablagerungen und künstliche Landgewinnung haben die Küstenlinie im Laufe der Jahrhunderte verschoben. So befinden sich einige Städte, die einst am Meer lagen, heute weit im Landesinneren. Bereits die Römer entwässerten Teile der Fens und schufen ein System schnurgerader Land- und Wasserwege. Im 17. Jahrhundert holte der Herzog von Bedford den holländischen Ingenieur Cornelius Vermyden nach Norfolk, der die Umwandlung der Fens in Weide- und Ackerland vorantrieb. Über die Jahrhunderte sackte der entwässerte Moorboden ab, sodass Teile der trockengelegten Fens heute fast fünf Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Regelmässig kommt es zu Überschwemmungen. In kalten Wintern frieren sie zu. Neben Eisschnelllauf-Wettkämpfen finden seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die dem Eishockey ähnlichen Bandyspiele statt.

Die flache Landschaft fast ohne Hecken und Bäume mit wenigen einsamen Gehöften scheint auf den ersten Blick nicht spektakulär zu sein. Doch Salzwiesen, Sandbänke, seichte Wasserstellen und Kanäle haben ihren ganz eigenen Reiz.

Bei Snettisham unterhält die Royal Society for the Protection of Birds ein Naturschutzgebiet. Die größte Organisation zum Schutz der Wildvögel in Europa hat über eine Million Mitglieder. Sie wurde 1889 gegründet, um die Verwendung des Gefieders der Haubentaucher in der Modeindustrie zu stoppen. Damals wurden die Federn vor allem für Hüte und für Krägen verwendet, der Haubentaucher war wegen der intensiven Bejagung vom Aussterben bedroht.

Ein Bild von den ursprünglichen Fens kann man sich im Wicken Fen Nature Reserve in der Nähe von Cambridge machen: Das Reservat ist eines von den vier übriggebliebenen Fens und das erste vom National Trust betreute Naturschutzgebiet. Die erste Parzelle wurde 1901 von dem Bankier Charles Rothschild, dem Sohn des 1. Baron Rothschild, gestiftet. Wicken Fen ermöglicht auch einen Einblick in das Leben der Bewohner der Fens im Mittelalter. Neben dem Ackerbau zählten Rinderzucht, Fischfang, die Jagd auf Wasservögel sowie der Verkauf von Torf und Reet zu den Einnahmequellen.

Mehr und mehr gestresste Londoner schätzen die weite Sicht und die frische Luft als Quell der Erholung. Küste und Hinterland eigenen sich zum Wandern und Radfahren, Unerschrockene baden in der kalten Nordsee.

Auch die Königin weiss die Ruhe des ländlichen Norfolks zu schätzen. Alljährlich verbringt sie mit ihrer Familie die Weihnachtsfeiertage und Neujahr in Sandringham House, dem königlichen Landsitz in der Nähe von King´s Lynn. Königin Victoria hatte 1862 für ihren Sohn, den späteren König Edward VII. und seine Frau das ursprünglich auf dem Gelände befindliche Herrenhaus gekauft. Weil es zu klein war, wurde es abgerissen und neu gebaut. Die Residenz aus roten Ziegelsteinen wurde 1870 fertiggestellt und blieb seither weitestgehend unverändert.

Im Schloss kann man Geschenke anschauen, die das Königshaus von Monarchen aus aller Welt erhielt, darunter einen Leuchter aus Meißner Porzellan von Kaiser Wilhelm. Im Reitstall sind neben Jagdtrophäen Staatskarossen ausgestellt, etwa das erste Auto der Königsfamilie, ein Daimler Phaeton von 1900. Für den Besuch des Schlosses, seines weitläufigen Gartens und des 243 Hektar großen Parks benötigt man ein paar Stunden Zeit.

Wir machten stattdessen einen Abstecher nach „Sunny Hunny“. Das Seebad Hunstanton ist der einzige Ort an der englischen Ostküste, wo man die Sonne über dem Meer untergehen sehen kann. Bekannt ist das kaum 5.000 Einwohner zählende Städtchen auch für seine zweifarbigen Klippen aus rotem und braunen Sandstein.

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Die verherrende Flut von 1953 – die schwerste Nordsee-Sturmflut des 20. Jahrhunderts, die in den Niederlanden, Belgien und Großbritannien weit über 2.000 Menschen das Leben kostete, ließ die Nordsee in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar bei King´s Lynn auf fast 3 Meter ansteigen. Am Südstrand von Hunstanton brach ein Damm, sodass das Wasser weit ins Landesinnere floß. Ein Zug, der nach King´s Lynn unterwegs war, kollidierte mit einem der umher schwimmenden Häuser und entgleiste. Unter den 31 Toten, die Hunstanton zu beklagen hatte, waren auch 16 dort stationierte Soldaten der amerikanischen Luftwaffe.

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Die Bezeichnung „Norfolk“ rührt von den frühen Siedlern im 5. Jahrhundert. Die Angeln, die England seinen Namen gaben, wurden später „nördliche“ und „südliche Leute“ (north folk und soulth folk) genannt, woraus die Grafschaften Northfolk und Suffolk abgeleitet wurden. Der Einfluss der frühen Siedler wird heute noch an Ortsnamen mit Endungen wie „-ton“ oder „-ham“ sichtbar. Solche, die auf „-by“ oder „-thorpe“ enden, machen den dänischen Einfluss deutlich. Die Dänen waren im 9. Jahrhundert nach England gekommen. Sie gründeten Siedlungen und wandelten die Feuchtgebiete im Osten zu Ackerland um.

Einst zählte die Gegend zu den am dichtesten besiedelten Teil der britischen Inseln. Im Hoch- und Spätmittelalter dominierte neben dem Ackerbau auch die Wollindustrie. Der Wohlstand, den sie brachte, zeigt sich an der großen Zahl von Kirchen. Von den ursprünglich über 1.000 sind über 650 erhalten – mehr als im übrigen Königreich.

Die Pest führte zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang. So starben in Norwich, das zu dieser Zeit zweitgrößte Stadt Englands war, 1579 mehr als ein Drittel der Einwohner. Eine zweite Epidemie reduzierte die Zahl 1665 wurde um ein weiteres Drittel.

An der Industriellen Revolution nahm Norfolk kaum teil. Es ist bis heute weitgehend von der Landwirtschaft geprägt, wobei große Getreide- und Rapsfelder überwiegen.

Unter den Freunden des Motorsports ist Norfolk als Heimat des Rennstalls „Lotus“ bekannt. Lotus Cars hat seinen Sitz in Hethel in der Nähe von Norwich. Auch in der Luftfahrt hat es sich einen Namen gemacht: waren bereits im Ersten Weltkrieg erste Flugplätze entanden, kamen während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche weitere hinzu.

Die für die Gegend typischen Häuser sind aus Backstein gebaut und mit dem regionalen Flintstone verkleidet. Der auch als Feuerstein bekannte Kiesel hat eine schwarze bis graue Färbung. Verwittert er, so wird er zunehmend milchig. Die unregelmäßige Struktur der Fassaden erinnert an Kopfsteinpflaster.

Entlang der Küste ging es zu unserem B&B. Der Control Tower liegt auf dem Gelände des ehemaligen RAF-Flugplatzes North Creake. 1942 erbaut, konnten dort fast 3.500 Mann untergebracht werden.

1947 gab die Royal Air Force das Gelände auf. Schon von weitem sichtbar sind die Getreidesilos eines Tierfutterherstellers, der heute auf einem Teil des Grundstücks seinen Sitz hat. Erhalten blieb der Funkturm von 1943, mit dem während des Zweiten Weltkriegs der Flugverkehr überwacht wurde. Claire und Nigel haben ihn aufwändig rennoviert und mit viel Liebe zum Detail in ein B&B verwandelt.

Ausgestattet mit Möbeln und Erinnerungsstücken der 1940er und 1950er Jahre, ist der Controll-Tower eine echte Sehenswürdigkeit. Wenn das nicht ein gelungener Abschluss des Tages war, an dem Flugzeuge ganz überraschend eine so große Rolle spielten.

Der Controlltower liegt in der Nähe von Walsingham. Kaum vorstellbar, dass der kleine, verträumte Ort während des Mittelalters eines der größten Wallfahrtsorte Nordeuropas war. 1061 hatte die sächsische Adlige Richeldis de Faverces dort eine Vision von der Jungfrau Maria. Sie wurde beauftragt, eine Replik des Hauses der Heiligen Familie in Nazareth zu bauen. Das Haus wurde mit Holz getäfelt und enthielt eine Statue der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf ihrem Schoß.

Für das Abendessen empfahl Claire uns ein Pub in der Nähe. Es war rustikal eingerichtet – ein junger, etwas frischerer Stil, ohne den Geist des englischen Pubs wirklich aufzugeben. Von einigen regionalen Besonderheite abgesehen ähneln sich die Speisekarten der Pubs: man findet Fish and Chips und unterschiedliche Pies, Burger und Lamm-Gerichte. Hier konnte man zusätzlich auch Pizza aus dem Steinofen bekommen. Was wir vermisst haben, sind Salate als Hauptgericht.

Als Nachtisch wählte ich einen „sticky toffee pudding“. Wiederholt war mir dieser auf Karten aufgefallen, doch war ich meist zu gesättigt, um über ein Dessert auch nur nachzudenken. Bevor sich die Reise zu Ende ging, wollte ich diese Nachspeise aber unbedingt noch einmal versuchen. Mein Gegenüber erklärte wortreich, dass das so ganz und gar nichts für ihn sei. Er möge kein Karamell und außerdem malträtiere man damit seine Zähne, allen voran die Zahnfüllungen. Ich ließ mich nicht irritieren und bestellte. Unter „Pudding“ versteht man in England nicht das, was wir damit verbinden. Es sind keine reinen Milchspeisen, sondern meist eine Kombination aus Weißbrot mit Früchten oder Eiern. Das hört sich seltsam an, schmeckt aber in der Regel richtig gut (von Black Pudding, der englischen Variante der Blutwurst, hatte ich ja schon berichtet).

Einige Minuten später landete der „toffee pudding“ auf unserem Tisch. Kritisch beäugte meine Begleitung das zugegebener Maßen nicht besonders schön aussehende karamellfarbene Etwas, das auf Karamellsoße und mit einer Kugel Vanilleeis serviert wurde. Er war mutig genug, um es vorsichtig zu probieren und dann völlig begeistert festzustellen, dass es einer Nachspeise sehr ähnlich war, die er aus seiner Kindheit kannte. Sie bestand aus Eiern, Weißbrot und Zucker und wurde in einer speziellen Form im Wasserbad gegart und danach gestürzt. „Ach das ist das“, rief er freudig und nachdem sein Löffel sich ein zweites Mal auf meinem Teller gefüllt hatte, war ich den Teller los. Meine Begleitung hatte ihn an sich gezogen und mampfte mit großem Appetit meine Nachspeise, die er zuvor wortreich verschmäht hatte! Als er seinen Fauxpas bemerkte, schaute er mich betreten mit seinen großen Augen an. Wie konnte man ihm da noch böse sein? Wir haben sehr gelacht. Die Geschichte mit dem verschmähten sticky toffee pudding, der sich dann geradezu als Leibspeise entpuppte, werden wir wohl nie vergessen.

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Mittwoch, 09.08.

Am Morgen hatte der Regen aufgehört. Yorkshire lag wie frisch gewaschen vor unserem Fenster. Die Fahrt durch die unvergleichliche Natur der Dales nach York konnten wir so ganz ungetrübt genießen.

„God´s Own Country“, wie Yorkshire auch genannt wird, war der Schauplatz vieler beliebter Bücher. Neben „Dracula“ auch „Jane Eyre“ und „Sturmhöhe“ der Brontë-Schwestern, die in den düsteren Moorlandschaften Yorkshires spielen. Schon früh verloren die drei Pfarrerstöchter Charlotte, Emily und Anne ihre Mutter und zwei ältere Schwestern. Ihre Tante zog nach Haworth und zog sie und ihren Bruder groß. Die Kinder lebten in ihrer eigenen Phantasiewelt, die später Grundlage ihrer Romane und Gedichte werden sollte. Schon mit 30 Jahren erlag Emily einer Lungenentzündung. Anne starb mit 29 an Tuberkulose und Charlotte wurde mit 39 Opfer eines unbehandelten Schwangerschaftserbrechens. Viele Orte in und um Haworth dienten den Schwestern als Inspiration für ihre Werke. Ihr Geburtshaus in Thornton steht noch und kann besichtigt werden.

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Wenn Maler die Farbe „grün“ studieren wollen, ist diese Gegend der richtige Ort: die Landschaft besteht aus so unendlich vielen Grünschattierungen, dass man sie gar nicht zählen kann. Saftige Wiesen in Lindgrün, so wie wir es von dem ersten Grün der Bäume im Frühjahr kennen, Hecken und Bäume in dunkleren Tönen, von Sonne beschienene Fleckchen und solche, auf die durch Wolken Schatten fällt. Dazu natürlich Schafe: Grasende Schafe, dösende Schafe und Schafe, die einfach in die Landschaft schauen. 15 Millionen Tiere stehen auf britischen Wiesen. Damit hält das Land die größte Schafsherde der Europäischen Union. Auf jeden zweiten Einwohner kommt ein Schaf. Weltweit rangiert Großbritannien auf Platz 25 (zum Vergleich: in Neuseeland kommen auf 1.000 Einwohner weit über 10.000 Schafe, in Deutschland gerade einmal 34).

Es sind spezielle Rassen, die mit dem rauen Klima zurechtkommen. Auf den Anhöhen der Dales waren nur 11 Grad und die Winter können, wie wir gelernt haben, hart und bitterkalt sein.

Neben Grün und Schafen sind auch die vielen grauen Steinmauern charakteristisch für die Landschaft. Scheinbar ohne jegliche Systematik ziehen sie sich durch die Wiesen. Die Steine werden einfach nur aufeinander geschichtet. Mit der Zeit wächst Moos darüber und hält sie zusammen.

Wir passierten Grassington. Der kaum mehr als 1.100 Einwohner zählende Marktflecken im Wharfedale ist typisch für die Dörfer in North Yorkshire.

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Erstmals unter dem Namen Gherinstone erwähnt, steht der Name vermutlich für ein von Gras umgebenes Gehöft. Auch wenn meist von einem Dorf gesprochen wird, erhielt Grassington bereits 1282 Marktrechte. Bis 1860 wurde dort regelmäßig ein Markt abgehalten. Schon im 17. Jahrhundert kam der Ort durch Bleivorkommen zu Wohlstand. Seine Blüte erlebte er jedoch Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts als die Eisenbahn die ersten Touristen brachte. Die Verbindung zu Skipton, wo Kalksteinbrüche entstanden waren, machte das Pendeln möglich und so kamen auch neue Bewohner in den Ort.

Heute laden Geschäfte, Restaurants und Cafés rund um den Kopfstein gepflasterten Marktplatz sowohl Wanderer als auch Durchreisende zum Verweilen im Hauptort des Upper-Wharfedale ein.

Als wir die scenic road bei Bolton Abbey verließen, einem Ort, in dem es abermals eine verfallene Abtei zu besichtigen gab, schwang etwas Wehmut mit.

Wir haben dieses „James-Herriot-England“ ins Herz geschlossen: Seine atemberaubenden Landschaften – Moors, Dales und Peaks mit Heidekraut, Hochmooren, Bergen, Tälern und Wäldern. Dazu Geschichte, die überall fühl- und sichtbar ist – Burgen und Schlösser, herrschaftliche Anwesen und eindrucksvolle Klosterruinen. Neben Rievaulx auch das riesige Castle Howard und die nördlich von Harrogate gelegene Fountains Abbey mit dem Studley Royal Water Garden, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören.

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Man hätte in den drei riesigen Nationalparks wandern oder die Küste erkunden können, die für ihre malerischen Fischerorte bekannt ist und im Sommer Touristen in die Badeorte lockt. Auch die einstigen Industriezentren Sheffield und Leeds, die sich zu quirligen Shoppingparadiesen gewandelt haben, wären sicherlich einen Besuch wert gewesen.

Die Residenzstadt der Grafschaft, die 2000 Jahre alte Universitätsstadt York, wollten wir uns nicht entgehen lassen. Der Reiseführer hob hervor, die Stadt sei unbedingt sehenswert. Habe man nur einen Tag für Nordengland zur Verfügung, so gelte es nach York zu fahren.

Das Wharfedale öffnete sich zu den Niederungen des Vale of York, einem flacheren Gebiet, auf dem Ackerbau vorherrscht.

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York empfing uns im Sonnenschein. Bis in die Neuzeit war York die zweitwichtigste Stadt nach London. In den schottischen Kriegen war sie Stützpunkt der königlichen Armeen. 1175 unterwarf sich der schottische König Heinrich II. Nach der industriellen Revolution wurde York Mittelpunkt des Eisenbahnnetzes. Größte Arbeitgeber während des 19. Jahrhunderts waren neben der Tuchindustrie die Süßwarenhändler. Zwei Familien der puritanischen Quäker gründeten hier Schokoladenfabriken. Heute gehören sie internationalen Lebensmittelkonzernen und der wirtschaftliche Schwerpunkt der 100.000 Einwohner zählenden Stadt liegt bei Dienstleistungen – der Universität und dem Tourismus.

Der Tourismus war es, der York für uns zur Enttäuschung machte. Die Stadt war so voll mit Menschen aus aller Welt, dass man die Einkaufsstraßen mit den historischen Gebäuden kaum richtig sehen, geschweige denn fotografieren konnte. Das vom Reiseführer gepriesene „Betty´s„, ein Café in dem man unglaublich guten Kuchen bekommen soll, glich von der Atmosphäre der Wartehalle eines überfüllten Busbahnhofs. Wie, fragten wir uns, sollte man dort die versprochene „authentisch englische Teekultur“ genießen, wenn man umgeben von Touristen ist? Um überhaupt einen Tisch in dem von Menschen überquellenden Café zu bekommen, hätte man sich in eine lange Warteschlange einreihen müssen, die sich vor dem Geschäft bis auf den davor liegenden Platz wand. Man hätte wohl mindestens eine Stunde anstehen müssen. Wir wühlten uns an der Schlange vorbei, um die Auslagen des angeschlossenen Ladens zu betrachten. Ja, es gab dort das eine oder andere recht hübsch anzusehende Törtchen, doch so phantastisch wie im Reiseführer angepriesen, war das alles nicht. Bereits um 15 Uhr schienen die Auslagen relativ leer gekauft. Wahrscheinlich von den Trupps von Asiaten, die sich mit großen Betty´s Papiertüten durch die Straßen zum Minster schoben. Asiaten haben den Ruf, alles zu kaufen, was teuer ist und einen Namen hat. Das 1919 von einem Schweizer begründete Betty´s hat einen Namen und es ist teuer.

Die nächste Enttäuschung folgte beim majestätisch aus der Stadt herausragenden Münster, eine der größten Domkirchen Europas und eines der bedeutendsten gotischen Bauwerke: der Besuch der Kirche kostete 10 Pfund pro Person. Die meisten Touristen zückten ihr Portemonnaie ohne mit der Wimper zu zucken.

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Wir flüchteten uns in ein Café in einer der Nebenstraßen, wo wir einen mäßigen Cappuccino bekamen und zwei durchschnittlich gute Stückchen Kuchen. Ein gemütlicher Bummel wie in Chester ist hier – wie in vielen europäischen Städten während der Hochsaison – vermutlich nur in den frühen Morgenstunden möglich.

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Über die Humber Bridge in der Nähe von Kingston upon Hull verließen wir Yorkshire und gelangten in die Grafschaft Lincolnshire. Die eindrucksvolle Brücke war 17 Jahre lang die längste Hängebrücke der Welt. Überlegungen zur Querung des Humber gab es schon 100 Jahre bevor 1972 endlich der erste Spatenstich erfolgte. Bis dahin war das Unternehmen stets am fehlenden Geld gescheitert. Erst im Juli 1981 konnte die Brücke feierlich von Queen Elisabeth eröffnet werden. Das Verkehrsaufkommen blieb allerdings unter den Erwartungen. Bis heute haben die Mautgebühren die Baukosten nicht kompensieren können.

In Großbritannien gibt es eine Reihe von gelungenen Public-Private-Partnership-Projekten. Etwa die drei Dartford-Querungen bei London oder die beiden Brücken über den Fluss Severn. Die Humber Bridge ist ein Negativbeispiel: Schon drei Jahre nach ihrer Eröffnung summierten sich die Baukosten von 97 Millionen Pfund zusammen mit den Zinsen auf 209 Millionen. Bis 1995 hatten sich die Verbindlichkeiten mit 435 Millionen Pfund mehr als verdoppelt. Die Regierung musste eingreifen: erst um den Schuldenstand zu stabilisieren und einige Jahre später, um einen Zuschuss für den Unterhalt in Höhe von sechs Millionen Pfund zu gewähren.

So wird die Humber Bridge wohl immer Mahnmal für eine wenig gelungene Mischung aus politischer Zweckmäßigkeit und einem nachlässigen Umgang mit öffentlichen Geldern bleiben.

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Wir konnten mit der Querung der 2,2 Kilometer langen Brücke einen Umweg von 80 Kilometern sparen und erreichten so den östlichen Teil der Midlands.

Zuverlässig leitete uns das Navi durch die flache, überwiegend landwirtschaftlich geprägte Landschaft, die von vielen Getreidefeldern durchzogen war. Außerhalb des 40 Einwohner zählenden Dorfes Norththope, eine halbe Autostunde von Lincoln entfernt, erreichten wir unser B&B, die Grayingham Lodge. Auf der über 120 Jahre alten Farm, die von Feldern umgeben ist, werden heute Schafe gezüchtet.

Herzlich nahm uns Jane auf. „Would you like a cup of tea?“ ist der englische Willkommensgruß schlechthin. Was auch passiert, die „cup of tea“ kann kräftigen nach einer langen, beschwerlichen Reise, sie tröstet über schlechtes Wetter hinweg und hilft, sich in der Fremde schnell einzugewöhnen.

Jane entschuldigte sich für das schreckliche englische Wetter (obwohl es gar nicht schrecklich war). Noch vor dem Angebot, einen Tee zu nehmen, ist das Wetter stets Thema. Ob gut oder schlecht, man unterhält sich ausführlich darüber. Wir haben uns angewöhnt, das Bedauern über die Witterung mit dem Hinweis auf unsere Herkunft abzuwiegeln: Wir kommen aus Norddeutschland, wir sind schlechtes Wetter gewöhnt. Das hilft den Gesprächspartnern, sich zu entspannen und prompt hellen auch ihre Mienen wieder auf.

Nach dem Austausch der vielen Höflichkeiten zeigt man uns das Zimmer, erklärt ausführlich, wie alles funktioniert und fragt dann nochmals, ob wir wirklich keine Tasse Tee haben wollen. Dieses Angebot sollte man ablehnen, auch wenn das Gegenüber weiter insistiert. In einem Fall hatten wir es angenommen und saßen dann etwas verloren in einem Wohnzimmer, das mit hellem, hochflorigem Teppichfussboden ausgelegt war, der so gar nicht zu unseren Turnschuhen passte. Die Gastgeberin brachte den Tee, forderte uns auf, uns zu nehmen und verschwand. Erst eine ganze Weile später gesellte sie sich dazu. Der Smalltalk war zäh, wir fühlten uns deplaziert und von dem Ehemann, der uns am herzlichsten ins Haus eingeladen hatte, fehlte jede Spur. Wir schütteten unseren Tee hinunter und sahen zu, in unser Zimmer zu kommen.

Niemand weiß, warum die Engländer nicht sagen, was sie meinen. Weshalb sie einen so nötigen, ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Man muss das Spiel kennen und es mitspielen. „It ist so kind of you“, flötet man in den höchsten Tönen und denkt sich irgendeine Ausrede aus.

Überhaupt sind „bitte“ und „danke“ die wichtigsten Vokabeln. Dazu noch „I am sorry“. Man entschuldigt sich ständig, auch für Dinge, für die man gar nichts kann. Weicht einem ein Autofahrer aus und man hebt zum Dank die Hand, dann kann man sicher sein, dass der andere es ebenfalls tut. Kellnerinnen bedanken sich, wenn sie eine Bestellung aufgenommen haben und wenn sie einem das Essen bringen. Ein „thank you ever so much“, das in unseren Ohren übertrieben klingt, ist hier niemals unangebracht.

Bei Lachsfilet im The Inn on the Green im nahen Ingham, das Jane uns empfohlen hatte, ging ein langer Tag zu Ende.

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Es seien die Sonnenuntergänge über dem weiten, flachen Land, die sie am meisten vermisse, wenn sie eine Weile im Ausland sei, hatte Jane uns verraten. Auf unserer Rückfahrt zur Lodge konnten wir nachvollziehen, was sie meinte.

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Die Stimmung machte wehmütig. Unsere letzten Tage in England waren angebrochen.

 

Dienstag, 08.08.

Unsere Unterkunft für zwei Tage war Stow House, ein Boutique B&B.

Der Zusatz „Boutique“ wird seit den 1980er Jahren für Hotels verwendet, die von berühmten Designern eingerichtet wurden. Inzwischen steht er für Häuser, die die individuelle Handschrift ihrer Besitzer tragen und sich in außergewöhnlichen Gebäuden befinden. Manchmal sind sie einem bestimmten Thema oder Stil verpflichtet, die einzelnen Zimmer unterscheiden sich.

Das war auch im Stow House der Fall. Die lichtdurchfluteten Zimmer in dem ehemaligen Pfarrhaus waren individuell eingerichtet. Unser Badezimmer hatte sogar Fußbodenheizung und die herrliche Regendusche war ein wunderbarer Luxus. Aus den hohen Fenstern fiel der Blick durch den großen Garten direkt auf das Wensleydale.

Wir waren in den Yorkshire Dales angekommen, eine dünn besiedelte Landschaft, die sich durch die Grafschaften North Yorkshire, West Yorkshire und Cumbria zieht. Abgeleitet aus dem Dänischen steht „dale“ für „Tal“. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde in den Dales Bleierz gewonnen. Die meisten Familien aber lebten von der Textilproduktion an den heimischen Webstühlen. Mit der Industrialisierung begann die Abwanderung. Heute leben in den Yorkshire Dales nur noch 18.000 Menschen.

Dafür hat der Tourismus die Region erobert. Der Yorkshire Dales Nationalpark entstand 1954. Jährlich zieht er acht Millionen Besucher an. Durch die Dales verlaufen verschiedene Fernwanderwege, darunter Englands längster Wanderweg, der Pennine Way.

Überaus beliebt bei den Urlaubern ist das Wensleydale. Eine seiner wichtigsten Attraktionen seit über 200 Jahren sind die Aysgarth Falls. Wir nutzen die Zeit vor dem Einsetzen des angesagten Regens, um uns den dreistufigen Wasserfall unweit des B&B anzuschauen.

Auf unserem Weg dorthin gingen wir über den uralten Friedhof der St. Andrew´s Church. Die kleine mittelalterliche Kirche, die Mitte des 16. Jahrhunderts neu aufgebaut wurde, war uns schon Tags zuvor aufgefallen, wie sie romantisch in der Abenddämmerung umgeben von friedlich grasenden Schafen unterhalb der Straße lag. Auf dem idyllischen Friedhof spürte man die Seelen der Toten und fragte sich, welche Schicksale sich wohl hinter den Namen auf zahlreichen, uralten verwitterten moosbewachsenen Grabsteinen verbargen. Wie haben diese Menschen gelebt? Was haben sie gefühlt und gedacht? Würden sie unsere heutigen Sorgen und Nöte nachvollziehen können?

Am unteren Ende des Friedhofs, der sich hinunter bis zum Tal zog, rauschte der Wasserfall.

Wordsworth und seine Schwester Dorothy besichtigten Aysgarth Falls während die Pferde ihrer Kutsche gewechselt wurden, William Turner zeichnete sie auf seiner Tour durch den Norden. Für den Hollywood-Film „Robin Hood – König der Diebe“ waren sie dramatische Kulisse.

Wir hatten uns vorgenommen, an diesem Tag weniger Auto zu fahren. Bis zum Abend wurden es dennoch 150 Kilometer. Dabei hatten wir die ursprünglich geplante Fahrt zum Küstenort Whitby (auch wegen des Wetters) bereits gestrichen. Der einst für den Kohlenhandel und den Walfang bedeutende Ort ist einer der Schauplätze des berühmten Gruselklassikers „Dracula“. Sein Autor Bam Stoker hielt sich 1890 in Whitby auf. Außerdem ist Whitby die Heimat der Familie Walker, in deren Dienst James Cook während seine Lehre bei der Handelsmarine stand. Im Haus der Familie befindet sich heute das Captain Cook Memorial Museum.

Die Ruine des Klosters Rievaulx Abbey in den North Yorkshire Moors wollten wir uns aber nicht entgehen lassen. Auf dem Weg dorthin regnete es sich ein. Der Himmel war so verhangen, dass die Landschaft wie hinter Milchglas schien.

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1132 gegründet, wurde das Kloster im Rye-Tal um 1300 von über 500 Mönchen bewohnt, die die Anlage immer weiter ausbauten. Für die von Bernhard von Clairvaux begründete Reformbewegung der Zisterzienser war die Abtei das Zentrum für die Missionierung von Nordengland und Schottland. Die Mönche bauten Blei und Eisen ab und produzierten Schafwolle. Intensive Bautätigkeiten und eine Epidemie unter den Schafen führten Ende des 13. Jahrhunderts zum wirtschaftlichen Niedergang. Hinzu kamen Nachwuchssorgen durch die im 14. Jahrhundert in England wütende Pest. Als Heinrich VIII 1538 die Abtei auflöste, lebten dort nur noch 22 Mönche.

Wegen des Dauerregens verzichteten wir auf einen Besuch. Der Abtei fehlt das Dach, weshalb das Ganze vermutlich zu einer sehr nassen und matschigen Angelegenheit geworden wäre. Glücklicherweise konnte man die Anlage auch von außen sehen.

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Den gesparten Eintritt schlugen wir in dem hübschen Städtchen Helmsley auf den Kopf.

Der 1.500 Einwohner zählende Ort ist für seine Burgruine bekannt. Wir steuerten zunächst einmal einen gemütlichen Tea-Room an.

Dort gab es tollen Kuchen und noch bessere Sandwiches. Bei dem Wetter ein echter Seelenwärmer!

Helmsley Castle lag direkt gegenüber. Um 1120 zunächst aus Holz gebaut, erlebte die Burg im Laufe der Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte mit vielen Besitzern, bis sie im 17. Jahrhunderts auf Anordnung des Parlaments geschleift und seither dem Verfall überlassen wurde. Sie ist noch heute im Familienbesitz, wird aber vom English Heritage verwaltet.

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Da das Wetter nicht besser wurde, machten wir uns auf den Rückweg.

In Thirsk, einem kaum 4.000 Einwohner zählenden Ort mit mittelalterlichem Marktplatz, befand sich die Praxis des Tierarztes James Herriot, der durch seine Bücher berühmt wurde, in denen er über seine Erlebnisse mit wortkargen und halsstarrigen nordenglischen Bauern berichtet. In den 1980er Jahren entstand daraus die Fernsehserie „Der Doktor und das liebe Vieh“, die wir als Kinder mit großem Eifer verfolgt hatten.

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James Herriot hieß eigentlich James Alfred Wight und wurde 1916 im nordenglischen Sunderland geboren. Er wuchs in Glasgow auf, wo er auch Tiermedizin studierte. Im Juli 1940 kam er in die Tierarztpraxis von Donald Sinclair nach Thirsk. Schon kurz nach seinem Eintritt wurde Sinclair zum Militär einberufen. Der junge, wenig erfahrene Tierarzt erlebte seine Feuerprobe: er musste die gutgehende Praxis alleine führen. Frühzeitig aus dem Militärdienst entlassen, kehrte Sinclair nach einigen Wochen zurück. Gemeinsam mit dessen jüngerem Bruder Brian, der anfangs noch studierte, führte Wight die Praxis und blieb dort bis zu seinem Lebensende. Sein erstes Buch erschien 1970. Wegen des außergewöhnlichen Erfolgs folgten sieben weitere und auf Drängen des Fernsehteams, das weiteres Material für die Serie benötigte, 1992 ein achtes.

Der bescheidene und sehr beliebte Mann starb 1995 im Alter von 78 Jahren an Krebs. Der Gedenkfeier in York wohnten über 2.000 Menschen bei. Die Gegend um Thirsk zwischen North York Moors National Park und Yorkshire Dales National Park wird inzwischen „Harriot Country“ genannt. Thirsk trägt stolz den Untertitel „Home of James Herriot“.

Die Praxis befand sich in dem Haus Nr. 23 in der Kirkgate. Nach deren Umzug in ein Gewerbegebiet wurde es in ein Museum umgewandelt. Es regnete „cats and dogs“ und was war da geeigneter als ein Besuch der „James Herriot World“?

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Eine freundliche ältere Dame erklärte uns am Eingang den Aufbau: zunächst ging es durch die privaten Räumlichkeiten des Autors inklusive Luftschutzkeller (denn Wight hatte die Bücher ja in den 1940er Jahren verfasst)

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dann folgten die Behandlungsräume der Praxis

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und die Küche.

Im Erdgeschoss waren Teile der Kulissen aus der Fernsehserie aufgebaut. Im Zweiten Stock schloss sich eine Ausstellung der Instrumente an, die in den 1940er Jahren in der Tiermedizin Verwendung fanden. Tierärzte hätten daran sicherlich ihre helle Freude gehabt.

Das Museum war eine Reise in die heiß geliebte Fernsehserie, die in England jeder kennt und die auch in Deutschland ein großer Erfolg war. Liebevoll waren Gegenstände aus der Zeit zusammengetragen worden: von den vielen Medizinfläschchen in den Praxisräumen bis hin zur Kernseife. So bekam man ein authentisches Bild jener Zeit.

Die Kulissen der BBC im Untergeschoss waren ein Stück Fernsehgeschichte: schließlich ist die BBC-Produktion in den 1970er Jahren auch schon eine Weile her. Erst im Sommer 2017 ist einer der Hauptdarsteller verstorben, der den Tierarzt spielte, der den jungen James in seine Praxis aufnahm.

Ganz in der Nähe unseres B&B lagen verschiedene Drehorte der Fernsehserie. Etwa das Dorf Askrigg, das in der Serie der Standort der Tierarztpraxis war. Wer will, kann sich auf der Webseite des Museums viele Schauplätze der Serie heraussuchen und zu seiner persönlichen „James Herriot-Gedenktour“ zusammenstellen.

Den Tag beschlossen wir mit Fish and Chips im örtlichen Pub, dem „The George and the Dragon“. Tags zuvor hatten wir im rustikalen Teil des Aysgart Falls Hotels zu Abend gegessen.

Das „George and the Dragon“ war sehr gemütlich und hatte die typisch englische Pub-Atmosphäre. Die Wirtin hinter den Schankhebeln der diversen lokalen Biere war eine fröhliche Nordengländerin um die 40, mit breiten Schultern, großer Oberweite und einer resoluten und zupackenden Art. Der nordenglische Dialekt ist nur schwer zu verstehen, obwohl sich die Menschen mit Sicherheit bemühen, langsam zu sprechen und den Dialekt etwas abzuschwächen, mussten wir immer wieder nachfragen. An der Bar saßen eher schweigsame Charaktere mit zerfurchten Gesichtern vor ihren dunklen Bieren. Man hätte sie allesamt für eine Folge von James Herriots-Tierarztgeschichten engagieren können. Herrlich, das Dorfleben so unmittelbar beobachten zu können!

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Im Pub wurden natürlich die im Wensleydale gebrauten Biere „Black Sheep“ und „T&R Theakston“ ausgeschenkt.

Das Brauwesen hat in England eine lange Tradition. Großbritannien gehört zu den wenigen Ländern, in denen bis heute noch Ale gebraut wird. Nach Deutschland ist England zweitgrößter Bierproduzent Europas, obwohl es in Deutschland drei Mal so viele Brauereien gibt.

Ale ist arm an Kohlensäure und wird mit einer Art Pumpe aus dem Fass gepumpt. Weil es traditionell bei relativ hohen Temperaturen vergoren wird, wird es ohne Kühlung gelagert und kommt in der Regel ungekühlt ins Glas. In Deutschland, wo man ein kühles spritziges Bier gewöhnt ist, hat britisches Ale daher nicht immer den besten Ruf.

Im strömenden Regen stolperten wir die Hauptstraße zurück zum Stow House. Dabei rasten immer wieder Autos im erstaunlichen Tempo an uns vorbei. Auf Landstraßen dürfen 50 Meilen gefahren werden, innerorts 40. Das entspricht 80 bzw. 64 km/h. Das ist eine erhebliche Geschwindigkeit für die engen, kurvigen und teilweise sehr steilen Straßen. Wenn man nicht ortskundig ist, gelingt es auch geübten Autofahrern kaum, bei den erlaubten Tempi mitzuhalten.

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Montag, 07.08.

Das Frühstück hatte am Vorabend vielversprechend geklungen. Jim und Tine hielten Wort. Es war sicherlich eines der besten, wenn nicht sogar das beste auf unserer Reise.

Es gab zwei Sorten selbst gebackenes Brot zur Auswahl. Zusätzlich noch frische Muffins mit Aprikosen, ebenfalls aus eigener Herstellung. Neben den selbst gemachten Marmeladen gab es außerdem noch in einem sehr leckeren Sirup eingelegte Pfirsiche, leicht parfümiert mit Kardamom. Dazu das hausgemachte Granola – köstlich!

Wir hatten ein Bircher Müsli bestellt und bekamen ein nach allen Regeln der Kunst frisch zubereitetes, das außerordentlich gut schmeckte.

Ich wählte Würstchen zu Spiegelei und überbackenen Tomaten. Sie stammten von einem lokalen Schlachter. Dazu zwei, drei „Cup of Tea“ und der Start in den Tag war perfekt. Der Tee wird hier in der Küche frisch aufgebrüht und – wie in England üblich – mit einem Kännchen frischer Milch gereicht. Auch auf den Zimmern finden sich stets ein Wasserkocher, eine Auswahl an Teebeuteln und immer auch ein Kännchen oder eine kleine Flasche frischer Milch. Die Engländer streiten sich ähnlich wie die Ostfriesen, ob man erst die Milch und dann den Tee eingießt oder umgekehrt. Ich halte es mit den Befürwortern der „erst der Tee und dann die Milch-Fraktion“: in England – und nur in England – nehme ich Milch in meinen Tee. Meist ist der frisch aufgebrühte English Breakfast-Tee, die englische „Frühstücks“-Mischung, etwas stärker. Der leicht bittere Geschmack wird durch die Milch etwas abgemildert.

Das Wetter hatte sich gebessert, es klärte auf. Zwar war es mit 11 Grad alles andere als sommerlich, doch wir waren schon dankbar, dass der Regen aufgehört hatte. Auch England sieht sehr trübe aus, wenn es regnet.

Wir machten uns auf zum Ullswater-See, der nur ein paar Autominuten vom B&B entfernt lag. Er ist fast so groß wie der Lake Windermere aber viel weniger touristisch und an den Ufern kaum bebaut. Da er von höheren „Bergen“ (auch hier sprechen wir wieder von Erhebungen von bis zu 400 Metern) umgeben ist, ist er landschaftlich noch etwas reizvoller.

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Auf dem See verkehren die Lake Steamer, historische Dampfschiffe und links und rechts von der Straße, die am Ufer entlang führt, gibt es zwischen Bäumen versteckte Parkplätze, die Wanderer für ihre Touren nutzen. Offensichtlich waren wir nicht die einzigen, die das gute Wetter hinauszog: Die Parkplätze füllten sich schnell.

Praktisch in England ist, dass sich fast überall an größeren Parkplätzen Toiletten befinden. Auch in den Dörfern sind sie meist neben dem Parkplatz. Sie sind in der Regel sauber und nicht vernachlässigt oder durch Schmierereien und Vandalismus verunstaltet. Offensichtlich gibt es unter den hiesigen Jugendlichen nicht so viele, die völlig aus der Bahn geraten. Vielleicht tragen auch die Ganztagsschulen mit ihrer relativ strengen Erziehung dazu bei, dass Halbstarke nach Schulschluss nicht randalierend umherziehen. Es mag sein, dass es in den Ballungszentren anders aussieht, dennoch fällt auf, dass zumindest auf dem Lande Graffiti und mutwillige Zerstörungen keine Probleme zu sein scheinen.

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Der Ullswater war 1955 Schauplatz eines Geschwindigkeitsrekords: Dem Rennfahrer Donald Campell gelang es, seine Bluebird K7 auf über 320 km/h zu beschleunigen. Auch auf dem Land stellte Campell Rekorde auf: mit seinem Rennwagen erzielte er 1964 im Mittel fast 650 km/h. Drei Jahre später wurde ihm seine Besessenheit zum Verhängnis. Bei dem Versuch, seinen Geschwindigkeitsrekord auf dem Wasser um 200 km/h zu überbieten, überschlug sich das Motorboot und sank. Das Wrack und Campbells sterblichen Überreste konnten erst 2001 von einem Taucher gefunden und geborgen werden.

Gegen den Motorsport hatten Naturschützer schon zu Beginn des Jahrhunderts mobil gemacht. So gehörte die Kinderbuchautorin Beatrix Potter zu den Köpfen einer Kampagne, die den Start von Wasserflugzeugen auf dem Windermere verbieten und den Bau einer Flugzeugfabrik verhindern wollte. Die Flugzeuge gefährdeten den Bootsverkehr, ihr Lärm zerstöre die Abgeschiedenheit und Ruhe. 1912 erreichten Potter und ihre Unterstützer ihr Ziel: weder die geplante Flugroute noch der Bau der Fabrik wurden realisiert.

Für Motorboote gilt auf den Seen heute eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Touristenattraktion auf dem Ullswater sind die aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammenden Lake Steamer. Bis zu ihrer Stilllegung Anfang der 1960er Jahre dienten sie der Greenside Bleimine als Post- und Transportschiffe.

Nach einer halben Runde um den See mit einigen Fotostopps verließen wir den Lake District und zogen Bilanz: eine wirklich sehenswerte Gegend, die für jeden Geschmack etwas bereithält. Wer Trubel und viele nette Einkaufsmöglichkeiten schätzt, ist in den Hauptorten Windermere und Ambleside gut aufgehoben. Während der Hochsaison ist es dort allerdings überfüllt und man findet nur schwer einen Parkplatz.

Einsamkeit und wilde Natur gibt es im Norden, selbst während der Hochsaison hat man dort seine Ruhe und begegnet nur wenigen Gleichgesinnten. Ein reizvolles Wandergebiet ist der Lake District allemal, auch wenn wir für solche Zwecke sicherlich die von den Wetterbedingungen etwas stabileren Alpen aufsuchen würden, zumal diese auch sehr viel einfacher für uns zu erreichen sind. Zur Ehrenrettung des Lake Districts muss allerdings hinzugefügt werden, dass dieser August wohl außergewöhnlich kühl und verregnet war (ähnlich wie der diesjährige norddeutsche Sommer). Wir waren froh, mit dem Samstag einen sehr schönen Tag erlebt zu haben, sodass sich uns die Gegend nicht nur so grau präsentierte wie in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Tages.

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Bei Penrith nahmen wir die A686 über Alston nach Haydon Bridge. Ab Melmerby quert der Hartside Pass den nördlichen Teil der Pennines. Für ihre Moorlandschaft, die durch Landwirtschaft und Bleiabbau entstand, wurden die North Pennines 1988 ausgewiesen als Area of Outstanding Natural Beauty.

Weite offene Heidelandschaften, tiefe Täler, Flüsse, Wiesen und die für die Gegend charakteristischen Dörfer aus grauen Steinhäusern wechseln einander ab. Das Gebiet, das im Süden an den Yorkshire Dales National Park grenzt, beheimatet seltene Vögel und Pflanzen. Gleichzeitig gibt es aber auch reiche Vorkommen an Mineralien. Neben Blei, Eisen und Kohlephosphat auch Zink. 2013 stellte eine kanadische Bergbaugesellschaft nach Probebohrungen in Aussicht, man könne jährlich bis zu einer Million Zinkerz fördern. „North Pennines zinc mine could create 500 jobs“ meldete daraufhin die BBC. Es wird nicht einfach sein, Kompromisse zu finden zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen.

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Die Gipfel der Pennines sind kaum höher als 700 Meter, das Klima ist rau. Jim hatte uns erzählt, dass Hartside Hight, die Passhöhe in den nördlichen Pennines auf 1.903 Fuß, bereits ab November wegen Schnees und Glätte gesperrt sei. Vom Aussichtspunkt auf dem Parkplatz des Hartside Top Café fiel der Blick über weites Land bis nach Schottland und in den Lake District, der bereits wieder grau verhangen war.

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Oben blies ein eisiger, unwirtlicher Wind, der den Genuss des grandiosen Panoramas etwas einschränkte. „Helm Wind“ wird der starke Wind aus Nordost genannt, der hier über das Land fegt. Obwohl es ihn auch in anderen Regionen Großbritanniens gibt, wird er nur hier am Cross Fell so bezeichnet. Um den Berg bilden sich ringförmige Wolken, die Helm Bar. Am steilen Südwesthang kann der Wind, der plötzlich auftritt und mehrere Tage andauern kann, Orkanstärken erreichen.

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Wieder faszinierten uns die ständig wechselnden Wolkenformationen und das Spiel des Lichts. Man konnte sich kaum stattsehen an diesem eindrucksvollen Schauspiel der Natur.

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Wir kamen nach Alston, mit etwas mehr als 300 Metern über dem Meeresspiegel der am höchsten gelegenen Marktflecken in England. Der kleine Ort soll der kälteste Englands sein. An den Hängen des Burnhope Seat, vier Meilen vom Zentrum entfernt, kann man im Winter Skilaufen.

Über Heydon-Bridge erreichten wir unser nächstes Ziel: Hadrian’s Wall.

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Ab 122 n. Chr. baute der römische Kaiser Hadrian einen steinernen Wall, der sich durch die dünnbesiedelte Landschaft von Küste zu Küste zieht. Die Mauer bildet auch heute noch in Teilen die Grenze zu Schottland. Sie ist der nördlichste Punkt unserer Reise.

Unter Hadrian galt es die Grenze des römischen Reiches gegenüber den Stämmen des Nordens zu markieren. Die Gegend ist einsam. Die Cheviot-Hügel, auf deren Kamm die Grenze verläuft, werden von nur einer Straße überquert und doch ist die Geschichte bewegt.

Der normannische Eroberer William I. ernannte Markgrafen, um die Region ruhig zu halten, was aber nie gelang. Die schlimmsten Unruhen brachen aus, als Edward I. Ende des 13. Jahrhunderts versuchte, Schottland zu unterjochen.

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Die Schotten rächten sich, indem sie raubten und brandschatzten. Begehrt auf diesen Raubzügen waren vor allem die Rinderherden, die in den fruchtbaren Tälern weideten. Jahrhundertelang herrschte grausame Gesetzlosigkeit auf beiden Seiten der Grenze. Diese bewegte Vergangenheit mag die Animositäten zwischen Schotten und Engländern erklären, die sich noch heute in der Politik widerspiegelt.

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Doch zurück zu Hadrian, der ebenfalls auf sehr viel Widerstand traf: in keiner anderen Provinz waren so viele Soldaten stationiert wie in Britannia. Nach der schwierigen Eroberung Nordenglands entschied sich Hadrian dagegen, Schottland unter seine Kontrolle zu bringen.

Die Hadrian’s Wall ist beeindruckende 122 km lang. Entlang der Mauer wurden 13 Forts errichtet. Eines davon ist Housesteads, dessen Reste wir besichtigten.

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Hier waren 1.000 der insgesamt 10.000 Soldaten stationiert. Ein Museum berichtet sehr anschaulich von dem Leben, das die Soldaten an diesem so unwirtlichen und einsamen Ort führten. Man nimmt an, dass die Langeweile unter den Soldaten groß war. Da sie nicht heiraten durften, lebten Frauen und Kinder außerhalb der Mauern des Forts in kleinen Häusern. Auch wenn von der großen Anlage über die Jahrhunderte nur noch wenige Steine übrig geblieben sind (lange wurden die Ruinen in den folgenden Jahrhunderten als Steinbruch genutzt), war es dennoch beeindruckend, die Reste einer so alten Anlage zu besichtigen. Was für eine Kraftanstrengung dahinter steckte, in dieser verlassenen Gegend, ein so gewaltiges Bollwerk zu errichten!

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Wir setzten unsere Fahrt in Richtung Newcastle fort. Die alte Bergbau-Stadt (Engländer tragen nicht Eulen nach Athen, sondern Kohlen nach Newcastle) hat die schwierigen Jahre des Umbruchs in den 1980er Jahren gut überstanden.

IMG_1173Als Zeichen der Hoffnung errichtete der Bildhauer Anthony Gormley gemeinsam mit Werftarbeitern zwischen 1994 und 1998 eine Skulptur. Der „Engel des Nordens“ ist 20 Meter hoch und 54 Meter breit und wiegt 208 Tonnen. Er steht leicht erhöht an der Stelle, an der sich einst ein stillgelegtes Kohlebergwerk befand. Man kann ihn schon aus einiger Entfernung von der Autobahn M1 sehen, die unmittelbar darunter nach Süden verläuft. Wenn man direkt davor steht, ist er allerdings noch eindrucksvoller. Die „Geordies“ (wie man die Einwohner des Nordostens Englands nennt), haben die Figur so ins Herz geschlossen, dass sie sie einmal mit einem überdimensionalen Trikot der Fußballmannschaft Newcastle United geschmückt haben sollen.

Der bevorstehende Brexit lässt ahnen, dass Hoffnung bald schon wieder dringend erforderlich sein wird. 2014 war Großbritannien noch die Volkswirtschaft unter den G7-Staaten, die am schnellsten wuchs (3,1%). Prognosen zufolge wird das Land 2018 nur noch 1 Prozent Wachstum verzeichnen und das obwohl die Weltwirtschaft von 3,5 (2017) auf 3,7 (2018) wachsen wird. Der angekündigte Brexit schwächte das Pfund, was die Preise steigen und die Einkommen schrumpfen ließ. Die Menschen geben weniger aus, was wiederum die Wirtschaft bremst. Weil die Inflation stark zunimmt, vermuten Beobachter, dass die Bank of England die Leitzinsen erhöhen könnte. Das würde die Konjunktur endgültig abwürgen und könnte in ein Desaster führen.

Unterdessen stecken die Brexit-Verhandlungen fest. Auch mehr als ein Jahr nach der Abstimmung, bei der 52 Prozent der Briten einem Austritt aus der EU zustimmten, lässt die britische Regierung eine klare Verhandlungsstrategie vermissen. Es gibt fast so viele Meinungen wie Regierungsmitglieder über das zukünftige Verhältnis zur EU. Gelingt es nicht, innerhalb von zwei Jahren zu einer Einigung zu kommen, erlischt die Mitgliedschaft unabhängig vom Verhandlungsstand. Der „harte Brexit“ würde zu chaotischen Zuständen führen. So könnten etwa keine Flüge zwischen der EU und Großbritannien mehr stattfinden und auch der Handel würde weitgehend eingestellt. Der Status von drei Millionen EU-Bürgern in Großbritannien und 1,2 Millionen Briten in der EU wäre ungeklärt.

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Nach dem kleinen Zwischenstopp ging es weiter ins nur 20 Minuten entfernte Durham.

Das Zentrum der nur 40.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt am Fluss Wear ist recht klein. Wichtigste Sehenswürdigkeit ist die Kathedrale, deren Bau 1093 begann. Es dauerte nur 40 Jahre bis sie vollendet war, was für diese Größe eine herausragende Leistung ist. Wenn das Auge im Inneren solcher Bauwerke die Ausmaße erfasst, überkommt einen unwillkürlich eine tiefe Ehrfurcht gegenüber den Leistungen, zu denen Menschen aufgrund ihres tiefen Glaubens fähig sind. Auch fragt man sich, wie man im 11. Jahrhundert derartige Bauwerke schaffen konnte, während man heutzutage, mit allen technischen Hilfsmitteln ausgestattet, noch nicht einmal einen Flughafen fertigstellen kann.

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Auf dem Vorplatz – mit der Kathedrale zu unserer linken und der Burg von Durham zu unserer rechten im Blick – saßen wir eine ganze Weile in der Sonne eines von der Universität betriebenen Cafés und tranken zu vorgerückter Stunde unseren Nachmittagstee.

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Von unserem B&B trennten uns jetzt noch etwa 1,5 Stunden. Die Fahrt über die Autobahn und anschließend über kurvige Landstraßen zog sich unendlich lange hin. Als wir gegen 19 Uhr eintrafen, hatte auch ich die Nase gründlich voll von der Fahrerei.

Nach dem Abendessen im Pub, nur wenige hundert Meter die Straße hinauf, fielen wir völlig erschlagen ins Bett und schliefen fest bis zum Frühstück um neun Uhr.

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Sonntag, 06.08.

Beim Frühstück saßen wir an einem Tisch mit einem Paar aus Holland und Vater und Tochter aus San Francisco. Die Holländer verbrachten nur einige Tage in England vor ihren Ferien in einem Haus in der Provence. Sie waren drei Tage im Woodhouse, um zu wandern und die Natur zu genießen.

Der Lake District lädt zu einer Fülle sportlicher Aktivitäten ein: vom Wandern über Kanufahren, Segeln und Rudern über Bergsteigen und Klettern bis hin zum Radfahren. Mehrere Fernwanderwege durchqueren den Lake District, darunter der 300 Kilometer lange Coast to Coast Walk von der Irischen See bis zur Nordsee, der durch drei Nationalparks führt.

IMG_1279Auf den engen, teilweise einspurigen, sehr kurvigen Straßen sind viele Rennradfahrer unterwegs. Die steilen Pässe sind eine besondere Herausforderung. Seit 1999 findet jedes Jahr im Mai die Fred Whitton Challenge statt. Die 180 Kilometer lange Strecke startet in Grasmere und führt über acht bis neun der wichtigsten Pässe des Lake Districts. Obwohl für die hügelige Landschaft geradezu prädestiniert und bei uns inzwischen weit verbreitet, haben wir E-Bikes erstaunlicherweise kaum gesehen.

Die junge Amerikanerin an unserem Tisch hatte einige Wochen mit Freunden Europa bereist. In England war ihr Vater zu ihr gestoßen. Sie hatten London erkundet und machten einen Zwischenstopp im Lake District auf ihrem Weg nach Glasgow.

Man trifft durchweg sympathische und sehr offene Leute in den B&Bs. Mit den Holländern haben wir uns richtig „festgequatscht“. Vor allem die Internet-Plattform „airbnb“ war Thema. Über airbnb kann man Zimmer, hauptsächlich aber ganze Wohnungen, von Privatleuten mieten. Leider ist die ursprünglich sehr positive Idee, seine Wohnung während man eine Weile nicht da ist, Menschen zur Verfügung zu stellen, die gerne die Stadt erkunden wollen, völlig aus dem Ruder gelaufen: In Metropolen wie Paris, Berlin und Barcelona regieren Spekulanten das Geschäft. Sie kaufen Wohnungen, um sie ausschießlich über airbnb zu vermieten. Das treibt die Preise in die Höhe und zerstört das Zusammenleben in ganzen Vierteln. Wenn Wohnungen nur von Fremden genutzt werden, kann es keinen lebendigen nachbarschaftlichen Austausch mehr geben. Auch in Amsterdam, aus dem das holländische Paar kam, ist das ein echtes Problem. Die beiden erzählten, dass sie auch darüber nachgedacht hatten, ihre Wohnung während ihrer Ferien über airbnb zu vermieten. Als sie jedoch hörten, dass diese während ihrer Abwesenheit nacheinander von zehn oder mehr verschiedenen Leuten für Kurzaufenthalte genutzt würde, nahmen sie schnell wieder davon Abstand.

Ebenfalls ein Thema war die Plattform „Uber“: Darüber kann man – ähnlich wie bei einem Taxiunternehmen – Fahrten buchen. Diese werden allerdings von Privatleuten in privaten Autos durchgeführt und das zu viel günstigeren Preisen als Taxifahrer berechnen. In Amsterdam hat sich neben dem regulären Taxi-Gewerbe das „Uber-Taxi“ entwickelt. Taxifahrer sind bei Uber angemeldet und führen über die Plattform Fahrten durch. Die Fahrten seien günstiger, die Fahrer freundlicher. Das hänge auch mit der Bewertung zusammen, die nach der Fahrt über die Plattform von den Fahrgästen vorgenommen werden kann. Wer nicht freundlich ist oder ein schmutziges Taxi hat, wird weniger angefragt. Sollten wir jemals nach Amsterdam kommen, so riet uns das Paar, sollten wir die Fahrt vom Flughafen unbedingt bei Uber buchen. Reguläre Taxen würden Fremden nicht selten ein kleines Vermögen berechnen. Auch in Paris sei Uber sehr zu empfehlen.

Tony, der Hausherr des B&B, war ein recht zurückhaltender Naturmensch. Er sprach leise und wirkte etwas in sich gekehrt. Als wir ankamen, wollte er gerade zu einer dreistündigen Wanderung aufbrechen, um auf einem Wanderweg Reparaturen durchzuführen. Seinen Gästen bietet er geführte Touren in die Umgebung an. Auch Kanufahren, Segeln, Rudern oder Mountainbiken lässt sich über ihn arrangieren.

Als wir uns verabschiedeten, kam er etwas mehr aus sich heraus. Er freue sich ganz besonders, Europäer bei sich begrüßen zu dürfen, hob er hervor. Er gehöre nämlich zu den 48 Prozent der Briten, die gegen den Brexit seien. Wir trösteten ihn, dass die freundschaftliche Verbundenheit mit Großbritannien nicht verloren gehe. Was auch immer die Politik beschliesse, der Austausch von Mensch zu Mensch bleibe bestehen. Sein Sohn habe den ersten Schritt gemacht, indem er Deutsch als Abiturfach gewählt habe, meinte Tony und wir erklärten, dass der Brexit durchaus auch sein Gutes habe, seien doch die Politiker in Brüssel etwas aufgerüttelt worden. Es sei zu hoffen, dass ihr Regulierungswahn ein wenig abgebremst werde.

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Einen Kilometer vom Woodhouse entfernt liegt der Ort Buttermere. Er besteht lediglich aus einem Hotel und einem Inn.

 

Die Wirtstochter des Gasthauses erlangte 1802 Berühmtheit als sie John Hatfield heiratete. Dieser gab vor, der Bruder des Earl of Hopetoun zu sein. Eine Verbindung zwischen einem Adligen und einer Bürgerlichen war zu dieser Zeit so ungewöhnlich, dass der Dichter Samuel Coleridge darüber in der Londoner Morning Post berichtete. Leider währte Mary Robinsons Glück nicht lang: Hatfield wurde kurz darauf als Betrüger entlarvt, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Mary erfuhr sehr viel Mitgefühl, es gab sogar eine Spendensammlung für die „Maid of Buttermere“, wie sie von Wordsworth in einem seiner Gedichte genannt wurde. Die Geschichte ging gut aus: sie heiratete etwas später einen Landwirt, mit dem sie vier Kinder hatte.

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Wir ließen Buttermere hinter uns und fuhren zum Honister Pass, an dessen Fuss eine karge Landschaft mit einem tosenden Wildbach wartete.

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Die Landschaft vermittelt den Eindruck, man sei im Hochgebirge, obwohl der Pass nur 356 Meter hoch ist. Der Verzicht auf Serpentinen beim Straßenbau führt zu Steigungen von bis zu 25 Prozent, was das Gefühl verstärkt, sich hoch über der Baumgrenze zu bewegen.

Wer schmunzeln muss, wenn Einheimische ehrfurchtsvoll von den vier „Dreitausendern“ reden – den vier höchsten, über 3.000 Fuß hohen Bergen im Lake District – der mag daran erinnert werden, dass der älteste Bergsteigerverband der Welt der britische Alpine Club ist und seinen Sitz in London hat. John Ball, erster Präsident des 1857 gegründeten Clubs, war Erstbesteiger des Monte Pelmo in den Dolomiten.

Neben Bergführern aus der Schweiz und Frankreich waren es vor allem britische Bergsteiger, die während des „goldenen Zeitalters des Alpinismus“ im 19. Jahrhundert die bedeutendsten Berge der Westalpen zum ersten Mal bezwangen: der Physiker John Tyndall, der Historiker Leslie Stephen oder der anglikanische Geistliche Charles Hudson. 1858 bestieg der irische Kaufmann Charles Barrington zusammen mit zwei Schweizern erstmals den Eiger. Eigentlich wollte er auch noch das Matterhorn bezwingen. Um nach Zermatt zu reisen, soll ihm jedoch das Geld gefehlt haben. Er kehrte nie mehr in die Alpen zurück. In Großbritannien widmete er sich seiner eigentlichen Leidenschaft, dem Pferderennen. Das Matterhorn erklomm sieben Jahre später der junge Brite Edward Whymper.

Es gehörte im viktorianischen England dazu, nach den Gipfeln des Lake Districts die Berge in den Alpen zu besteigen. Die englischen „Dreitausender“ gelten als anspruchsvoll. Wegen der Küstennähe ändert sich das Wetter schnell, die Sichtverhältnisse können schwierig werden. Jedes Jahr rettet das in Ableside stationierte ehrenamtliche Mountain Rescue Team rund 100 Personen aus akuter Not. Vom verstauchten Knöchel bis hin zu schwersten Verletzungen oder gar Toten. Häufig spielen Leichtsinn und falsche Ausrüstung dabei eine Rolle.

Die schmale, teilweise einspurige Straße den Honister Pass hinauf, auf der man entgegenkommendem Verkehr in Nischen ausweichen musste, war auch für geübte Fahrer eine Herausforderung. Die grandiosen Ausblicke und die sich durch das Wolkenspiel ständig ändernden Lichtverhältnisse machten die Fahrt zu einem echten Erlebnis.

 

Wir brauchten einige Zeit, auch weil wir – Regen und 11 Grad zum Trotz – immer wieder anhielten, um Fotos zu machen.

In regelmäßigen Abständen kamen uns Radfahrer entgegen. Man muss schon sehr hart gesotten sein, um sich diesem „Hundewetter“ in kurzen Hosen und kurzem Shirt aufs Fahrrad zu schwingen. Doch die Engländer scheinen ohnehin recht abgehärtet. Wenn der Kalender Sommer anzeigt, ist Sommer. Man zieht kurze Röcke und Hosen an und läuft ohne Strümpfe in Flip-Flops und Sandalen herum. Empfindlichere Naturen erkennt man daran, dass sie auf Strümpfe verzichten, dafür aber Jacken mit Pelzbesatz tragen. Ein Bild, das nicht der Komik entbehrt aber Engländer sind ohnehin nicht dafür bekannt, besonders elegant und modisch zu sein…

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Ganz oben auf der Passhöhe wurde jahrhundertelang Schiefer abgebaut. Die Honister Slate Mine ist seit den 1990er Jahren wieder in Betrieb, jetzt jedoch unterirdisch. Man kann Fahrten unter Tage unternehmen, wovon wir allerdings absahen, nicht zuletzt, weil das Wetter zunehmend schlechter wurde und wir lieber die Zeit nutzen wollten, um die Aussicht zu genießen.

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Wir gelangten in das ebenfalls wenig frequentierte Borrowdale, das Borrow-Tal, das nach Ansicht vieler zu den schönsten im Nationalpark gehört. Es ist leicht wellig und etwas stärker bewaldet. Der mit Moos bedeckte Waldboden und der üppige Farnbewuchs machten deutlich, dass Regen hier keine Seltenheit ist. Tatsächlich gehört der Lake District zu den feuchtesten Gebieten Englands. Eine Dame, die sich nach unserer Reiseroute erkundigt hatte, hatte nach dem üblichen Begeisterungssturm über unser Ziel bemerkt, sie habe den Lake District noch nie ohne Regen erlebt. Das war uns im Kopf geblieben.

 

Der Lake District ist überdies eine sehr windige Gegend. An durchschnittlich fünf Tagen pro Jahr treten Starkwinde auf. Die Temperaturen schwanken wenig, liegen aber mit drei Grad im Winter und bis zu 15 Grad im Juli noch unter denen von Moskau, das auf demselben Breitengrad liegt. Auch Nebel gibt es häufig, wodurch die Sonnenscheindauer im Durchschnitt nur 2,5 Stunden pro Tag beträgt. Alles in allem also eine eher unwirtliche Gegend und sicherlich auch ein Grund, warum es so wenige (sonnenhungrige) Deutsche in den Lake District verschlägt.

Für viele Engländer hingegen sind „The Lakes“ das Sehnsuchtsziel schlechthin. Der Grund dafür ist im 18. Jahrhundert zu suchen, als zahlreiche Kriege auf dem europäischen Festland das Reisen einschränkten. Der Tourismus setzte mit Thomas West „A Guide to the Lakes“ ein. Der Pfarrer beschrieb die schönsten Aussichtspunkte. Um diese gebührend würdigen zu können, wurden dort auch Unterkünfte errichtet. Am bekanntesten ist jedoch Wordsworths „Guide to the Lakes“. 1835 – nur 20 Jahre nach seinem Erscheinen – wurde es bereits in der fünften Auflage verlegt. Im Juni 2017 ist ein Reprint des in „A Guide through the District of the Lakes in the North of England“ umbenannten Reiseführers erscheinen.

In den 1950er Jahren schrieb Alfred Wainwright seine „Pictorial Guide to the Lakeland Fells“ . Die sieben Bände enthalten von Hand gezeichnete Karten und Panoramen und zahlreiche Geschichten aus der Region. Neben Wordsworths Guide to the Lakes gelten sie bis heute als Standardwerk.

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Eine große Bedeutung für die Beliebtheit des Lake Districts hatte nicht zuletzt die Eisenbahn. Ursprünglich für den Transport der Bodenschätze gebaut, stand sie ab dem 19. Jahrhundert mehr und mehr im Dienste des Tourismus. Auf dem Lake Windermere, dem Ullswater, Coniston und Derwent Water wurde sie durch Dampfschiffe ergänzt. Nostaliker können auf den Spuren des Industriellen Henry William Schneiders wandeln. Der Vorstandsvorsitzende eines Stahlwerks fuhr täglich von Bowness über den Windermere und setzte seine Fahrt ins Büro in Lakeside in seinem privaten Eisenbahnwagen fort.

Mit der Gründung des Nationalparks 1951 sollte der Lake District vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und die Landschaft erhalten werden. Seine gute Erreichbarkeit über die Autobahn wird inzwischen zum Problem: Jährlich kommen 14 Millionen Besucher. Der große Andrang von Wanderern hat in stark frequentierten Gegenden zu Bodenerosionen geführt. Auf dem Windermere sah man sich gezwungen, den Wassersport mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung zu belegen.

Das hübsche, dünn besiedelte Borrowdale, das von hohen Bergen umgeben ist, passierten wir im Regen. Weltbekannt wurde es, als man dort Graphit entdeckte, der Rohstoff, mit dem im 16. Jahrhundert der Bleistift entwickelt wurde. In Holz eingefasste Graphitstäbe aus Borrowdale werden ab den 1660er Jahren in vielen Ländern verwendet, um 1680 auch in Deutschland. Weil man den Rohstoff für Bleierz hielt, wurde das neue Schreibgerät „Bleistift“ genannt.

Übrig geblieben von der einst florierenden Industrie ist die 1832 gegründete Derwent Cumberland Pencil Company, die in Keswick ein Museum betreibt.

Über Keswik gelangten wir nach Ambleside, wo wir tags zuvor so schön in der Sonne im Café gesessen hatten. Es war wieder trocken und gelegentlich kam die Sonne heraus. Das Navi übernahm und führte uns eine recht eigenwillige aber dennoch sehr pittoreske Route durch engste Straßen, die von Horden von Wanderern und Spaziergängern bevölkert waren. Ein Dilemma des ansonsten sehr zuverlässigen Navis ist, dass es Routen, die man eingegeben hat, gerne während der Fahrt eigenmächtig und ohne vorherige Ankündigung ändert, weil sie nach seinen Berechnungen die vermeintlich schnelleren sind. So war es auch in diesem Fall. Kein Hamburger Auto hat wohl jemals diesen Weg gewählt, um von einer Schnellstraße zur nächsten zu kommen.

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Kurz hinter Hawkeshead kamen wir in den winzigen Ort, in dem sich Hill Top, das Sommerhaus von Beatrix Potter befindet. Potter schrieb und zeichnete Anfang des 20. Jahrhunderts die bezaubernden kleinen Geschichten von Peter Hase, Bücher, die bis heute verlegt werden und mit denen in England alle Kinder aufwachsen. Sie zeugen von einer außerordentlichen Liebe zur Natur. Die Einkünfte aus ihren schon zu Lebzeiten sehr erfolgreichen Büchern verwandte Potter, um Stück für Stück im Lake District über 16 Quadratkilometer Land zu erwerben, das sie dem National Trust vererbte. Schon damals gab es zahlreiche Merchandising-Produkte, darunter Porzellan bemalt mit Motiven aus ihren Büchern. So erarbeitete sich Potter, von Hause aus bereits eine recht wohlhabende Frau, ein kleines Vermögen. Vor Ort machte sie sich einen Namen als Züchterin einer besonderen Schafrasse. Sie verfügte, dass auf dem Land, das sie dem National Trust überließ, nur diese Rasse gehalten werden darf.

Das Sommerhaus wurde später zu Potters Atelier, in das sie sich zurückzog, um ihre Bücher zu schreiben und die Illustrationen zu zeichnen. Liebevoll sind dort heute überall die kleinen Bücher verteilt, in denen Lesezeichen stecken. Schlägt man sie auf, findet man eine Illustration, die just jenen Schrank oder Treppenabsatz enthält, der als Vorlage für die Zeichnung diente. Aus den freundlichen Freiwilligen des National Trust, die in dem Wohnhaus als Aufseher standen, sprudelte, einmal angesprochen, unendlich viel Detailwissen über das Leben und die Arbeit von Beatrix Potter hervor. Das für die Gegend charakteristische kleine graue Steinhaus war hübsch anzusehen. Drinnen fielen allerdings die niedrigen Decken und die kleinen Fenster auf. Die zur damaligen Zeit übliche Einrichtung aus dunklem Holz machte es richtig düster. In unseren Breitengraden mit den langen, grauen Wintern, ist jeder Lichtstrahl, der in die Wohnung fällt, ein Segen. Wie muss es also der bis zu ihrem 48. Lebensjahr alleinstehenden Frau in diesem dunklen Haus ergangen sein? Hat sie aufkeimende Winterdepressionen vielleicht mit ihren heiteren kleinen Geschichten zu verscheuchen versucht? War ihr der Blumen- und Gemüsegarten vor dem Haus nicht nur Inspiration, sondern auch ein bunter Trost an trüben, regnerischen Tagen?

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Mit der Fähre setzten wir über den Lake Windermere über. Eigentlich war die kurze Fahrt als Ersatz für die so beliebten Bootstouren auf dem See gedacht. Doch das Tal war völlig verhangen und es regnete „cats and dogs“.

Der Hauptort Windermere war dennoch überfüllt. In einer Blechlawine bewegten wir uns im Schrittempo nach Ambleside. Mit etwas Glück fanden wir einen Parkplatz, um auf den obligatorischen Nachmittagstee einzukehren. Ambleside ist ein hübscher Ort mit vielen Geschäften für Outdoor-Ausrüstung. Der dichte Regen und die ablaufende Parkuhr machten einen ausführlichen Bummel jedoch nicht möglich.

Wir strichen die Fahrt über den Kirkestone-Pass und fuhren außen herum über die Schnellstraße zum Ullswater. Über dem See einsam an einer einspurigen Straße lag unsere nächste Unterkunft Lowthwaite B&B.

Jim, ein hochgewachsener, schlanker Mittfünfziger führte uns durch das komplett renovierte Bauernhaus und erklärte uns alles derart detailliert als hätten wir die Absicht, wochenlang dort zu verweilen. Gemeinsam mit seiner dänischen Frau hatte er einige Jahre in Tansania gelebt. Lebhaft konnte ich mir den Mann mit dem Schmiss auf der Wange als Verwalter einer Kaffeeplantage vorstellen (tatsächlich hatten er und seine Frau dort Touren auf den Kilimandscharo organisiert). Bei seiner Rückkehr nach England füllte das Paar einen ganzen Container mit Möbeln, die aus dem Holz ausrangierter Dhows, der traditionellen Holzsegelschiffe, gearbeitet waren. Damit richtete es sein B&B im Lake District ein. An den Wänden findet sich afrikanische Kunst. Drei der vier individuell ausgestatteten Gästezimmer sind – ebenso wie das B&B selbst – nach der Gegend benannt: sie heißen Matterdale, Helvellyn und Blencathra. Wir richteten uns im Helvellyn Room ein, dem nach dem drittgrößten Berg in England benannten Zimmer und erfreuten uns an der sympathischen Entstehungsgeschichte, die uns ausgerechnet im Lake District zu einer Nacht im afrikanischen Flair verhalf.

Jim empfahl uns ein gemütliches Inn in der Nähe, wo wir fast so gut zu Abend aßen wie im Shibden Mill Inn. Teppichfußboden im schottischen Karo-Muster und Lounge-Musik im Hintergrund gaben dem Restaurant eine hochwertigere, etwas moderne Atmosphäre.

Jim und Tine legen Wert auf Qualität: wir hatten Gänsefeder-Decken und die Ausstattung war im Vergleich zur Nacht am Buttermere regelrecht luxuriös: ein großes Bad mit Regendusche, kuschelige Handtücher und sogar Bademäntel. Für das Frühstück konnten wir am Abend zuvor aus einer umfangreichen Liste wählen. Neben den Klassikern in unterschiedlichen Variationen konnte man auch Pfannkuchen und Kuchen bestellen. Hinzu kam das Frühstücksbüffet mit zwei selbstgebackenen Brotsorten, Obstsalat, Cerealien und selbstgemachte Marmeladen. Wer sollte all das essen?!

Samstag, 05.08.

Morgens genossen wir in aller Ruhe das reichliche Angebot des Frühstücksbüffets im Shibden Mill Inn.

Ein „Inn“, das wir wahrscheinlich als „Gasthaus“ übersetzen würden, serviert ein größeres Speisenangebot als das „pub“ und bietet müden Reisenden oder Wanderern eine Übernachtungsmöglichkeit. „Pub“ – wir würden wohl von „Kneipe“ sprechen – steht für „public house“ und besitzt eine Lizenz zum Ausschank von Alkohol. Als „bar“ bezeichnet man den Tresen, über den die alkoholischen Getränke gereicht werden. So kann sowohl das Pub als auch das Inn eine Bar besitzen aber nicht jede Bar ist gleichzeitig ein Pub oder ein Inn. Diese Feinheiten verschwimmen allerdings inzwischen. So bieten viele Pubs mittlerweile eine größere Auswahl an Speisen und manche Inns haben sich von der einfachen Herberge zur luxuriösen Unterkunft gemausert.

Das galt auch für das Shibden Mill Inn, in dessen gemütlichen Frühstücksraum wir mit Obstsalat und verschiedenen Müsli- und Cerealien-Sorten starteten. Das, was bei uns als „Knusper-Müsli“ verkauft wird, ist hier „Granola“ und häufig hausgemacht. Die Haferflocken werden dazu mit Honig vermischt und im Ofen knusprig gebacken. Je nach Rezept kommen Nüsse und Trockenfrüchte dazu. Wer sich traut, kann außerdem einen „Porridge“ ordern. Der Haferbrei ist nicht allein Kindern vorbehalten. Frischen Obstsalat haben wir bislang jeden Morgen angeboten bekommen. Ebenso die Cerealien. Danach wurde uns das „Cooked Breakfast“ – der warme Teil des Frühstücks – serviert: traditionell besteht es aus Eiern, Speck, kleinen Würstchen, gebackenen Tomaten (oder weißen Bohnen in Tomatensoße). Manchmal werden außerdem noch blackpudding und gebratene Pilze angeboten. Dazu wird Toast gereicht, den man mit Marmelade isst, allen voran Bitterorangenmarmelade (die hier einfach marmelade heißt) und diverse andere Sorten, so wie wir sie kennen, dann heißen sie „jam“. Heute gab es außerdem noch Lemoncurd, ein Aufstrich, der aus Eiern, Butter, Zucker und Zitronen (Saft und Zesten) besteht und herrlich frisch schmeckt. Unser „cooked breakfast“ reduzierten wir auf Eier mit und ohne Speck, wir waren noch vom köstlichen Abendessen gut gesättigt.

Gestärkt für einen neuen Tag mit neuen Entdeckungen starteten wir in Richtung Lake District. Nach den vielen Begeisterungsstürmen, die wir bei jedem geweckt hatten, dem wir von unserem Reiseziel erzählten, waren die Spannung und die Erwartung gleichermaßen groß.

Die Engländer nehmen für gewöhnlich die Autobahn an Lancaster und Blackpool vorbei. Damit verpassen sie allerdings zwei sehr sehenswerte Fleckchen, die genau neben der M5 liegen: das liebliche Ribble-Tal am kleinen Flüsschen Ribble und der Forest of Bowland.

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Der River Ribble fließt durch North Yorkshire und Lancashire und markierte einst die nördliche Grenze des Königreichs Mercia. Das Tal scheint ein Geheimtipp zu sein. In den kleinen Dörfern gibt es einige Hotels und Restaurants der gehobenen Kategorie.

Die Grafschaft Lancashire, die bis zur Gebietsreform Mitte der 1970er Jahre noch die Ballungsräume Manchester und Liverpool umfasste, entwickelte sich während der industriellen Revolution zum wichtigsten Handels- und Industriegebiet. Grundlage hierfür waren die großen Steinkohle- und Eisenerzvorkommen. Ende des 19. Jahrhunderts waren fast 40.000 Menschen in den Eisen- und Stahlwerken beschäftigt, im Bergbau schufteten 65.000. Die Baumwollindustrie verschaffte 420.000 Menschen Lohn und Brot. Zu ihrer Hochzeit in den 1830er Jahren wurden 85 Prozent der weltweit produzierten Baumwolle in den zahlreichen Spinnereien in Lancashire verarbeitet. Die Wollmanufakturen beschäftigten 15.000 Arbeiter, die Seidenwebereien 10.000. Die Gegend gilt als Wiege des modernen industriellen Kapitalismus. Lange Zeit dominierten die beiden großen Städte Manchester und Liverpool den globalen Handel, Lancaster war im 19. Jahrhundert größter Umschlagplatz für den Sklavenhandel.

Uns überraschte, mitten im Herzstück der industriellen Revolution nahezu unberührte Natur vorzufinden.

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Der Name „Forest of Bowland“ führt in die Irre, denn es handelt sich keineswegs um einen Wald. Die Bezeichnung steht für ein ehemaliges königliches Jagdrevier in den Pennines. Die reizvolle Landschaft ist ein herrliches, kaum frequentiertes Wandergebiet, ausgewiesen als Area of Outstanding Beauty.

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Das dünn besiedelte mit Heide bewachsene Hochmoor ist von teilweise sehr engen (einspurigen) Straßen durchzogen, die Steigungen von bis zu 16 Prozent aufweisen.

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Charakteristisch sind die grauen Steinmauern und auf Wiesen weidende Schafe.

Einsamkeit, harte, entbehrungsreiche Winter und die Armut unter den Milchbauern mögen die Menschen im Mittelalter für Mythen und Aberglauben empfänglich gemacht haben. 2011 stießen Arbeiter in der Nähe des Dorfes Barley unter einem Schutthaufen auf ein gut erhaltenes Haus. Die dort entdeckte mumifizierte Katzenleiche deuteten Archäologen als sicheren Hinweis auf praktizierte Hexenbräuche.

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Die von sanften Hügeln durchzogene Landschaft mit niedrigen Wäldern und Mooren, in denen bei entsprechender Witterung der Nebel hängt, ist der gruselige Schauplatz einer Geschichte, die im August 1612 vor einem Gericht in Lancaster ihr Ende fand. Damals wurden zehn Menschen aus Pendle Hill der Hexerei für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt.

Der Gerichtsschreiber Thomas Potts veröffentlichte den Hergang der Hexenprozesse von Pendle unter dem Titel „The Wonderfull Discoverie of Witches in the Countie of Lancaster“. Das war ebenso ungewöhnlich wie die hohe Zahl der Todesstrafen. Anders als im restlichen Europa kam es in England nur vereinzelt zur Hexenverfolgung. Meist handelte es sich um zwischenmenschliche Bösartigkeiten oder um Dorffehden: Menschen machten übermenschliche Kräfte verantwortlich für Mißernten, krankes Vieh oder Fehlgeburten. Auch wenn Geständnisse in der Regel nicht durch Folter erzwungen wurden, kam es dennoch zu unbeschreiblichen Grausamkeiten. Viele der insgesamt etwa 500 Opfer wurden gehängt. Andere starben auf dem Scheiterhaufen oder durch Verbrühen in kochendem Wasser. Der letzte Hexenprozess fand in England 1712 statt, in Schottland 1727. Rund zehn Jahre später wurden Gesetze gegen „Hexerei“ aufgehoben.

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Vom Ribble Valley folgten wir dem Weg der zwölf als „Pendle Witches“ Angeklagten durch den Forrest of Bowland. Sie wurden zum Lancaster Castle gebracht, wo sie im August 1612 vor Gericht standen. Die 82 Kilometer lange Strecke ist 2013 als „Lancashire Witches Walk“ für Touristen geöffnet worden. Es gibt Hexen-Pubs und Hexen-Bier, lokale Buslinien tragen die Namen der Verurteilten und eine Hexe dient als Kennzeichen für Wanderwege und Autostrecken. Die Vermarktung des Hexenglaubens erfährt hier und da fragliche Züge, hält man sich vor Augen, dass es nicht um phantasievolle Geschichten, sondern um das Schicksal von Menschen ging.

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Im März 1612 kommt der Hausierer John Law durch ein Dorf in der Nähe des Pendle Hill. Die junge Alizon Device verlangt nach Nähnadeln, die Law nicht im Sortiment führt. Als er kurz darauf einen Schlaganfall erleidet, beschuldigt er Alizon der Hexerei. Ebenfalls der Hexerei verdächtigt werden ihre Großmutter, eine weitere Dorfbewohnerin deren Tochter. Alle geben nach ihrer Festnahme Hexerei zu und werden in Lancaster inhaftiert. Ein paar Tage später treffen sich Freunde und Verwandte der Gefangenen im Malkin Tower. Dort hatte Alizon bis zu ihrer Festnahme gewohnt. Der für das Gebiet zuständige Friedensrichter deutet das Treffen als Hexensabbat und Verschwörung, um die Gefangenen zu befreien. Als Zeugin dient eine Neunjährige. Die Beschuldigten werden ebenfalls nach Lancaster gebracht und im August zusammen mit den bereits Inhaftierten zum Tode verurteilt.

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Pendle Hill und seine Umgebung wird bis heute mit Hexerei verbunden. An Halloween versammeln sich jedes Jahr hunderte von Menschen auf dem Berg.

Der Bericht des Gerichtsschreibers Thomas Potts bildete die Grundlage für William Ainsworths Roman „The Lancashire Witches“, der ab 1844 in der Sunday Times als Fortsetzungsroman erschien. 1951 veröffentlichte Robert Neill, der später zu einem erfolgreichen Autor historischer Romane werden sollte, sein Erstlingswerk „Mist over Pendle“. Ebenfalls historischen Romanen verschrieben hat sich die amerikanische Schriftstellerin Mary Sharratt, die 2010 mit „Daughters of the Witching Hill“ ein weiteres Buch zum Thema vorlegte.

Auf der Höhe von Lancaster gingen wir auf die Autobahn und nahmen anschließend die Schnellstraße nach Newby Bridge, dem südlichsten Punkt des mit 18 km Länge größten See des Lake Districts, dem Lake Windermere.

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An seinem Ufer befindet sich der gleichnamige Hauptort. Wir hatten eigentlich vor, dort einen Kaffee zu trinken, mussten dann aber entsetzt feststellen, dass er völlig überlaufen war: Menschenmassen schoben sich die engen Fußwege der kleinen Straßen entlang. Man musste dort wie bei uns kurz vor Weihnachten in der Innenstadt im Gänsemarsch gehen. Die Ausflugsboote waren überfüllt und auf den Stegen standen unendlich lange Menschenschlangen. Auffällig war die große Menge an Asiaten. Sie kommen vornehmlich um die Wirkungsstätten der Lake Poets aufzusuchen. William Wordsworth, Robert Southey und Samuel Coleridge thematisierten in ihren romantischen Gedichten die Schönheit des Lake Districts und machten die Gegend im 19. Jahrhundert berühmt.

Deutsche trafen wir nur wenige: uns fiel lediglich ein Reisebus auf und auch Autos mit deutschen Kennzeichen sahen wir selten.

Nur langsam bewegten wir uns Stoßstange an Stoßstange mit anderen Wagen durch den Ort. Der Lake District zur Hochsaison! Auch ein paar Kilometer weiter in Ableside, dem nördlichen Ufer, war es ziemlich voll. So konnten wir wenigstens einen Blick auf die eine oder andere Villa erhaschen, die versteckt hinter Mauern und Hecken mit Blick auf den See lag.

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Ein ganzes Stück außerhalb bekamen wir noch einen Parkplatz, um wenigstens die Sonne am See zu genießen.

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Dann ging es quer durch den Nationalpark über einen Pass zum Buttermere-See. Hier war die Landschaft noch schroffer und wilder und die Touristenströme versiegten. Bald fuhren wir fast allein auf der Passstraße zum See.

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Seinen Namen verdankt der über 2.000 Quadratkilometer große Lake District 16 größeren Seen und einigen kleinen Stauseen, wobei einzig der Bassenthwaite Lake die Bezeichnung „See“ im Namen trägt. Die meisten anderen werden als „Water“ bezeichnet.

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Zwischen den Seen erstrecken sich die Hügel- und Bergketten der Cumbrian Mountains. Die höchsten Berge sind zwischen 800 und 900 Meter hoch, über allen ragt der Scafell Pike, mit 979 Metern Englands höchster Berg. Ein Großteil des wunderschönen Gebiets wurde 1951 zum Nationalpark erklärt. 2017 erhielt der Lake District zudem den Status eines UNESCO-Welterbes.

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Entlang der malerischen Landschaft führte uns unser Weg zu unserem nächsten B&B am Ufer des Buttermere. Zwei Kilometer lang und 400 Meter breit, gehört er zu den kleineren Seen. Umgeben vom High Stile, Feetwith Pike, Haystacks und Grasmoor liegt am nordwestlichen Ende des Sees das Wood House, das – ebenso wie der See und das ihn umgebende Land – dem National Trust gehört.

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Wer Luxus erwartet, liegt hier falsch. Der Charme des ehemaligen Bauernhauses aus dem 17. Jahrhundert liegt in der atemberaubenden Natur, von der es umgeben ist. Ein kleiner Salon im Erdgeschoss mit Kamin und Klavier lädt zum Verweilen ein. Das schönste ist jedoch ist der Seeblick. Von unserem Zimmer aus konnten wir verfolgen, wie die Sonne langsam hinter den Bergen versank. Mit unseren Köpfen voller Bilder kuschelten wir uns in die warmen Decken.

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Freitag, 04.08.

Zum Frühstück auf der Rock Farm bestellte ich Blackpudding und Würstchen als Beilage zum Spiegelei. Zum Entsetzen meines Begleiters, denn die englische Variante der Blutwurst ist so gar nicht sein Fall. Allein der Gedanke daran lässt ihn erschaudern: Das Schweineblut wird mit Getreide gemischt und die Wurst zum Frühstück in der Pfanne angebraten. Auf dem Teller landen schwarze runde Scheiben. Sie sehen aus wie verkohlt, sind aber so wie sie sein sollen. Wenn auch optisch nicht sonderlich attraktiv, fand ich den Blackpudding köstlich und die Würstchen, die mit Sicherheit, wenn nicht direkt von der Farm, so doch zumindest aus lokaler Produktion stammten, waren es auch. Penelope freute sich, in mir einen Freund dieser britischen Spezialität gefunden zu haben. Nicht viele Ausländer würden Blackpudding mögen.

Wir setzten unsere Reise ins 30 Minuten entfernte Chester an der Grenze zu Wales fort. Die Hauptstadt der Grafschaft Chesire am Fluss Dee hat eine Stadtmauer aus römischer Zeit, auf der man einmal um die ganze Stadt wandern kann.

Wir hatten beschlossen, Liverpool und Manchester zu umfahren, obwohl deren Besuch gewiss interessant gewesen wäre. Die Erfahrung lehrte uns jedoch, dass es nervenschonender ist, größere Städte zu meiden. Der dichte Verkehr macht es nicht einfach, den richtigen Weg zu finden. Nicht selten verbringt man einige Zeit mit der Parkplatzsuche, die dann später für die Besichtigung fehlt.

Aus Chesire stammt der älteste englische Käse. Chester wird erstmals im „Domesday Book“, dem von Wilhelm dem Eroberer in Auftrag gegebenen Reichsgrundbuch von 1086 erwähnt. Er wird überwiegend im benachbarten Wales und in Shropshire hergestellt. Das ist auf Gebietsreformen zurückzuführen, die das Territorium von Chesire im Laufe der Jahrhunderte veränderten. Der Chester-Käse war besonders im 18. Jahrhundert sehr beliebt und fand auch in Deutschland seine Liebhaber. Obwohl die Produktion wegen der großen Auswahl von Käsesorten aus dem Ausland sinkt, gehört Chester bis heute zum meistverkauftesten Käse in Großbritannien. Weil sein Name nicht geschützt ist, wird er auch außerhalb des Königreichs produziert.

Das fast 80.000 Einwohner zählende Städtchen Chester wurde vor 2.000 Jahren als Castra Devana von den Römern begründet. Mit ihrer Verteidigunganlage schützen sie den Markt- und Warenumschlagplatz vor einheimischen Kelten. Aus dieser Zeit stammt auch das Wehr vor der Stadtmauer, das den Wasserstand reguliert.

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Nach dem Rückzug der Römer verteidigten die Angelsachsen die Stadt gegen Angriffe von Dänen. Sie errichteten eine Kathedrale, der sie der heiligen Werburgh, der Schutzpatronin von Chester, weihten. Werburgh war die Tochter von König Wulfhere von Mercia. Als ihr Bruder Coenred, König von Mercia wurde, beschloss er, die acht Jahre zuvor verstorbene Ordensfrau umzubetten. Er wollte ein repräsentativeres Grab in der Kirche von Hanbury. Als das Grab geöffnet wurde, fand man Werburghs Leichnam nahezu unverändert vor, was als Zeichen besonderer Gottesgnade gedeutet wurde. Werburgh wurde fortan als Heilige verehrt. Im 9. Jahrhundert verlegte man ihren Schrein nach Chester, um ihn vor Angriffen der dänischen Wikinger zu schützen. Er blieb dort auch nach der Eroberung der Stadt durch die Normannen. Auf den Resten der Kirche ließ der Earl of Chester Hugh Lupus eine Benediktinerabtei errichten. Die Abteikirche wurde später zur Kathedrale ausgebaut. Vom normannischen Stil bis zur viktorianischen Gotik weist sie zahlreiche Stilrichtungen auf. Einen Schrein für die Heilige Werburgh gibt es bis heute.

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Auf das Mittelalter gehen die sogenannten „Rows“ zurück, zweigeschossige Arkadengänge in der Stadtmitte. Es wird angenommen, dass diese Besonderheit nach dem großen Brand 1278 entstand, weil in Chester Platzmangel herrschte. Damals war die Stadt Versorgungszentrum für das Militär im nahen Wales. Es wurde in die Höhe gebaut. Von der ersten Etage kann man in die gegenüberliegenden Geschäfte schauen. Angesichts der wechselnden Wetterverhältnisse ist es verwunderlich, dass Chester die einzige Stadt ist, in der man entlang der Läden und Werkstätten auch bei Regen bummeln kann.

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Das reich verzierte schwarz-weiße Fachwerk ist dem Tudor-Stil nachempfunden, stammt aber vor allem aus viktorianischer Zeit als die Flaniermeilen neu gestaltet wurden. Am östlichen Stadttor findet sich eine reich verzierte Uhr. Sie wurde 1897 zum 60-jährigem Kronjubiläum Königin Victorias installiert.

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Chester ist eine schöne, gemütliche Stadt mit vielen netten kleinen Geschäften und erstaunlich vielen Cafés und kleinen Restaurants. Sie ist etwas größer als Lüneburg und wird von den Menschen der Umgebung (auch aus dem nahen Liverpool) zum entspannten Einkaufen genutzt. Die Auswahl ist den Ansprüchen der Städter entsprechend hoch.

Auf der Autobahn fuhren wir in dichtem Verkehr an Liverpool vorbei zum Flughafen Manchester. Er liegt rund 20 Kilometer südlich des Stadtzentrums.

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Mit über 25 Millionen Passagieren pro Jahr ist er nach den Flughäfen im Großraum London zweitgrößter internationaler Flughafen. Auch der Airbus A380 und die Boeing 747 landen hier. Kein Wunder also, dass bei unserer Anfahrt über die M 56 alle paar Minuten über unseren Köpfen Flieger die Autobahn querten.

In direkter Nachbarschaft befindet sich Quarry Bank Mill, eine Tuchfabrik, die 1784 von Samuel Greg am Ufer des Bollin errichtet wurde.

Greg wurde in Belfast geboren. Mit acht Jahren schickten ihn seine Eltern nach Manchester. Seine beiden Onkel Robert und Nathaniel betrieben dort einen Leinenhandel, dem Greg nach Abschluss der Schule beitrat. Nathaniel war Alkoholiker, sodass Greg gezwungen war, das Geschäft zu übernehmen als Robert starb. Zwei Jahre später begründete der erst 26-jährige in der Nähe des Dorfes Styal Quarry Bank Mill.

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Greg konzentrierte sich zunächst auf das Spinnen von Baumwolle. Die Fabrik wurde mit Wasser- und Dampfkraft betrieben.

Er war bereits ein reicher Mann als er Hannah Lightbody heiratete. Wie er gehörte sie den Unitariern an, einer christlich-reformatorischen Glaubensgemeinschaft. Gemeinsam hatten die beiden sechs Töchter und sieben Söhne. 1796 verlegten sie den Familiensitz von Manchester auf das Fabrikgelände.

Greg war von Anbeginn an einer möglichst effizienten Arbeitsweise interessiert. Beeinflusst von den religiösen Sichtweisen seiner Frau zählte dazu auch das Wohlergehen seiner Arbeiter. Damit war Greg nicht der einzige.

Auch dem bekannten britischen Sozialreformer Robert Owen war es ein Anliegen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen an den Spinnmaschinen und Webstühlen zu verbessern. Owen kam zwar aus einer relativ wohlhabenden Familie, konnte aber nur bis zum 10. Lebensjahr die Schule besuchen. Danach arbeitete er sich vom Lehrling in einem Textilgeschäft bis zum Leiter einer Baumwollspinnerei in Schottland hoch. Dort arbeiteten um 1800 rund 2.000 Menschen, darunter auch 500 Kinder. Owen beobachtete Ungerechtigkeit, Not und moralischen Verfall, der sich destabilisierend auf die gesamte Gesellschaft auswirkte.

Fest davon überzeugt, dass menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Unterdrückung eine effektive Produktion behindern, verkürzte er die Arbeitszeit von 14 auf 10,5 Stunden, richtete eine Kranken- und Arbeitslosenversicherung ein, ließ Wohnungen bauen und räumte den Arbeitern günstige Mieten ein. In eigenen Geschäften konnten sie Produkte für den täglichen Bedarf zu günstigen Preisen erwerben. Daneben setzte Owen sich für ein Verbot der Kinderarbeit ein. Als Minimum forderte er eine Beschränkung der Arbeitszeit auf sechs Stunden für unter 12jährige. Voraussetzung für eine Anstellung sollte eine schulische Grundausbildung sein. Mit Hilfe dieser Maßnahmen konnte Owen die Produktivität seiner Fabrik merklich erhöhen. Die Spinnerei wurde zum Musterbetrieb, den auch Zar Nikolaus und die österreichischen Prinzen Johann und Maximilian besuchten.

Ähnliche Erwägungen lagen Samuel Gregs Bemühungen zugrunde. Auch er errichtete Wohnhäuser. Die Lehrlinge lebten in einem eigenen Lehrlingshaus, zu dem ein Garten für die gesunde Selbstversorgung gehöre. Sonntags bekamen die Kinder Schulunterricht.

Wie Kinder ab neun Jahren dort lebten, davon kann man sich auf einer Führung durch das Lehrlingshaus selbst ein Bild machen. Ältere Damen in Kostümen der Zeit geleiten Gruppen durch das Haus und berichten lebendig aus dem Alltagsleben der Lehrlinge. Zwei bis drei Kinder schliefen in einem Bett, morgens wurden sie mit einer Handvoll zählflüssigem Brei versorgt.

Bis 1847 schickten Eltern aus dem ganzen Land ihre Kinder in Quarry Bank Mill in die Lehre. Die Fabrik galt als besonders human und fortschrittlich. Die Jüngeren mussten „nur“ 10 Stunden arbeiten und wurden nicht, wie in anderen Fabriken üblich, geschlagen, wenn sie nicht die erwartete Leistung erbrachten. Greg beschäftigte sogar einen Arzt, der die Kinder behandelte. Peter Holland, Vater des königlichen Arztes Sir Henry Holland, war der erste Arzt, der in einer Fabrik beschäftigt war.

Abgesehen von Unfällen, die sich in der Fabrik im Umgang mit den gefährlichen Maschinen immer wieder ereigneten, hatten die Kinder Lungenprobleme und geschwollene Augen vom Baumwollstaub. Man behandelte sie nach dem neuesten Stand der Medizin mit Blutegeln…

Sie ersten Erfindungen zur Mechanisierung der Herstellung von Baumwolltuch waren zu dieser Zeit gerade einmal 20 Jahre alt: Darunter auch eine Maschine, die Maulesel (mule) genannt wird. Sie nutzte Wasserkraft, um viele Fäden gleichzeitig zu spinnen. Es war ein gewaltiger Sprung, von einem Spinnrad mit einer Spindel zur mule mit 48 und ab dem Jahr 1800 mit 400 Spulen.

In Quarry Bank Mill werden die alten Maschinen von Freiwilligen des National Trust im Betrieb gezeigt, sodass man einen ganz hervorragenden Einblick in die damalige Zeit bekommt. Das riesige, 1811 installierte Wasserrad treibt die Maschinen mit 100 PS an. Zwar gab es ab Anfang des 19. Jahrhunderts Dampfmaschinen, es war jedoch wirtschaftlicher, die vorhandene Wasserkraft zu nutzen. Außerdem im Museum zu sehen: eine restaurierte Dampfmaschine von 1840.

Hier kann man das, was uns im Geschichtsunterricht über die Industrialisierung vermittelt wurde, tatsächlich mit allen Sinnen wahrnehmen: Man kann die Aufstände der Weber nachvollziehen, die mit ihrer Arbeit an den heimischen Webstühlen nicht Schritt halten konnten mit den Maschinen in den Fabriken. Man kann sich vorstellen, wie immer mehr Menschen arbeitslos wurden und in die Städte drängten. Man kann sich hineinversetzen in ein Leben mit geringem Lohn in engen, feuchten Wohnungen und immer größerer Not. Ebenso kann man aber auch die Euphorie erfassen, die Wohlhabende zu immer gewagteren Spekulationen antrieb. Einige wurden unsagbar reich, andere verloren ihr letztes Geld. Die großen politischen Strömungen der Moderne als Antworten auf die gewaltigen Umwälzungen, die durch die Erfindungen und technischen Neuerungen in dieser Zeit angestoßen wurden – all das wird bei einem Gang durch die Fabrikhallen verständlich.

Als Samuel Greg 1832 nach einer Jagdverletzung gezwungen war, sich zur Ruhe zu setzen, war Quarry Bank Mill die größte Spinnerei in Großbritannien. Nach seinem Tod 1834 übernahmen seine Söhne Robert, John und Samuel Jr. und sein Schwiegersohn William Rathbone das Geschäft.

Robert leitete Quarry Bank Mill und weitete die Spinnerei zur Tuchfabrik aus. Als Abgeordneter von Manchester wurde er ins Parlament gewählt.

John war verantwortlich für die Spinnereien in Lancaster und Caton und wurde Bürgermeister von Lancaster.

Samuel Jr. hatte zunächst die Spinnerei in Bollington geführt, warf aber nach Mißerfolgen das Handtuch und wurde Priester. Die Spinnerei wurde von William Rothbone übernommen, der auch die Fabrik in Bury führte. Seine Frau Elizabeth gründete nach der Cholera-Epidemie in Liverpool die ersten öffentlichen Waschhäuser. Außerdem nahm sie Einfluss auf die Bildungsgesetzgebung des Parlaments.

Der letzte Nachfahre der Familie Alexander Carlton Greg überliess die Fabrik 1939 dem National Trust. Er war mit ganzem Herzen Farmer und nicht daran interessiert, die Tuchfabrik, die noch bis 1959 produzierte, zu leiten.

Aufstieg und Niedergang der Firma Samuel Greg & Co. legen ein eindrucksvolles Zeugnis der Industrialisierung ab. Mit Hilfe von bahnbrechenden Innovationen schuf die Familie in kurzer Zeit ein kleines Imperium. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Betrieb der veralteten Spinnereien mit ihren arbeitsintensiven Produktionsmethoden schon nicht mehr rentabel. Ihre Lage in ländlichen Gebieten verhinderte zudem den schnellen Transport der Erzeugnisse. Bis 1914 mussten alle Spinnereien bis auf Quarry Bank Mill schließen.

1980 war die Textilindustrie in Großbritannien fast vollständig verschwunden. Rund 750.000 Arbeitsplätze gingen verloren – mehr als im Bergbau, neben der Eisen- und Stahlindustrie ein weiteres wichtiges Standbein der industriellen Revolution. Textilien werden heute vorwiegend aus der Dritten Welt und den Schwellenländern importiert. Die zunehmende Verwendung von Kunststofffasern brachte auch die Wollindustrie zum Erliegen. Es gibt nur noch wenige kleine Betriebe, die diese Tradition in England fortführen.

Der Besuch von Quarry Bank Mill hat uns richtig begeistert. Es ist ein herausragendes Museum, in das unglaublich viel Mühe und Liebe zum Detail gesteckt wird.

Das alte Fabrikgebäude ist umgeben von Grün. Samuel Greg hatte das Land seinerzeit unter der Bedingung gepachtet, keinen Baum zu beschneiden oder zu fällen. Der herrliche Park und der liebevoll gepflegte Garten geben dem Gelände ein romantisches Flair.

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Als wir das Museum gegen 16 Uhr verließen, waren unsere Köpfe so voll von Eindrücken, dass wir ganz benommen waren. Wir quälten uns durch den dichten Feierabendverkehr an Manchester vorbei. In dem Ballungsraum leben 2,5 Millionen Menschen. Kein Wunder, wenn es in der Rushhour zu Staus kommt.

Unsere nächste Unterkunft lag etwa eine Stunde entfernt außerhalb von Halifax. Damit erreichten wir den Distrikt West Yorkshire. Halifax war früher ein Standort des Maschinenbaus und der Teppichindustrie. Heute werden hier vor allem Süßwaren hergestellt. Die auch bei uns bekannten Bonbons in der Blechdose mit dem Namen „Quality Street“ stammen von hier. Die Stadt hat 800.000 Einwohner und gehört mit Rochdale, Huddersfield und Bradford im weiteren Sinne zur Agglomeration der 100 km entfernten Industriestädte Liverpool, Manchester und Leeds. Wir hatten nun das industrielle Herz des Nordens und damit auch den starken Verkehr hinter uns gelassen und würden bald das umschwärmte und vielgepriesene Seengebiet, den Lake District erreichen, der sich bis an die schottische Grenze erstreckt.

Die Ausläufer von Halifax waren nicht besonders attraktiv. Gewerbegebiete und die für England so charakteristischen endlosen Reihenhaussiedlungen gingen ineinander über. Der Verkehr quälte sich von einem großen Kreisverkehr zum nächsten. Man musste gut aufpassen. Nicht nur, dass man die richtige Ausfahrt erwischte. Oftmals musste man sich auch rechtzeitig vor dem Einfahren in den Kreisverkehr entsprechend einordnen. Im Kreisverkehr selbst gab es keine Chance mehr, die Spur zu ändern und eine andere Ausfahrt zu nehmen.

Wie schon ein paar Tage zuvor zeigte das Navi eine kurze Restfahrtzeit an und wir begannen nervös zu werden: in der Nähe dieses so häßlichen Viertels an der Ausfallstraße sollte das Hotel sein, das ich für diese Nacht ausgesucht hatte? Innerlich stellten wir uns bereits auf einen Fehlgriff ei, schließlich können Bilder im Internet auch einmal täuschen.

Das Navi leitete uns nach links eine Straße hinauf in ein etwas besseres Wohngebiet und dann aus dem Wohngebiet hinaus in eine ländlichere Gegend. Wir fuhren den Hügel hinunter in ein idyllisches Tal mitten auf dem Lande. Ganz unten kuschelte sich schließlich das 350 Jahre alte Shibden Mill Inn an das Ufer eines kleinen Flüsschens.

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Das Landgasthaus im edlen englischen Country-Stil gehört zu einer Reihe mit verschiedenen Preisen ausgezeichneter Gasthäuser der gehobenen Kategorie. Engländer kommen für ein Wochenende hierher, um zu entspannen und Ruhe zu tanken. Man kann wandern oder Feste feiern. Die Gastronomie ist gehoben, in einem der elf schönen Hotelzimmer kann man übernachten.

In dem sehr urigen Restaurant haben wir einen sehr gemütlichen Abend bei exzellentem Essen verbracht. Das ist das England, in das man sich verlieben kann!