Rothenburg – verkannte Schönheit an der Tauber

Das Taubertal erstreckt sich von Freudenberg bis Rothenburg. Die Tauber ist ein Nebenfluss des Mains. Sie entspringt am Westfuß der Frankenhöhe, bildet zwischen Rothenburg und Tauberbischofsheim ein steilwandiges Tal und mündet bei Wertheim. Über die Jahrhunderte hat es wiederholt Versuche gegeben, die Tauber schiffbar zu machen. Sie scheiterten am Besitzstandsdenken oder am Geld. Durch die Brille des Touristen gesehen ein Segen: die industrielle Rückständigkeit bewahrte den Charme der Landschaft.

Bekannt ist das Taubertal für seinen Weinbau. Angebaut werden Müller-Thurgau, Silvaner, Kerner, Dornfelder, Acolon, Schwarzriesling und die Spezialität Tauberschwarz.

Romantische Straße bringt Touristen

Eine bedeutende Rolle spielt der Fremdenverkehr. Eine der ältesten und bekanntesten Ferienstraßen in Deutschland –  die Romantische Straße – führt hier entlang. 1950 verfolgte man mit ihrer Gründung das Ziel, Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als Urlaubsland attraktiv zu machen.

„Als die Ferienroute … offiziell ins Leben gerufen wurde, sollte sie das Aushängeschild eines freundlichen Deutschland sein, eines Deutschlands fernab von Hitler-Terror und Trümmerbergen. Eine an Kultur und Geschichte reiche Route, an der sich mittelalterliche Städte, Fachwerkhäuser, Schlösser, Burgen, sanfte Hügellandschaften und Weinberge reihen wie Perlen an eine Schnur. Eine Reise durch ein Land, das offen, freundlich und eng verbunden ist mit der europäischen Geschichte.“

Heißt es auf der Webseite „Romantische Straße“ der Touristik-Arbeitsgemeinschaft.

Amerikaner und Japaner

Die ersten Urlauber waren amerikanische Besatzungssoldaten mit ihren Familien. Sie trugen dazu bei, den Namen vieler Orte – allen voran Rothenburg – im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Selbst im Ausland ist die Romantische Straße ein Begriff: Mitte der 1990er Jahre kannten 93 Prozent der Japaner, die weltweit auf Reisen waren, die Romantische Straße zumindest dem Namen nach, auch viele Brasilianer wissen um sie.

Unterschätztes Taubertal

Auf unserem Weg nach Rothenburg haben wir einen kleinen Schlenker gemacht, um einen Eindruck von der Landschaft zu bekommen.

Leider spielte das Wetter nicht mit, sodass wir die Schönheit nur ahnten.

Zu Recht ist das Taubertal ein beliebtes Ziel für Radfahrer und Wanderer. Es locken malerische Städtchen, Burgen, Schlösser und alte Steinbrücken. Am bekanntesten unter den Touren von insgesamt 2.200 Kilometern Länge ist der Radweg von Rothenburg ob der Tauber nach Wertheim. Auf Wanderer warten der Panoramaweg Taubertal von Freudenberg über Wertheim und Bad Bergentheim nach Rothenburg oder der Jacobsweg durch den Odenwald und das Maintal bis ins Taubertal.

Wir kommen wieder!

Nach dem kurzen, durch den Regenschleier erhaschten Blick werden wir das Taubertal im Hinterkopf behalten. Vielleicht gibt es irgendwann Gelegenheit, die Romantische Straße bis hinunter nach Füssen abzufahren oder die Gegend mit dem Rad zu entdecken. Über Ladestationen im Main-Tauber-Kreis informiert das Landratsamt auf seiner Webseite.

Ideales Terrain für das Elektroauto

Die hügelige Landschaft ist stromsparend. Das Zauberwort heißt „Rekuperation“. Ähnlich wie ein Dynamo bremst der Elektromotor das Auto, nimmt die Energie auf, wandelt sie in elektrische Energie um und speichert sie in der Batterie. Der Elektromotor wird zum Generator, wir fahren sparsamer. Auf der Landstraße haben wir zwei bis drei Kilowattstunden rekuperiert, ein Viertel bis ein Drittel der insgesamt verbrauchten Energie.

Vorbehalte Adé

Übereinstimmend stellten wir fest, dass es Zeit ist, sich von den Vorurteilen, die man in Deutschland mit der Region verbindet, zu verabschieden.

Dieser Ansicht ist auch der Tourismusdirektor von Rothenburg. Er stört sich daran, dass seine Stadt im Inland als „altfränkisch, touristisch überlaufen und tendenziell biedermeierlich verkitscht“ wahrgenommen wird. Von diesem Bild wolle man sich lösen, erklärte er gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Mit seiner Qualitätsstrategie will er Rothenburg bei inländischen Besuchern als Kultur-, Kunst- und Städtereiseziel etablieren. Die Stadt habe mehr zu bieten, als Weihnachtsschmuck und eine überdachte Stadtmauer.

Bildung und Kultur

Seit 2016 gibt es kulturelle Themenjahre. Von 2019 bis 2021 stehen sie unter dem Motto „Pittoresk – Rothenburg ob der Tauber als Landschaftsgarten“. Im 19. Jahrhundert hatten Maler wie Carl Spitzweg, Dichter wie Paul Heyse und Architekten wie Camillo Sitte Rothenburg als mittelalterliches Schmuckstück wiederentdeckt. Auf der Weltausstellung in Chicago war Rothenburgs Rathaus 1893 Vorbild für den deutschen Pavillon. Die Einbettung der Stadt in die Landschaft war Beispiel für das Hampstead Garden Suburb in London und die Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Ebenfalls auf Rothenburg bezog sich die englische Arts and Craft Bewegung mit ihrer Idealisierung des Handwerks.

Möglich, dass der Tourismus Service mit dieser Rückbesinnung auf die Natur und das Gute und Schöne einen Nerv trifft. Die Reizüberflutung, der wir im Zeitalter des Internets täglich ausgesetzt sind, lässt uns nach Ruhe und Beschaulichkeit Ausschau halten.

Ein frischer Anstrich

Rothenburg hat es verdient, dass man sein Image entstaubt.

Das beginnt bei der Planung. Wer einen Stadtführer sucht, findet ein kleines Büchlein mit Fotos, die aus der Zeit deutlich vor der Jahrtausendwende stammen. Auch der Text mutet altmodisch an und von der Handhabung gibt es innovativere Konzepte. Dennoch sind wir dankbar, überhaupt etwas zur Vorbereitung unserer Reise zu haben.

Der Rothenburger Tourismus Service hält eine Broschüre mit Stadtplan vor. Deren Titel „Kleiner Stadt(ver)führer“ wirkt – ebenso wie die Fotos mit einem betont jugendlichen Paar Anfang fünfzig – gewollt. Aber man ist ja dabei, etwas zu ändern.

Moderne Kommunikation

Sehr viel zeitgemäßer geht es auf dem Rothenburg-Blog zu, dessen Einträge bis 2013 zurückgehen. Neben dem Rothenburg Tourismus Service berichtet dort ein gutes Dutzend Autoren – vom Pfarrer über den Stadtführer bis hin zur Leiterin des Weihnachtsmuseums – über Wissenswertes und Aktuelles und gibt nützliche Insidertipps.

Dass junge deutschsprachige Touristen Rothenburg neu entdecken, zeigt der kommerzielle Blog Sommertage der beiden Österreicher Kathi und Romeo, die die Stadt im vergangenen Jahr besuchten. Angesichts der Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Reisenden im eigenen Land über 50 Jahre alt ist, eine erfreuliche Entwicklung.

Verjüngung und Nachhaltigkeit

Für die Jungen relevant: das Thema „Nachhaltigkeit“. Noch klafft allerdings zwischen der Besorgnis um Klima und Umwelt und dem tatsächlichen Handeln eine erhebliche Lücke. In einer Umfrage von Spiegel Online gaben 72 Prozent an, die Klimadebatte habe keine Auswirkungen auf ihre Urlaubspläne.

Die Zahl der Auslands- und Fernreisen ist so hoch wie nie. Selbst Kurzurlaube gehen nach einer Erhebung der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zu einem Viertel ins Ausland. Was läge näher, die Deutschen bei ihren Idealen zu packen und bei der Vermarktung von Rothenburg das Thema Nachhaltigkeit auf die Agenda zu setzen?

Bei ausländischen Gästen ist der Zuspruch derweil ungebrochen. Im Ranking ihrer beliebtesten Sehenswürdigkeiten nahm Rothenburg 2017 Platz fünf ein – nach dem Miniaturwunderland in Hamburg, dem Europa-Park Rust, Schloss Neuschwanstein und dem Bodensee. Rothenburg ist berühmt wie der Kölner Dom oder das Brandenburger Tor. Unter Amerikanern und Asiaten gilt es als Idealbild einer deutschen Stadt. Schnell ist von „Overtourism“ die Rede. Besorgt erkundigt sich die Süddeutsche Zeitung bei den Einwohnern, wie es sich in einer Stadt lebe, die für Touristen die „ideale Selfie-Kulisse“ sei.

Man habe die Effekte nicht, mit denen Venedig oder Barcelona zu kämpfen hätten, betont Jörg Christöphler, Tourismusdirektor von Rothenburg, obwohl die Besucherzahlen steigen.

Höchste Zeit, Kulturdenkmäler zurückzuerobern

Über die Hälfte der jährlich zwei Millionen Tagesbesucher sind ausländische Gäste. Die Deutschen kommen nach einer Auswertung der Hochschule Heilbronn zu zwei Dritteln aus der Umgebung und aus Nordrhein-Westfalen.

Es kann eng werden in den schmalen Gassen. Doch gerade Inländer haben die Möglichkeit, auf weniger frequentierte Zeiten außerhalb der Saison auszuweichen. Ebenso lassen frühes Aufstehen und längeres Verweilen ungetrübte Genüsse zu.

Rothenburg liegt malerisch in der unverbauten Landschaft des Taubertals.

Blick vom Burggarten auf die Stadt

Die Ursprünge der Stadt lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. 1274 durch König Rudolf von Habsburg zur Reichsstadt erhoben, verlor sie nach der Belagerung während des Dreißigjährigen Krieges an Bedeutung. Rothenburg fiel in einen Dornröschenschlaf, das Stadtbild blieb überwiegend erhalten.

Touristenmagnet im 19. Jahrhundert

Mit ihrer Hinwendung zur Sagen- und Mythenwelt des Mittelalters war Rothenburg der ideale Ort für die Künstler der Romantik. Ihre Stadtansichten und Beschreibungen zogen um die Jahrhundertwende die ersten Touristen an. Vor dem ersten Weltkrieg erfreute sich Rothenburg bei Engländern und Franzosen aus der gehobenen Gesellschaft großer Beliebtheit.

Während des Dritten Reiches war Rothenburg eine Hochburg der NSDAP. Noch vor der Reichskristallnacht rühmte man sich „judenfrei“ zu sein. Wie viel Leid dieser teuflische Fanatismus über einst hoch geachtete Rothenburger Bürger brachte, schildert der ehemalige Redaktionsleiter der Tageszeitung Rolf Diba anschaulich am Schicksal der Familie Löwenthal.

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Bei einem Angriff der amerikanischen Luftwaffe, der einem Öllager in Ebrach galt, wurden 1945 Teile des neueren Ostteils der Altstadt zerstört. Der spätere Hochkommissar der alliierten Streitkräfte John McCloy verhinderte einen weiteren Artillerieangriff. Nach zähen Verhandlungen kam es zur Kapitulation. In einem Filmprojekt haben Schüler der Rothenburger Oskar-von-Miller-Realschule die Ereignisse nachgezeichnet. John McCloy hatte die Stadt 1948 zum Ehrenbürger ernannt.

Wiederaufbau durch Spenden

Besonders gut gefallen hat uns das Wandeln auf der Stadtmauer mit herrlichen Ausblicken auf die Altstadt.

Sie entstand im 14. Jahrhundert und löste die alte Stadtmauer ab, mit deren Bau 1172 nach der Verleihung der Stadtrechte begonnen worden war. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Kilometer der vier Kilometer langen Mauer zerstört. Spender aus aller Welt – darunter viele aus den USA – sorgten für den Wiederaufbau und den Erhalt. Ihre Namen sind in Steine gemeißelt, die in die Mauer eingelassen sind. Besucher können Spendensteine erwerben.

Zum festen Bestandteil von Rothenburg gehört das Mitte der 1960er Jahre in Herrenberg gegründete Unternehmen Käthe Wohlfahrt. Alles begann mit einer Spieldose aus dem Erzgebirge, die das Ehepaar Mitte der 1950er Jahre bei seiner Flucht nach Stuttgart mitgebracht hatte. Sie fand bei den dort wohnenden Amerikanern so großen Anklang, dass sie die Grundlage für das Familienunternehmen bildete, das heute mehr als 30.000 Artikel führt. Neben Filialen in Deutschland gibt es Niederlassungen in Frankreich, Belgien, England und in den USA.

Weihnachtstrubel in der Altstadt

1981 entstand im Stammhaus in Rothenburg ein Weihnachtsdorf, im Jahr 2000 kam das Weihnachtsmuseum hinzu. Als Inbegriff der deutschen Weihnachtstradition avancierten sie schnell zum Ziel von Touristen aus aller Welt. Vor allem Asiaten wollen auf ihrer Deutschlandtour Käthe Wohlfahrt besuchen. Entsprechend voll ist der Shop. Seit 1990 unter der Regie von Sohn Harald, entwickelt das Unternehmen auch eigene Produkte. Die Gründerin, deren Namen das Unternehmen trägt, verstarb 2018 im Alter von 85 Jahren.

Für uns war das Schlendern durch das weihnachtlich geschmückte Kuriosum von 1.000 Quadratmetern eine gute Möglichkeit, dem einsetzenden Regen zu entkommen. Wir geben zu: komisch kam es uns vor, uns Anfang Mai zwischen Weihnachtsbaumkugeln, Anhängern, Nussknackern und Krippen wiederzufinden. Doch die Kälte, die uns nach dem Stadtrundgang in den Gliedern steckte, ließ zumindest einen Hauch von weihachtlichen Gefühlen zu.

Zauber am Abend

Besonders entfaltet sich der Zauber Rothenburgs am Abend, wenn die alten Gebäude angestrahlt werden. Es lohnt sich, durch die Stadt zu wandeln, wenn der Strom der Tagestouristen verebbt ist und man die Stadt für sich hat.

Unser Elektroauto tankt unterdessen Energie in der Villa Mittermeier. Das Hotel unterhält mit seiner Dependence Alter Ego zwei der fünf auf GoingElectric verzeichneten Ladestationen. Das war für uns einer der wichtigsten Gründe, hier abzusteigen. Wir hätten das Auto sonst auf einem öffentlichen Parkplatz oder vor einer Bank laden müssen.

Gelebte Nachhaltigkeit

An der hoteleigenen Tesla Wallbox können auch andere Marken Strom ziehen. Erfreulich: das Laden wird nicht extra berechnet. Die Besitzer haben das Thema „Nachhaltigkeit“ verinnerlicht. 1995 übernahmen sie nach ihren Lehr- und Wanderjahren den elterlichen Betrieb. Schnell erwarb sich Christian Mittermeier mit dem Restaurant einen guten Ruf. Er ist Mitglied der Jeunes Restaurateurs d´Europe, einer Vereinigung für Spitzenköche. Unter der Überschrift „Casual Dining“ hält er es eher leger, verspricht „höchsten Genuss ohne Schnörkel und Standesdünkel“. Die Weißweine stammen von eigenen Weinbergen im Taubertal. Ein Drittel wird ökologisch bewirtschaftet. Beim Frühstück gibt es Honig aus der eigenen Bienenzucht. Wir haben unseren Besuch nicht bereut.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Lage des Hotels: direkt gegenüber gelangt man durch das Würzburger Tor in die Altstadt. Trotz der Nähe war es nachts angenehm ruhig, sodass auch wir Energie tanken konnten für die zweite Etappe unserer Reise nach Südtirol.