Südtirol: Green Mobility für die Urlaubsregion

Wie überall in Europa genießt in Südtirol Elektromobilität hohe Aufmerksamkeit. Die Schwerpunkte werden allerdings anders gesetzt. 2016 hat die Landesregierung ein Maßnahmenpaket zur „Green Mobility“ beschlossen. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ununterbrochen stärkste Kraft ist die Südtiroler Volkspartei (SVP). Sie stellt den Landeshauptmann und die Mehrheit der Südtiroler Landesregierung.

Ziel der Regierung ist es, Südtirol zu einer „Modellregion für nachhaltige alpine Mobilität“ zu entwickeln. Als Grundlage dient eine von Fraunhofer Italia erarbeitete Strategie.

Modellregion für nachhaltige alpine Mobilität

Oberste Priorität hat die Verkehrsvermeidung. An zweiter Stelle steht die Verlagerung des Verkehrs auf umweltfreundliche Verkehrsträger: zu Fuß, mit dem Rad, mit Bus und Bahn oder mit Carsharing. Zur dritten Kategorie zählt die Verkehrsverbesserung. Dazu gehören vor allem, Elektromobilität zu fördern.

Blick auf Rabland

Immer mehr Urlauber entdecken Südtirol

In den letzten zehn Jahren sind wir regelmäßig in Südtirol gewesen. Wir haben festgestellt, dass sich die Region zunehmender Beliebtheit erfreut. Die Zahlen belegen unseren Eindruck. Seit 1990 stieg die Zahl der Übernachtungen von 24 Millionen auf über 33 Millionen im Jahr 2018 an.

Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Nach ersten Anfängen im 19. Jahrhundert und der Zwischenkriegszeit kam es nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den ländlichen Gebieten zu Armut und Abwanderung. Erst in den 1970er Jahren entdeckten Touristen Südtirol wieder. Der Wohlstand der Südtiroler Bevölkerung stieg.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 42.000 Euro pro Kopf steht Südtirol in Italien auf Platz eins vor der Lombardei. Zum Vergleich: In Italien beträgt das BIP pro Kopf 27.200 Euro, in Österreich rund 40.000 und in Deutschland 37.300.

Drei Viertel der lokalen Wertschöpfung stammen aus dem Dienstleistungsbereich. Neben dem Tourismus gehören Handel und Verkehr zu den wichtigsten Sparten.

Schattenseite des Tourismus: Umweltbelastung

Das Südtiroler Landesinstitut für Statistik hat 2017 die Auswirkungen des Tourismus auf Verkehr, Stromverbrauch und Abfallproduktion untersucht. 85 Prozent der sieben Millionen Urlaubsgäste reisen mit dem eigenen Auto an. Der überwiegende Teil kommt aus Deutschland, gefolgt von der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Belgien. Auch Tschechen, Polen und Engländer reisen nach Südtirol. Stetig restriktivere Abgasnormen haben zwar zu einem Rückgang der Emissionen geführt, der zunehmende Individual- und Schwerverkehr machte diese Errungenschaften aber wett.

Es ist eine schwierige Gradwanderung. Wer nach Südtirol kommt, sucht vor allem die unberührte, intakte Natur. Wir lieben die malerische Landschaft, die frische, klare Bergluft, Ruhe und Erhohlung aber auch die Kultur und gelebte Traditionen.

Mehr Gäste, eine verbesserte Erreichbarkeit und Mobilität erhöhten das Risiko, dass sich die Region zu einem „Freizeitpark für gestresste Großstädter“ entwickele, es zu Wertschöpfungs- und Identitätsverlusten komme, warnt eine Studie der Handelskammer Bozen über die Zukunft des Tourismus in Südtirol.

Das Gespenst des Overtourism geht um

Die Liste der Plätze, denen nachgesagt wird, sie seien dem Ansturm der Urlauber nicht mehr gewachsen, wird immer länger. Der britische Reiseveranstalter Responsible Travel hat eine Karte mit weltweit 100 Orten veröffentlicht. Neben den häufig genannten wie Barcelona, Amsterdam oder Venedig findet sich auch die Nordseeinsel Juist. Das Phänomen hat bereits die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Sie empfiehlt Politikern, gemeinsam mit Interessengruppen maßgeschneiderte Richtlinien zu erarbeiten. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO), die zwölf Empfehlungen zusammengestellt hat, die Städten helfen sollen, mit dem Ansturm umzugehen. Überraschen mag das Ergebnis einer im Auftrag der UNWTO weltweit durchgeführten Befragung. Fast die Hälfte der Bewohner touristischer Ziele wünscht sich zwar ein besseres Management der Besucherströme. Für Werbeverbote (9 Prozent) oder Begrenzungen (12 Prozent) spricht sich hingegen nur ein kleiner Teil aus. Lieber sollen die Behörden die Infrastruktur verbessern (72 Prozent), Attraktionen sowohl für Besucher und Einheimische schaffen (71 Prozent) oder die Kommunen vor Ort unterstützen (65 Prozent). Für die UNWTO liegen Überbelastungen nicht an den Besucherzahlen, sondern sind in erster Linie eine Frage des angemessenen Umgangs. Auch handele es sich um kein stadtweites Problem, sondern um punktuelle Beeinträchtigungen. In der Schweiz ist man dazu übergegangen, mit Hilfe von Influencern auf Alternativen zu den beliebteten Zielen aufmerksam zu machen. Die deutsche Bundesregierung hat im Frühjahr die Eckpunkte einer nationalen Tourismusstrategie beschlossen. Mit ihr soll der Wirtschaftsfaktor Tourismus gestärkt und der gesamte Sektor auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet werden. Zu den Zielen gehört es, die inländisch Wertschöpfung zu erhöhen, die Lebensqualität der in Deutschland lebenden Menschen zu steigern und einen Beitrag zur internationalen Stabilität zu leisten. Dabei wird eine umwelt- und klimaverträgliche Entwicklung unterstützt (ausführlich: die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion).

Es ist nicht ungefährlich, in den Verdacht zu kommen, eine Massendestination zu sein. Der Anteil der Touristen, der eine Reise an einen überfüllten Urlaubsort vermeidet, liegt bei 30 Prozent. Fünf Prozent lehnen sie sogar ganz ab. Das hat eine Studie der IUBH Internationale Hochschule ergeben. Urlauber über 35 Jahre reagieren besonders sensibel auf einen möglichen Verlust von Authentizität, auf Stress, beeinträchtigten Urlaubsgenuss, erhöhte Preise, Lärm und Umweltbelastungen.

Was Südtirol angeht, teilen wir Befürchtungen in dieser Dramatik nicht. Jenseits der Zentren, in denen sich in der Hochsaison Touristen aufhalten, gibt es viel Platz für ungetrübten Naturgenuss. Gerade außerhalb der Ferienzeiten sind viele Wanderwege und Fahrradrouten kaum frequentiert. Schaut man sich die Situation auf den Straßen an, ist festzuhalten, dass diese zunächst einmal für eine halbe Million Einwohner ausgelegt sind. Es ist klar, dass sich der Verkehr zu gewissen Zeiten an engen Stellen staut, wenn während der Hochsaison Touristen (und der Transitverkehr) hinzukommen. Im eigenen Interesse kann man selbst eine Menge dazu beitragen, nicht auf den Hauptverkehrsstraßen in einer Kolonne zu fahren oder im Stau zu stehen. Es gilt das, was auch zu Hause gilt: Spitzenzeiten meiden und wann immer möglich das Auto stehen lassen und auf alternative Verkehrsmittel wie Bahn und Bus oder Fahrrad umsteigen.

Fahrverbote und Maut: auf der Suche nach Lösungen

Straßensperrungen wie in Österreich werden auch in Südtirol diskutiert. Das Bild ist ähnlich: Autofahrer versuchen, den Staus auf der Brennerautobahn auszuweichen. Landeshauptmann Kompatscher will die tatsächlichen Kosten durch die Mautgebühren abgebildet wissen und fordert, diese durch die Einführung einer Umweltmaut zu erhöhen. Ob das die richtige Strategie ist, um die Belastungen der Anwohner durch Verkehr und Transit zu senken, sei dahingestellt.

Derartige Maßnahmen seien ein Ausdruck der Überforderung, kommentierte der Cicero. Mit spitzer Feder verglich Chefredakteur Schwennicke das Vorgehen Österreichs mit dem der Europäischen Union in der Frage der Migration. In beiden Fällen falle es schwer, geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen. Wie die Routen im Mittelmeerraum suchten sich die Autofahrer in Österreich ihre Schleichwege, die ihnen ein einigermaßen gutes Durchkommen sicherten. Und nicht zuletzt seien übers Mittelmeer diejenigen unterwegs, die sich den Wohlstand wünschten, der den deutschen Autofahrern im Stau den alljährlichen Sommerurlaub ermögliche.

Die kleinste Stadt Südtirols: Glurns

Der Konflikt spitzt sich zu

Eine eben solchen Hilflosigkeit liest man in einer über die Medien ausgetragenen Auseindersetzung zwischen dem Meraner Kaufmann Michl Frasnelli und den Stadträten. Die Regierung schieße mit Einbahnregelungen, Straßensperren, videoüberwachten Stadtzufahrten und Speed-check-Boxen weit über das Ziel hinaus. Meran sei keine Großstadt, sondern eine Mikrostadt mit einem großen Hinterland und für dieses müsse die Stadt erreichbar sein. Sperre man eine Straße, verlagere sich der Verkehr in eine andere. Bevor man den Verkehr einschränke, müsse man Alternativen schaffen, fordert der Kaufmann und plädiert, auf die Fertigstellung der Nord-West-Umfahrung zu warten. Die Umfahrung sei in erster Linie für den Durchgangs- und Tourismusverkehr gedacht, kontert Mobilitätsstadträtin Madeleine Rohrer. Zwischen 2012 und 2017 sei der Anteil der Autos an allen Wegen der Einheimischen um fünf Prozent gestiegen. Er betrage mittlerweile 37 Prozent. Die täglichen Wege der Meraner seien kürzer als fünf Kilometer. Ziel sei es, die Sicherheit aller zu erhöhen, das Zufußgehen und Radfahren attraktiver und die öffentlichen Verkehrsmittel pünktlich und verlässlich zu machen.

Das Burggrafenamt – wie der Etschtal-Abschnitt um die Stadt Meran offiziell heißt – wird seit 2015 von Paul Rösch regiert. Mit 60,7 Prozent löste der Grüne überraschend Gerhard Gruber von der SVP als Bürgermeister ab.

Vermeidung, Verlagerung und Verbesserung als Antwort

Wanderweg bei Partschins

Der Stadtrat setzt die Philosophie der „Green Mobility“ um: Verkehrsvermeidung folgt Verkehrsverlagerung. Es wird an die Südtiroler appelliert, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, Fahrgemeinschaften zu bilden oder von zu Hause zu arbeiten. Ein Tag Homeoffice pro Woche bedeute 20 Prozent weniger Berufsverkehr.

Derartige Maßnahmen sollen zunächst durch den Verkehr verursachte Probleme wie Platzmangel und hohe Infrastrukturkosten lösen. Den Verkehr, der sich nicht vermeiden oder verlagern lässt, gilt es zu verbessern. Negative Begleiterscheinungen ließen sich durch technische Lösungen wie intelligente Verkehrsleitsysteme und Infrastrukturen wie Lärmschutzwände mildern. Von vornherein vermeiden könne man Abgase und Verkehrslärm durch Elektromobilität. Sie soll dort zum Zuge kommen, wo regelmäßige, tägliche Fahrleistungen erforderlich sind. Das sei auch ökonomisch interessant. Noch seien Elektrofahrzeuge in der Anschaffung teuer, im Betrieb jedoch Verbrennern überlegen.

Elektromobilität in Südtirol

Die Zahl der Elektroautos in Südtirol ist nicht groß. 2016 lag ihr Anteil unter den Neuzulassungen unter einem Prozent. Das soll sich ändern. Neben einem Preisnachlass von 4.000 Euro kann seit Mai 2019 eine staatliche Förderung von 6.000 Euro beantragt werden. Heimladestationen werden bis maximal 1.000 Euro bezuschusst. In einem Land, in dem der Treibstoff mit hohen Steuern belegt ist, spielen solche Anreize eine große Rolle. Zusätzlich denken Politiker über Ausnahmen bei Fahrverboten, günstigere Parkplätze und höhere Steuerabsatzbeträge für Elektrofahrzeuge nach.

Ausbau der Ladeinfrastruktur

Für Touristen relevant ist die Verbreitung von Ladestationen. Einen Überblick aller öffentlich zugänglichen Stationen gibt es auf einer interaktiven Karte des Südtiroler Projektes „Green Mobility“. In Echtzeit liefert sie Informationen über Betreiber, Auflademethode und Funktionsfähigkeit. Führender Betreiber von Ladesäulen in Südtirol ist der Energieversorger Alperia. Das Unternehmen verfügte im Juli 2018 über ein Netz von 150 öffentlichen Ladepunkten in Südtirol. Eine Kooperation mit dem italienischen Energiekonzern Enel und weiteren europäischen Betreibern stellt sicher, dass die Kunden im Ausland Strom laden können und umgekehrt.

Der erste High Power Charger Italiens steht im Zentrum von Meran. Er kann mit einer Leistung von 150 kW laden uns soll später auf bis zu 300 kW ausgebaut werden.

Hotels mit Elektroanschluss

Touristen verlangen vor allem nach Lademöglichkeiten in ihren Unterkünften. Buchungsportale wie Booking.com haben Filter eingeführt, mit deren Hilfe sich herausfinden lässt, ob ein Hotel über eine Ladestation verfügt. Hinzu kommen Anbieter wie chargehotels.com, bei denen sich Hotelbetreiber mit Ladestation eintragen lassen können. Der österreichische Verein Biohotels wirbt mit Unterkünften in Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Griechenland und der Schweiz, die über eine Ladestation verfügen.

Der Haidersee am Reschenpass

In Deutschland bietet nur ein einstelliger Prozentanteil der Hotels eine Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge an. Das ergab eine Befragung im Oktober 2018. Ein Drittel der insgesamt rund 230.000 Betten Südtirols befindet sich in Privatquartieren, Ferienwohnungen, Berggasthäusern und auf Campingplätzen. Die Konkurrenz ist groß, die Erwartungen der Gäste hoch. Es ist zu vermuten, dass es diesen Kleinbetrieben nicht leicht fallen wird, die Investitionen für eine Ladeinfrastruktur zu tätigen. Auf der anderen Seite wird eine erhöhte Nachfrage der Gäste einen entsprechenden Druck ausüben.

Obwohl mit dem emissionsarmen i3 angereist, lassen wir das Auto während unseres Urlaubs in der hoteleigenen Garage stehen. Wir wollen schauen, ob sich das Konzept der „Green Mobility“ in der Praxis bewährt.