Bozen: Die Stadt der Zukunft erleben, Teil 1

Die Menschen zieht es in die Städte. Im Zuge der Industrialisierung entwickelten sich die mittelalterlichen Handelszentren allmählich zu modernen Standorten für Produktion und Logistik. In Europa und Nordamerika ist dieser Prozess der Urbanisierung weitgehend abgeschlossen. Nach einer Studie der Vereinten Nationen leben hier zwischen 74 und 82 Prozent der Gesamtbevölkerung in den Städten und deren Ballungsgebieten.

Bozen: 250.000 Menschen leben im Ballungsgebiet der Landeshauptstadt

Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft machte die Städte zum bevorzugten Ort der sogenannten Kreativen Klasse: Wissenschaftler, Künstler, Designer und Werber sorgen für Wirtschaftswachstum, Stadtväter buhlen um sie.

Standortfaktor im Kampf um Kreative: Lebensqualität

Dank umweltfreundlicher Technologien und smarter Produktion sind Städte längst keine stinkenden, lärmenden und hektischen Moloche mehr. Attraktive Arbeitsplätze, ein vielfältiges Freizeit-, Kultur- und Bildungsangebot, Weltoffenheit und Toleranz ziehen gut ausgebildete junge Menschen, Familien und Ältere an. Und die Städte tun viel dafür, für diese Klientel attraktiv zu bleiben.

Die Schattenseiten

Durch den Run auf die Städte explodieren die Mieten. Stadtplaner versuchen gegenzusteuern. Bis 2021 sollen in Deutschland 1,5 Millionen neue Wohnungen entstehen. Gefördert werden allerdings in erster Linie besonders günstige Wohnungen und damit indirekt auch solche im Hochpreissegment. Im Mittelfeld bleiben die Preise hoch.

Immobilienpreise in Südtirol steigen

In Südtirol hat die Nachfrage von Ausländern so stark zugenommen, dass die Landesregierung dem Run auf die Immobilien Einhalt geboten hat. 60 Prozent der Wohnungen und Häuser, die jünger als 20 Jahre alt sind, müssen an Einheimische verkauft werden. Bozen ist besonders beliebt. In sehr guten Lagen sind die Preise vergleichbar mit der Münchner Innenstadt.

„Südtirol – das bedrohte Paradies“ überschreibt die Neue Zürcher Zeitung ein Gespräch mit Landeshauptmann Kompatscher, in dem es unter anderem um den Bauboom in Bozen geht.

Wohnungsnot auch in Südtirol

Die Caritas hat im vergangenen Jahr 828 Personen ein Dach über dem Kopf geboten, davon waren 59 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Die Zahl der Menschen, die Arbeit haben und sich dennoch keine Wohnung leisten können, steigt. Die Landesregierung kündigte 2018 an, bis 2022 in 35 Gemeinden 129 neue Wohnungen für sozial Schwache zu bauen. Aktuell gibt es in Südtirol über 13.400 Sozialwohnungen.

Massenweise quadratisch-praktische Wohnwürfel

Unter Hochdruck aus dem Boden gestampfte Neubauten können zu Qualitätsverlusten führen. Um Zeit und Kosten zu sparen, ist in Deutschland ein „serieller Wohnungsbau“ im Gespräch. An den Rändern der Städte wachse ein „quadratisch-praktischer bis zum Äußersten gedämmter Wohnwürfel nach dem anderen in die Höhe unterbrochen durch steinwüstenartige Plätze, auf denen sich, anders als von den Erschaffern erhofft, so gar keine Nachbarn begegnen wollen“, warnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Mit Blick auf die demographische Entwicklung und die sich abkühlende Konjunktur mahnt sie zur Vorsicht: Es seien Zweifel angebracht, ob die Einwohnerzahlen in den Großstädten weiter steigen. Mit seinen langen Zyklen verleite der Immobilienmarkt dazu, immer neue Maßnahmenpakete zu verabschieden, obwohl die Trendwende längst eingeleitet sei.

Nachverdichtung und Umnutzung als Lösung?

Ebenfalls heiß diskutiert ist der Umgang mit dem Altbestand. Während die Umwandlung ehemaliger Hafen- und Fabrikgelände zu attraktiven Wohnquartieren gern gesehen wird, bergen Nahverdichtung und die Bebauung von Lücken Konfliktstoff. Nach einer Studie der TU Darmstadt und des Pestel-Instituts könnten in Deutschland bis zu 2,7 Millionen Wohnungen neu entstehen, wenn Büro- und Geschäftshäuser, einstöckige Discounter, Tankstellen, Parkplätze und -häuser aufgestockt oder umgenutzt würden.

Vielfalt im Bozener Stadtbild

Das Bozener Stadtgebiet besteht aus unterschiedlichen Nutzungs- und Bebauungsarten. Ein Drittel seiner unbebauten Fläche wird landwirtschaftlich genutzt. Im Stadtkern ist die Bebauung sehr dicht, im Westen hat sich eine ländliche Struktur erhalten.

1925 eingemeindet: der ehemalige Kurort Gries

Auf dem Weg in den alten Stadtkern von Gries beherrschen die Bauten des Faschismus der 1920er und 1930er Jahre das Bild. Oberau-Haslach und Don Bosco sind von Hochhaussiedlungen dominiert. Im Süden liegt ein großes Industrie- und Gewerbegebiet. Es wurde 1935 angelegt, um den Zuzug italienischer Arbeiter aus dem Süden zu fördern.

Stadt bleibt Ort der Privilegierten

Allen Anstrengungen zum Trotz wird der Lebensraum Stadt auch künftig ein „privilegierter, monopolträchtiger Ort“ bleiben. So formuliert es Gerd Held, ehemals Privatdozent für Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Berlin, in seinem lesenswerten Vortrag „Der Kampf ums Auto“.

Mit dem Bozener Verkehrssystem beschäftigt sich der zweite Teil von „Bozen: Die Stadt der Zukunft erleben“.