Cambridge

Was haben John Cleese, Charles Darwin und Stephen Hawking gemeinsam? Alle drei haben in Cambridge studiert. Unseren vorletzten Tag in England hatten wir für den Besuch der berühmten Universitätsstadt reserviert.

Beim Frühstück lernten wir zwei ältere englische Ehepaare kennen. Das eine war gerade im Begriff, zu einer Veranstaltung auf einer nahegelegenen Airbase aufzubrechen, wo der Mann in einer alten Passagiermaschine einen Rundflug absolvieren wollte, der von einer Spitfire – einem Jagdflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg – begleitet werden sollte. Das andere Paar erzählte uns von seinen diversen Aufenthalten in Deutschland, die mit einem Schüleraustausch ihren Anfang genommen hatten. Sie fuhren regelmäßig in die Gegend von Lübeck und kannten auch Braunschweig sehr gut. Wir haben viel länger mit ihnen geplaudert als geplant. Sie wollten schon längst auf dem Weg zurück nach Yorkshire sein, wir im Bus nach Cambridge. Zwischen all dem Trubel versorgte unsere Gastgeberin uns mit Toast, Eiern mit Speck und frisch gebrühten Tee. Fast hätte man sie gar nicht bemerkt, denn sie hatte eine eher zurückhaltende Natur.

Vor dem Aufbruch entlockten wir ihr noch ein paar Hinweise über die genaue Lage des Park and Ride. Mehrfach hatte man uns geraten, uns Cambridge nicht mit dem Auto zu nähern. Die Stadt sei derzeit „very busy“. Ein Bus, der einen vom Parkplatz ins Zentrum brachte, war deshalb ideal. Uns erwartete nicht das übliche „pay and display“ – man kauft einen Parkschein und steckt ihn hinter die Windschutzscheibe – sondern ein System, das wir bereits in einem Parkhaus kennengelernt hatten. Beim Einfahren auf den Parkplatz erfasst eine Kamera das Kennzeichen. Dieses gibt man dann beim Lösen des Tickets ein. Die Parkgebühr beinhaltete den Fahrschein für den Doppeldeckerbus, mit dem wir zuverlässig in die Innenstadt gelangten. Dort angekommen, erlebten wir einen kleinen Schock.

Als wir uns ein paar Tage zuvor über die vielen Menschen in York beschwerten, ahnten wir noch nicht, was uns in Cambridge erwarten würde!

Es war so voll, dass man kaum irgendwo ungestört umherlaufen oder an Kreuzungen und Plätzen durchkommen konnte. Auffallend waren die vielen chinesischen Reisegruppen.

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Der Wohlstand in China wächst. Immer mehr Chinesen können sich den Traum von einer Reise nach Europa erfüllen. 2015 besuchten 12 Millionen chinesische Touristen die Europäische Union. Viele Staaten wittern ein gutes Geschäft mit den zahlungskräftigen Kunden und erleichtern die Einreise, so auch Großbritannien. 2016 haben chinesische Touristen mehr als 223 Milliarden Euro im Königreich ausgegeben. Wenn man bedenkt, dass erst fünf Prozent der Chinesen einen Reisepass besitzen, so fragt man sich, wie es erst wird, wenn sich eine Milliarde Chinesen im Sommer auf den Weg in den Urlaub macht.

Noch ist der Asien-Pazifik-Raum bevorzugte Reiseregion der Chinesen. Dort gehören Thailand, Japan und Australien zu den beliebtesten Zielen. Von den rund 9 Millionen Besuchern des fünften Kontinents waren rund 1,4 Millionen Chinesen. Sie brachten 10 Millionen australische Dollar ins Land. Australien hat eine große chinesische Community – fast eine Million Einwohner hat chinesische Wurzeln. Hinzu kommen mehr als 100.000 chinesische Studenten. China ist der wichtigste Handelspartner Australiens. Das Land verdient gut an den Kohle- und Eisenerz-Exporten. Die große Nachfrage der aufstrebenden Macht führte zu einem rasanten Ausbau des australischen Bergbaus. Insgesamt werden jährlich Waren im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar ausgetauscht. Zunehmend macht man sich in Australien über den Einfluss Gedanken, den das Reich der Mitte (und damit die Kommunistische Partei) auf das Land ausübt. So lehnte die australische Regierung Investitionen in verschiedene Infrastrukturprojekte ab und verhinderte den Erwerb von Agrarland. Militärs und Geheimdienste warnen vor der Autokratie, die dabei ist, zur Grossmacht aufzusteigen. Fast die Hälfte der Australier glaubt, dass China in den kommenden 20 Jahren zur militärischen Bedrohung wird. Auch in Deutschland regt sich langsam Widerstand. So fordert die IG Metall von der Bundesregierung eine Gegenstrategie zu Übernahmen deutscher Firmen, die sich vor allem im Mittelstand negativ auswirken könnte. Der Blick auf Australien und seinen Umgang mit China wird für Europa spannend bleiben.

Was geschieht, wenn das „chinesische Zeitalter“ beginnt und westliche Vorstellungen ins Hintertreffen geraten, darauf gab der Konflikt zwischen der Universität Cambridge und der chinesischen Regierung im vergangene Jahr einen Vorgeschmack.

Der Tourismus hat seine Schattenseiten. Das haben wir auf unserer Reise immer wieder bemerkt. Besonders kulturell bedeutsame Orte werden von Besuchern überschwemmt. So erfreulich das Interesse ist, Einheimische können kaum noch ihrem normalen Leben nachgehen, kulturelle Stätten müssen vor dem Ansturm geschützt werden, die Preise steigen ins Unermessliche, die typische Atmosphäre verschwindet.

In Barcelona und auf Mallorca protestierten im Sommer Einheimische gegen die immer größere Zahl von Touristen. „Tourist go home!“ war auf den Transparenten aufgebrachter Einwohner zu lesen. Obwohl teilweise verständlich, ist diese Haltung nicht weniger heuchlerisch, wie der Anspruch vieler Reisender, nicht als Tourist gelten zu wollen.

„Der verhasste Gast“ sieht sich selbst in der Tradition englischer Adliger des 19. Jahrhunderts, die sich auf Bildungsreise begeben. Inzwischen sind es jedoch zu viele, die sich auf den Weg machen. Taucher und Schnorchler haben zwei Drittel der Korallenriffe Thailands schwer beschädigt, der Traumstrand aus dem Spielfilm „The Beach“ musste gesperrt werden, damit sich die Natur erholen kann. In Venedig denkt man darüber nach, für den Markusplatz Eintrittskarten zu verkaufen, wer nach Buthan will, muss die Kosten für einen einheimischen Führer und einen Chauffeur für den Mietwagen aufbringen und die berühmten Felsenzeichnungen in Lascaux sind nur noch für ausgewiesene Experten zugänglich. Ist das der richtige Weg? Werden wir uns künftig mit Nachbildungen begnügen müssen, weil die Originale zu wertvoll sind, um sie dem Ansturm der Massen auszusetzen oder zu überlaufen als dass man einen Blick auf sie erhaschen könnte? In China kann man eine Nachbildung Venedigs besuchen, in Las Vegas eine Reproduktion des Eiffelturms. Vielleicht gilt es in unserer reizüberfluteten Welt auch erst wieder den Wert der kleinen Dinge zu entdecken, die Augen zu öffnen für die Schönheiten in unserer unmittelbaren Nähe. Vielleicht muss man auch öfter mal „Zu Hause bleiben“.

Auch die Stadtführerin der Tourismuszentrale, die uns nachmittags durch die Menschentrauben hindurch zu den Colleges schleuste, sparte nicht mit Kritik an den Touristen. Allzu oft müsse sie den wilden Schülergruppen erst ein Minimum an Respekt für die Kultur eintrichtern.

Beim Frühstück hatte uns das Ehepaar aus Yorkshire erzählt, dass es während der Sommermonate die Innenstadt meide. Beide hatten tags zuvor einen Tea-room etwas außerhalb aufsuchen wollen. Sie schätzten diesen wegen seiner Ruhe und Abgeschiedenheit. Dieses Mal war das romantische, zwischen Obstbäumen gelegene Fleckchen allerdings voll mit Chinesen, die sich auf dem ganzen Gelände verteilt hatten und lärmend die Äpfel von den Bäumen rissen. „What should you do?“, fragte die ältere Dame resigniert. Britische Zurückhaltung ließ sich offensichtlich nicht mit dieser Art von Tourismus in Einklang bringen.

Wir hatten Glück, noch eine zweistündige Stadtbesichtigung bei der Touristeninformation zu ergattern. In die meisten Colleges kommt man nur mit einer Führung hinein. Den Vormittag nutzten wir, um die Teile der Stadt zu besuchen, die nicht von der Führung abgedeckt wurden. So liefen wir zum Beispiel durch den Innenhof des allgemein zugänglichen Pembrocke College. 1347 gegründet, ist die nach der Witwe des zweiten Earl of Pembroke benannte Einrichtung das drittälteste College in Cambridge.

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Obwohl keine große Stadt, hat Cambridge viele, viele Geschäfte. Es sind nicht ausschließlich die bekannten Ketten, die die Einkaufsstraßen dominieren, sondern auch Läden mit schönem Kunsthandwerk. Außerdem, so fiel uns auf, gab es außergewöhnlich viele Cafés und kleine Restaurants. Wir fanden sogar ein japanisches Schnellrestaurant, in dem Tellerchen mit kleinen Leckereien auf einem Fließband an den an der Bar Sitzenden vorbeizogen. Bevölkert war es vor allem mit Asiaten.

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Es gibt in Cambridge nicht so viele Colleges wie in Oxford, dafür sind diese aber geräumiger und öffnen sich nach hinten zu einem kleinen Fluss. In Oxford liegen die Innenhöfe hinter hohen Mauern. Die Gebäude sind fast ausschließlich aus gelbbraunem Sandstein errichtet. In Cambridge hingegen trifft man auf eine breite Palette unterschiedlicher Materialen: Fachwerk, roter und weißer Backstein sowie Naturstein aus unterschiedlichen Gegenden.

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Cambridge ist – wenn man so will – eine Abspaltung von Oxford, zu der es 1220 wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Universitätsangehörigen und der Stadtbevölkerung (zwischen town und gown, also Stadt und Talar) kam. Die Differenzen gab es später auch in Cambridge, wo sich 1270 die ersten Colleges bildeten. Früher trat man einem College bei, um wie bei einem Meister in eine Lehre zu gehen. Später übernahm dann die Universität als Dach die Zuständigkeiten für die Lehre und das Prüfungswesen, die Zugehörigkeit zu einem College, in dem man lebte und auch seine Freizeit verbrachte (und natürlich betete, weshalb jedes College seine eigene Kapelle hat), geschah unabhängig von der Universität.

Cambridge ist vor allem bekannt für die Naturwissenschaften. Fast 100 Nobelpreisträger haben hier studiert. Zehn von ihnen hat allein das St John´s College hervorgebracht.

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Vor den Toren der Stadt haben sich in jüngerer Zeit viele Hightech-Firmen angesiedelt. Das „Cambridge Cluster“ umfasst über 800 solcher Unternehmen in der Region. Den Anfang machte 1970 der vom Trinity College begründete „Cambridge Science Park“. 2004 flossen fast zehn Prozent des in Europa investierten Venture Capitals in die Unternehmen des Cambridge Clusters. Es sind nicht nur kleine Start-ups, die sich hier entwickeln. Auch große Unternehmen wie Bayer oder Qualcomm unterhalten Forschungsabteilungen.

Mit der Führung besuchten wir das bekannteste College, das von Heinrich VI. 1440 begründete King´s College.

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Besonders schön ist seine Kapelle, mit deren Bau 1446 begonnen und die erst 80 Jahre später fertiggestellt wurde. Die von flämischen Glasmalern angefertigten Fenster der Kirche sind so groß, dass der Bau fast nur aus Glas zu bestehen scheint. Man kann über die ganze Länge von fast 90 Metern durch die Kirche schauen, da sie ein Fächergewölbe besitzt, sodass auf Säulen gänzlich verzichtet werden kann. Was für eine enorme architektonische Leistung!

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Die Dame von der Tourismuszentrale zeigte uns auch die Schätze jüngerer Zeit, darunter die 2008 aufgestellte „Corpus Christi Clock“, auf der eine schaurige Heuschrecke auf dem Ziffernblatt aus 24karätigem Gold die Zeit frisst.

Schnell ging die Führung vorüber. Wir hatten so viel Interessantes erfahren und bereuten sehr, bereits unmittelbar nach dem Ende die Hälfte wieder vergessen zu haben. So ist das mit den Stadtführungen. Es ist viel zu viel Information, um sich alles zu merken!

Ein sehr ereignisreicher Tag ging seinem Ende entgegen. Wir fuhren zurück ins gemütliche Linton und gingen noch einmal ins The Dog & Duck, das nette Pub, das uns unsere Gastgeberin empfohlen hatte. Schon am Abend zuvor hatten wir dort gut gegessen und sollten auch an dieses Mal nicht enttäuscht werden. Wir entschieden uns für zwei Classiker: Fish and Chips und Burger.

 

Ein Gedanke zu “Cambridge

  1. Achim Spengler 2. Juni 2018 / 13:51

    Ich war 2012 in Cambridge, und es ist an Wochenenden, gar noch im Hochsommer kein rechtes Vergnügen mehr, sich durch die Stadt zu schlängeln. Vielen Dank für die Informationen, den Tourismus allgemein betreffend. China wird zur touristischen Weltmacht gelangen, das ist sicher so wie es schon jetzt eine wirtschaftliche und militärische Weltmacht geworden ist.

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