Über Lincoln an die Küste von Norfolk

Morgens erwartete uns Sonnenschein. Ein perfekter Tag, um sich in Richtung Küste aufzumachen.

Jane schuf die richtige kulinarische Grundlage. In ihrem traditionell eingerichteten Eßzimmer mit dunklen Mahagoni-Möbeln war liebevoll für uns zwei gedeckt. Über Nacht war es recht kalt gewesen. Das alte Gemäuer – die ältesten Teile der Farm sind über 250 Jahre alt – war ausgekühlt. Das künstliche Feuer, das im Kamin brannte, kam gerade recht.

Die Vorbehalte meiner Begleitung gegenüber einer Übernachtung auf einer Farm erwiesen sich als unbegründet: es roch nicht unangenehm nach Kühen und die Zimmer waren frei von Fliegen. Jane führte einen äußerst akkuraten Haushalt. Nicht ein einziges Staubkörnchen war irgendwo zu finden. Auch das blaugestrichene Eßzimmer glänzte nur so vor Sauberkeit. Auf dem Frühstückstisch befand sich alles in hübschen kleinen Gefäßen: Von der Butter über die Marmeladen bis hin zu den Soßen für das warme Frühstück. Neben jedem Töpfchen lag überdies noch ein eigener Löffel bereit und für die Butter gab es sogar ein formschönes Buttermesser. Der Tee wurde mit einer zusätzlichen Kanne heißem Wasser serviert. Ein Sternehotel hätte es nicht besser machen können.

Bei unserer Verabschiedung plauderten wir uns noch richtig fest. Höflich lobte Jane unser gutes Englisch und entschuldigte sich und ihre Landsleute, nicht derart gut Deutsch zu sprechen. Das machte uns verlegen, denn längst schon ist unser Englisch nicht mehr so gut wie kurz vor dem Abitur! Sprachen wollen gepflegt werden, sonst gehen sie ein wie Blumen, die man nicht regelmäßig gießt.

Wir erzählten unserer „Herbergsmutter“ von unserer Enttäuschung über York. Sie befand, dass das nahegelegene Lincoln sehenswerter sei. Auch die Kathedrale sei schöner und die Stadt bei weitem nicht so frequentiert. Obwohl unserer Zeitplan relativ eng war, folgten wir Janes Rat und nahmen ihre Wegbeschreibung zu den Parkplätzen in Citynähe gerne an.

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Wir wurden nicht enttäuscht: bei bestem Wetter genossen wir eine sehr hübsche Stadt mit ihrer weithin sichtbaren, auf einem Hügel gelegenen Kathedrale und einer Burg, in der sich eines der vier noch vorhandenen Exemplare der Magna Charta befindet.

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Die 1215 von König Johann erlassene Urkunde hat für die britische und amerikanische Geschichte eine herausragende Bedeutung, zwang sie doch erstmals überhaupt einen König, die Rechte seiner Untertanen (wobei ausschließlich Adlige gemeint waren) zu verbriefen. Die Burg wurde 1068 von William dem Eroberer erbaut. Sie ist gut erhalten, da sie bis ins 19. Jahrhundert hinein als Gefängnis diente. Bis 1868 haben auf dem Dach des nördöstlichen Turms öffentliche Hinrichtungen stattgefunden.

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Im Jahr 48 n.Chr. hatten die Römer eine Siedlung mit dem Namen Lindon vorgefunden. Sie errichteten eine Garnison und nannten sie Lindum Colonia, woraus später Lincoln wurde. Den kleinen Fluss Witham verbanden sie durch eine 18 km lange, künstliche Wasserstraße mit dem Trent. Über den Foss Dyke konnten die Truppen im Norden mit den Erzeugnissen der fruchtbaren Äcker Norfolks versorgt werden. Im 12. Jahrhundert und im 18. Jahrhundert wurde der Kanal erneuert und vertieft. Mit dem Bau der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts ging seine Bedeutung zurück. Heute wird der Kanal fast ausschließlich von Freizeitkapitänen genutzt.

Rund um den Brayford Pool, den Binnenhafen der Stadt, der im Mittelalter einer der wichtigsten Umschlagplätze für Wolle war, stehen inzwischen moderne Büro- und Wohnhäuser sowie die Gebäude der Universität. Erhalten geblieben am Wasser ist eine Brücke aus dem 12. Jahrhundert, auf der Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrundert stehen.

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Entlang des „Steep Hill“, der zur Kathedrale führt, befindet sich das frühere jüdische Viertel. Bis zu ihrer Vertreibung im Jahr 1290 gab es in Lincoln eine reiche jüdische Gemeinde. Einer ihrer Mitglieder soll sogar Geldschäfte mit dem Königshaus gemacht haben.

Eines der ältesten Stadthäuser Englands ist Jew´s House. Aus lokalem Kalkstein in normannischem Stil erbaut, ist ein Teil der Fassade aus dem 12. Jahrundert noch erhalten. Bis heute ist das Haus bewohnt.

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Die Kathedrale stammt aus dem 12. Jahrhundert und zählt zu den bedeutensten Werken der englischen Gotik. Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert soll sie das höchste Gebäude der Welt gewesen sein. Um seine Macht zu sichern, holte Wilhelm der Eroberer Rémy de Fécamp aus der Normandie, um im Schutz der alten römischen Mauern auf dem Hügel von Lindum ab 1072 eine Abtei zu errichten. Rémy starb zwei Tage vor der Einsegnung der Kathedrale im Jahre 1092.

Nach einem Brand wurde die Kathedrale ab 1123 wieder aufgebaut. Die vielen Figuren der Westfassade sind auf den extravaganten Geschmack des Auftraggebers zurückzuführen. Weil der Bau so kostspielig war, wurde Bischof Alexander auch „der Prächtige“ genannt. Prunkbauten mit explodierenden Kosten gibt es auch heute noch, denkt man an den Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst. Die Kritik an ihm war so stark, dass der Papst ihn 2013 von seinen Pflichen entband.

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Lincoln, das sich bereits im Mittelalter durch den Woll- und Tuchhandel zu einer wohlhabenden Stadt entwickelt hatte, ist mittlerweile ein bedeutender Industriestandort. Teledyne e2v, ein Technologieunternehmen der Gesundheitswirtschaft, Siemens, Dynex Semiconductor und die italienische Firma Bifrangi, die Komponenten für Marine, Landwirtschaft, Stromerzeugung und Bergbau herstellt, haben in Lincoln einen Sitz.

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Die Stadt mit ihren vielen hübschen Geschäften in den engen, steilen Gassen hat uns außerordentlich gut gefallen. Es mag auch daran gelegen haben, dass wir dort eintrafen, bevor die Touristenströme die Stadt eroberten. Als wir zum Auto zurückkehrten, war auf den diversen Parkplätzen kaum mehr ein Platz zu bekommen. In der Hochsaison muss man also Stadtbesuche unbedingt in die Morgenstunden legen. Am besten man beginnt mit dem Besuch, wenn die ersten Geschäfte öffnen.

Von Lincoln hatten wir eine längere Strecke über King´s Lynn bis an die Küste Norfolks vor uns. Sie führte durch das platte Land mit seinen vielen weiten Getreidefeldern.

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Bei Waddington kamen wir an einem Militärflugplatz der Royal Air Force vorbei. Der Stützpunkt wird seit 1916 betrieben. Während des Zweiten Weltkrieges starteten hier auch Bomber der Royal Australien Air Force ihre Angriffsflüge auf Deutschland, im Kalten Krieg waren britische Atombomber stationiert. Heute ist der Flugplatz Haupteinsatzbasis für Spezialmissionen.

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Zur Begeisterung meines Begleiters starteten just als wir passierten große Militärflugzeuge zu Aufklärungsflügen. Auf einem Parkplatz, von dem man den Start der Flugzeuge beobachten konnte, trafen wir zwei Plane Spotter. Die mit professionellen Kameras ausgestatteten jungen Männder verrieten uns, dass ganz in der Nähe eine weitere Air Base war, wo es rege Flugbewegungen gab. Natürlich mussten wir einen Schlenker machen.

In Corningsby konnten wir noch den letzten Teil einer kleinen Flugshow mit alten Militärmaschinen verfolgen: Spitfire, Lancaster und Eurofighter kreisten am Himmel. Fasziniert standen wir mit anderen Schaulustigen am Zaun des Militärgeländes und beobachtete das Treiben. Sich loszureißen fiel schwer.

Doch die Küste wartete und es galt den herrlichen Tag zu nutzen.

Bei Sutton Bridge überquerten wir die Crosskeys Bridge, eine Drehbrücke von 1897 über den Fluss Nene. Ursprünglich war sie sowohl für den Straßen- als auch für den Schienenverkehr ausgelegt. Seit die Bahnstrecke 1965 stillgelegt wurde, verbindet die belebte A 17 auf beiden Seiten Lincolnshire mit Norfolk.

Luftfahrtbegeisterten Menschen mag „Nene“ ein Begriff sein: Rolls-Royce benannte sein drittes Strahltriebwerk nach dem 160 Kilometer langen Fluss, der durch Northamptonshire, Cambridgeshire, Lincolnshire und Norfolk fließt. 1944 innerhalb eines knappen halben Jahres geplant und gebaut, wurde die Rolls-Royce Nene in der Hawker Sea Hawk und dem Supermarine Attacker eingesetzt. Sie trieb auch das erste zivile Strahlflugzeug, eine Vickers Viking, an, die ihren Jungfernflug im April 1948 absolvierte.

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Die Mündungen der Flüsse Nene, Witham, Welland und Great Ouse in die Nordsee bilden eine weite Einbuchtung, die „The Wash“ genannt wird. Der Legende nach soll König Johann Ohneland hier einst seine königliche Robe verloren haben. Seither amüsiert das Wortspiel „King John lost his clothes in the Wash“.

Das als Sumpf bezeichnete Binnenland „The Fens“ diente einst als Überschwemmungsgebiet der Flüsse. Sedimentablagerungen und künstliche Landgewinnung haben die Küstenlinie im Laufe der Jahrhunderte verschoben. So befinden sich einige Städte, die einst am Meer lagen, heute weit im Landesinneren. Bereits die Römer entwässerten Teile der Fens und schufen ein System schnurgerader Land- und Wasserwege. Im 17. Jahrhundert holte der Herzog von Bedford den holländischen Ingenieur Cornelius Vermyden nach Norfolk, der die Umwandlung der Fens in Weide- und Ackerland vorantrieb. Über die Jahrhunderte sackte der entwässerte Moorboden ab, sodass Teile der trockengelegten Fens heute fast fünf Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Regelmässig kommt es zu Überschwemmungen. In kalten Wintern frieren sie zu. Neben Eisschnelllauf-Wettkämpfen finden seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die dem Eishockey ähnlichen Bandyspiele statt.

Die flache Landschaft fast ohne Hecken und Bäume mit wenigen einsamen Gehöften scheint auf den ersten Blick nicht spektakulär zu sein. Doch Salzwiesen, Sandbänke, seichte Wasserstellen und Kanäle haben ihren ganz eigenen Reiz.

Bei Snettisham unterhält die Royal Society for the Protection of Birds ein Naturschutzgebiet. Die größte Organisation zum Schutz der Wildvögel in Europa hat über eine Million Mitglieder. Sie wurde 1889 gegründet, um die Verwendung des Gefieders der Haubentaucher in der Modeindustrie zu stoppen. Damals wurden die Federn vor allem für Hüte und für Krägen verwendet, der Haubentaucher war wegen der intensiven Bejagung vom Aussterben bedroht.

Ein Bild von den ursprünglichen Fens kann man sich im Wicken Fen Nature Reserve in der Nähe von Cambridge machen: Das Reservat ist eines von den vier übriggebliebenen Fens und das erste vom National Trust betreute Naturschutzgebiet. Die erste Parzelle wurde 1901 von dem Bankier Charles Rothschild, dem Sohn des 1. Baron Rothschild, gestiftet. Wicken Fen ermöglicht auch einen Einblick in das Leben der Bewohner der Fens im Mittelalter. Neben dem Ackerbau zählten Rinderzucht, Fischfang, die Jagd auf Wasservögel sowie der Verkauf von Torf und Reet zu den Einnahmequellen.

Mehr und mehr gestresste Londoner schätzen die weite Sicht und die frische Luft als Quell der Erholung. Küste und Hinterland eigenen sich zum Wandern und Radfahren, Unerschrockene baden in der kalten Nordsee.

Auch die Königin weiss die Ruhe des ländlichen Norfolks zu schätzen. Alljährlich verbringt sie mit ihrer Familie die Weihnachtsfeiertage und Neujahr in Sandringham House, dem königlichen Landsitz in der Nähe von King´s Lynn. Königin Victoria hatte 1862 für ihren Sohn, den späteren König Edward VII. und seine Frau das ursprünglich auf dem Gelände befindliche Herrenhaus gekauft. Weil es zu klein war, wurde es abgerissen und neu gebaut. Die Residenz aus roten Ziegelsteinen wurde 1870 fertiggestellt und blieb seither weitestgehend unverändert.

Im Schloss kann man Geschenke anschauen, die das Königshaus von Monarchen aus aller Welt erhielt, darunter einen Leuchter aus Meißner Porzellan von Kaiser Wilhelm. Im Reitstall sind neben Jagdtrophäen Staatskarossen ausgestellt, etwa das erste Auto der Königsfamilie, ein Daimler Phaeton von 1900. Für den Besuch des Schlosses, seines weitläufigen Gartens und des 243 Hektar großen Parks benötigt man ein paar Stunden Zeit.

Wir machten stattdessen einen Abstecher nach „Sunny Hunny“. Das Seebad Hunstanton ist der einzige Ort an der englischen Ostküste, wo man die Sonne über dem Meer untergehen sehen kann. Bekannt ist das kaum 5.000 Einwohner zählende Städtchen auch für seine zweifarbigen Klippen aus rotem und braunen Sandstein.

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Die verherrende Flut von 1953 – die schwerste Nordsee-Sturmflut des 20. Jahrhunderts, die in den Niederlanden, Belgien und Großbritannien weit über 2.000 Menschen das Leben kostete, ließ die Nordsee in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar bei King´s Lynn auf fast 3 Meter ansteigen. Am Südstrand von Hunstanton brach ein Damm, sodass das Wasser weit ins Landesinnere floß. Ein Zug, der nach King´s Lynn unterwegs war, kollidierte mit einem der umher schwimmenden Häuser und entgleiste. Unter den 31 Toten, die Hunstanton zu beklagen hatte, waren auch 16 dort stationierte Soldaten der amerikanischen Luftwaffe.

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Die Bezeichnung „Norfolk“ rührt von den frühen Siedlern im 5. Jahrhundert. Die Angeln, die England seinen Namen gaben, wurden später „nördliche“ und „südliche Leute“ (north folk und soulth folk) genannt, woraus die Grafschaften Northfolk und Suffolk abgeleitet wurden. Der Einfluss der frühen Siedler wird heute noch an Ortsnamen mit Endungen wie „-ton“ oder „-ham“ sichtbar. Solche, die auf „-by“ oder „-thorpe“ enden, machen den dänischen Einfluss deutlich. Die Dänen waren im 9. Jahrhundert nach England gekommen. Sie gründeten Siedlungen und wandelten die Feuchtgebiete im Osten zu Ackerland um.

Einst zählte die Gegend zu den am dichtesten besiedelten Teil der britischen Inseln. Im Hoch- und Spätmittelalter dominierte neben dem Ackerbau auch die Wollindustrie. Der Wohlstand, den sie brachte, zeigt sich an der großen Zahl von Kirchen. Von den ursprünglich über 1.000 sind über 650 erhalten – mehr als im übrigen Königreich.

Die Pest führte zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang. So starben in Norwich, das zu dieser Zeit zweitgrößte Stadt Englands war, 1579 mehr als ein Drittel der Einwohner. Eine zweite Epidemie reduzierte die Zahl 1665 wurde um ein weiteres Drittel.

An der Industriellen Revolution nahm Norfolk kaum teil. Es ist bis heute weitgehend von der Landwirtschaft geprägt, wobei große Getreide- und Rapsfelder überwiegen.

Unter den Freunden des Motorsports ist Norfolk als Heimat des Rennstalls „Lotus“ bekannt. Lotus Cars hat seinen Sitz in Hethel in der Nähe von Norwich. Auch in der Luftfahrt hat es sich einen Namen gemacht: waren bereits im Ersten Weltkrieg erste Flugplätze entanden, kamen während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche weitere hinzu.

Die für die Gegend typischen Häuser sind aus Backstein gebaut und mit dem regionalen Flintstone verkleidet. Der auch als Feuerstein bekannte Kiesel hat eine schwarze bis graue Färbung. Verwittert er, so wird er zunehmend milchig. Die unregelmäßige Struktur der Fassaden erinnert an Kopfsteinpflaster.

Entlang der Küste ging es zu unserem B&B. Der Control Tower liegt auf dem Gelände des ehemaligen RAF-Flugplatzes North Creake. 1942 erbaut, konnten dort fast 3.500 Mann untergebracht werden.

1947 gab die Royal Air Force das Gelände auf. Schon von weitem sichtbar sind die Getreidesilos eines Tierfutterherstellers, der heute auf einem Teil des Grundstücks seinen Sitz hat. Erhalten blieb der Funkturm von 1943, mit dem während des Zweiten Weltkriegs der Flugverkehr überwacht wurde. Claire und Nigel haben ihn aufwändig rennoviert und mit viel Liebe zum Detail in ein B&B verwandelt.

Ausgestattet mit Möbeln und Erinnerungsstücken der 1940er und 1950er Jahre, ist der Controll-Tower eine echte Sehenswürdigkeit. Wenn das nicht ein gelungener Abschluss des Tages war, an dem Flugzeuge ganz überraschend eine so große Rolle spielten.

Der Controlltower liegt in der Nähe von Walsingham. Kaum vorstellbar, dass der kleine, verträumte Ort während des Mittelalters eines der größten Wallfahrtsorte Nordeuropas war. 1061 hatte die sächsische Adlige Richeldis de Faverces dort eine Vision von der Jungfrau Maria. Sie wurde beauftragt, eine Replik des Hauses der Heiligen Familie in Nazareth zu bauen. Das Haus wurde mit Holz getäfelt und enthielt eine Statue der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf ihrem Schoß.

Für das Abendessen empfahl Claire uns ein Pub in der Nähe. Es war rustikal eingerichtet – ein junger, etwas frischerer Stil, ohne den Geist des englischen Pubs wirklich aufzugeben. Von einigen regionalen Besonderheite abgesehen ähneln sich die Speisekarten der Pubs: man findet Fish and Chips und unterschiedliche Pies, Burger und Lamm-Gerichte. Hier konnte man zusätzlich auch Pizza aus dem Steinofen bekommen. Was wir vermisst haben, sind Salate als Hauptgericht.

Als Nachtisch wählte ich einen „sticky toffee pudding“. Wiederholt war mir dieser auf Karten aufgefallen, doch war ich meist zu gesättigt, um über ein Dessert auch nur nachzudenken. Bevor sich die Reise zu Ende ging, wollte ich diese Nachspeise aber unbedingt noch einmal versuchen. Mein Gegenüber erklärte wortreich, dass das so ganz und gar nichts für ihn sei. Er möge kein Karamell und außerdem malträtiere man damit seine Zähne, allen voran die Zahnfüllungen. Ich ließ mich nicht irritieren und bestellte. Unter „Pudding“ versteht man in England nicht das, was wir damit verbinden. Es sind keine reinen Milchspeisen, sondern meist eine Kombination aus Weißbrot mit Früchten oder Eiern. Das hört sich seltsam an, schmeckt aber in der Regel richtig gut (von Black Pudding, der englischen Variante der Blutwurst, hatte ich ja schon berichtet).

Einige Minuten später landete der „toffee pudding“ auf unserem Tisch. Kritisch beäugte meine Begleitung das zugegebener Maßen nicht besonders schön aussehende karamellfarbene Etwas, das auf Karamellsoße und mit einer Kugel Vanilleeis serviert wurde. Er war mutig genug, um es vorsichtig zu probieren und dann völlig begeistert festzustellen, dass es einer Nachspeise sehr ähnlich war, die er aus seiner Kindheit kannte. Sie bestand aus Eiern, Weißbrot und Zucker und wurde in einer speziellen Form im Wasserbad gegart und danach gestürzt. „Ach das ist das“, rief er freudig und nachdem sein Löffel sich ein zweites Mal auf meinem Teller gefüllt hatte, war ich den Teller los. Meine Begleitung hatte ihn an sich gezogen und mampfte mit großem Appetit meine Nachspeise, die er zuvor wortreich verschmäht hatte! Als er seinen Fauxpas bemerkte, schaute er mich betreten mit seinen großen Augen an. Wie konnte man ihm da noch böse sein? Wir haben sehr gelacht. Die Geschichte mit dem verschmähten sticky toffee pudding, der sich dann geradezu als Leibspeise entpuppte, werden wir wohl nie vergessen.

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2 Gedanken zu “Über Lincoln an die Küste von Norfolk

  1. Olli 26. November 2017 / 18:50

    Habe ich Dir wirklich nicht den Nachtisch zurück gegeben…?
    Schmeckte halt wirklich sehr gut!

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    • vierzehntage 26. November 2017 / 19:23

      Nein, den Nachtisch bekam ich nicht zurück. Dafür habe ich dann Deinen gegessen: ein Schokoküchlein mit warmer Schokosoße.

      Gefällt mir

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