Von Aysgart Falls über Rievaulx Abbey durch Harriot Country

Unsere Unterkunft für zwei Tage war Stow House, ein Boutique B&B.

Der Zusatz „Boutique“ wird seit den 1980er Jahren für Hotels verwendet, die von berühmten Designern eingerichtet wurden. Inzwischen steht er für Häuser, die die individuelle Handschrift ihrer Besitzer tragen und sich in außergewöhnlichen Gebäuden befinden. Manchmal sind sie einem bestimmten Thema oder Stil verpflichtet, die einzelnen Zimmer unterscheiden sich.

Das war auch im Stow House der Fall. Die lichtdurchfluteten Zimmer in dem ehemaligen Pfarrhaus waren individuell eingerichtet. Unser Badezimmer hatte sogar Fußbodenheizung und die herrliche Regendusche war ein wunderbarer Luxus. Aus den hohen Fenstern fiel der Blick durch den großen Garten direkt auf das Wensleydale.

Wir waren in den Yorkshire Dales angekommen, eine dünn besiedelte Landschaft, die sich durch die Grafschaften North Yorkshire, West Yorkshire und Cumbria zieht. Abgeleitet aus dem Dänischen steht „dale“ für „Tal“. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde in den Dales Bleierz gewonnen. Die meisten Familien aber lebten von der Textilproduktion an den heimischen Webstühlen. Mit der Industrialisierung begann die Abwanderung. Heute leben in den Yorkshire Dales nur noch 18.000 Menschen.

Dafür hat der Tourismus die Region erobert. Der Yorkshire Dales Nationalpark entstand 1954. Jährlich zieht er acht Millionen Besucher an. Durch die Dales verlaufen verschiedene Fernwanderwege, darunter Englands längster Wanderweg, der Pennine Way.

Überaus beliebt bei den Urlaubern ist das Wensleydale. Eine seiner wichtigsten Attraktionen seit über 200 Jahren sind die Aysgarth Falls. Wir nutzen die Zeit vor dem Einsetzen des angesagten Regens, um uns den dreistufigen Wasserfall unweit des B&B anzuschauen.

Auf unserem Weg dorthin gingen wir über den uralten Friedhof der St. Andrew´s Church. Die kleine mittelalterliche Kirche, die Mitte des 16. Jahrhunderts neu aufgebaut wurde, war uns schon Tags zuvor aufgefallen, wie sie romantisch in der Abenddämmerung umgeben von friedlich grasenden Schafen unterhalb der Straße lag. Auf dem idyllischen Friedhof spürte man die Seelen der Toten und fragte sich, welche Schicksale sich wohl hinter den Namen auf zahlreichen, uralten verwitterten moosbewachsenen Grabsteinen verbargen. Wie haben diese Menschen gelebt? Was haben sie gefühlt und gedacht? Würden sie unsere heutigen Sorgen und Nöte nachvollziehen können?

Am unteren Ende des Friedhofs, der sich hinunter bis zum Tal zog, rauschte der Wasserfall.

Wordsworth und seine Schwester Dorothy besichtigten Aysgarth Falls während die Pferde ihrer Kutsche gewechselt wurden, William Turner zeichnete sie auf seiner Tour durch den Norden. Für den Hollywood-Film „Robin Hood – König der Diebe“ waren sie dramatische Kulisse.

Wir hatten uns vorgenommen, an diesem Tag weniger Auto zu fahren. Bis zum Abend wurden es dennoch 150 Kilometer. Dabei hatten wir die ursprünglich geplante Fahrt zum Küstenort Whitby (auch wegen des Wetters) bereits gestrichen. Der einst für den Kohlenhandel und den Walfang bedeutende Ort ist einer der Schauplätze des berühmten Gruselklassikers „Dracula“. Sein Autor Bam Stoker hielt sich 1890 in Whitby auf. Außerdem ist Whitby die Heimat der Familie Walker, in deren Dienst James Cook während seine Lehre bei der Handelsmarine stand. Im Haus der Familie befindet sich heute das Captain Cook Memorial Museum.

Die Ruine des Klosters Rievaulx Abbey in den North Yorkshire Moors wollten wir uns aber nicht entgehen lassen. Auf dem Weg dorthin regnete es sich ein. Der Himmel war so verhangen, dass die Landschaft wie hinter Milchglas schien.

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1132 gegründet, wurde das Kloster im Rye-Tal um 1300 von über 500 Mönchen bewohnt, die die Anlage immer weiter ausbauten. Für die von Bernhard von Clairvaux begründete Reformbewegung der Zisterzienser war die Abtei das Zentrum für die Missionierung von Nordengland und Schottland. Die Mönche bauten Blei und Eisen ab und produzierten Schafwolle. Intensive Bautätigkeiten und eine Epidemie unter den Schafen führten Ende des 13. Jahrhunderts zum wirtschaftlichen Niedergang. Hinzu kamen Nachwuchssorgen durch die im 14. Jahrhundert in England wütende Pest. Als Heinrich VIII 1538 die Abtei auflöste, lebten dort nur noch 22 Mönche.

Wegen des Dauerregens verzichteten wir auf einen Besuch. Der Abtei fehlt das Dach, weshalb das Ganze vermutlich zu einer sehr nassen und matschigen Angelegenheit geworden wäre. Glücklicherweise konnte man die Anlage auch von außen sehen.

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Den gesparten Eintritt schlugen wir in dem hübschen Städtchen Helmsley auf den Kopf.

Der 1.500 Einwohner zählende Ort ist für seine Burgruine bekannt. Wir steuerten zunächst einmal einen gemütlichen Tea-Room an.

Dort gab es tollen Kuchen und noch bessere Sandwiches. Bei dem Wetter ein echter Seelenwärmer!

Helmsley Castle lag direkt gegenüber. Um 1120 zunächst aus Holz gebaut, erlebte die Burg im Laufe der Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte mit vielen Besitzern, bis sie im 17. Jahrhunderts auf Anordnung des Parlaments geschleift und seither dem Verfall überlassen wurde. Sie ist noch heute im Familienbesitz, wird aber vom English Heritage verwaltet.

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Da das Wetter nicht besser wurde, machten wir uns auf den Rückweg.

In Thirsk, einem kaum 4.000 Einwohner zählenden Ort mit mittelalterlichem Marktplatz, befand sich die Praxis des Tierarztes James Herriot, der durch seine Bücher berühmt wurde, in denen er über seine Erlebnisse mit wortkargen und halsstarrigen nordenglischen Bauern berichtet. In den 1980er Jahren entstand daraus die Fernsehserie „Der Doktor und das liebe Vieh“, die wir als Kinder mit großem Eifer verfolgt hatten.

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James Herriot hieß eigentlich James Alfred Wight und wurde 1916 im nordenglischen Sunderland geboren. Er wuchs in Glasgow auf, wo er auch Tiermedizin studierte. Im Juli 1940 kam er in die Tierarztpraxis von Donald Sinclair nach Thirsk. Schon kurz nach seinem Eintritt wurde Sinclair zum Militär einberufen. Der junge, wenig erfahrene Tierarzt erlebte seine Feuerprobe: er musste die gutgehende Praxis alleine führen. Frühzeitig aus dem Militärdienst entlassen, kehrte Sinclair nach einigen Wochen zurück. Gemeinsam mit dessen jüngerem Bruder Brian, der anfangs noch studierte, führte Wight die Praxis und blieb dort bis zu seinem Lebensende. Sein erstes Buch erschien 1970. Wegen des außergewöhnlichen Erfolgs folgten sieben weitere und auf Drängen des Fernsehteams, das weiteres Material für die Serie benötigte, 1992 ein achtes.

Der bescheidene und sehr beliebte Mann starb 1995 im Alter von 78 Jahren an Krebs. Der Gedenkfeier in York wohnten über 2.000 Menschen bei. Die Gegend um Thirsk zwischen North York Moors National Park und Yorkshire Dales National Park wird inzwischen „Harriot Country“ genannt. Thirsk trägt stolz den Untertitel „Home of James Herriot“.

Die Praxis befand sich in dem Haus Nr. 23 in der Kirkgate. Nach deren Umzug in ein Gewerbegebiet wurde es in ein Museum umgewandelt. Es regnete „cats and dogs“ und was war da geeigneter als ein Besuch der „James Herriot World“?

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Eine freundliche ältere Dame erklärte uns am Eingang den Aufbau: zunächst ging es durch die privaten Räumlichkeiten des Autors inklusive Luftschutzkeller (denn Wight hatte die Bücher ja in den 1940er Jahren verfasst)

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dann folgten die Behandlungsräume der Praxis

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und die Küche.

Im Erdgeschoss waren Teile der Kulissen aus der Fernsehserie aufgebaut. Im Zweiten Stock schloss sich eine Ausstellung der Instrumente an, die in den 1940er Jahren in der Tiermedizin Verwendung fanden. Tierärzte hätten daran sicherlich ihre helle Freude gehabt.

Das Museum war eine Reise in die heiß geliebte Fernsehserie, die in England jeder kennt und die auch in Deutschland ein großer Erfolg war. Liebevoll waren Gegenstände aus der Zeit zusammengetragen worden: von den vielen Medizinfläschchen in den Praxisräumen bis hin zur Kernseife. So bekam man ein authentisches Bild jener Zeit.

Die Kulissen der BBC im Untergeschoss waren ein Stück Fernsehgeschichte: schließlich ist die BBC-Produktion in den 1970er Jahren auch schon eine Weile her. Erst im Sommer 2017 ist einer der Hauptdarsteller verstorben, der den Tierarzt spielte, der den jungen James in seine Praxis aufnahm.

Ganz in der Nähe unseres B&B lagen verschiedene Drehorte der Fernsehserie. Etwa das Dorf Askrigg, das in der Serie der Standort der Tierarztpraxis war. Wer will, kann sich auf der Webseite des Museums viele Schauplätze der Serie heraussuchen und zu seiner persönlichen „James Herriot-Gedenktour“ zusammenstellen.

Den Tag beschlossen wir mit Fish and Chips im örtlichen Pub, dem „The George and the Dragon“. Tags zuvor hatten wir im rustikalen Teil des Aysgart Falls Hotels zu Abend gegessen.

Das „George and the Dragon“ war sehr gemütlich und hatte die typisch englische Pub-Atmosphäre. Die Wirtin hinter den Schankhebeln der diversen lokalen Biere war eine fröhliche Nordengländerin um die 40, mit breiten Schultern, großer Oberweite und einer resoluten und zupackenden Art. Der nordenglische Dialekt ist nur schwer zu verstehen, obwohl sich die Menschen mit Sicherheit bemühen, langsam zu sprechen und den Dialekt etwas abzuschwächen, mussten wir immer wieder nachfragen. An der Bar saßen eher schweigsame Charaktere mit zerfurchten Gesichtern vor ihren dunklen Bieren. Man hätte sie allesamt für eine Folge von James Herriots-Tierarztgeschichten engagieren können. Herrlich, das Dorfleben so unmittelbar beobachten zu können!

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Im Pub wurden natürlich die im Wensleydale gebrauten Biere „Black Sheep“ und „T&R Theakston“ ausgeschenkt.

Das Brauwesen hat in England eine lange Tradition. Großbritannien gehört zu den wenigen Ländern, in denen bis heute noch Ale gebraut wird. Nach Deutschland ist England zweitgrößter Bierproduzent Europas, obwohl es in Deutschland drei Mal so viele Brauereien gibt.

Ale ist arm an Kohlensäure und wird mit einer Art Pumpe aus dem Fass gepumpt. Weil es traditionell bei relativ hohen Temperaturen vergoren wird, wird es ohne Kühlung gelagert und kommt in der Regel ungekühlt ins Glas. In Deutschland, wo man ein kühles spritziges Bier gewöhnt ist, hat britisches Ale daher nicht immer den besten Ruf.

Im strömenden Regen stolperten wir die Hauptstraße zurück zum Stow House. Dabei rasten immer wieder Autos im erstaunlichen Tempo an uns vorbei. Auf Landstraßen dürfen 50 Meilen gefahren werden, innerorts 40. Das entspricht 80 bzw. 64 km/h. Das ist eine erhebliche Geschwindigkeit für die engen, kurvigen und teilweise sehr steilen Straßen. Wenn man nicht ortskundig ist, gelingt es auch geübten Autofahrern kaum, bei den erlaubten Tempi mitzuhalten.

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2 Gedanken zu “Von Aysgart Falls über Rievaulx Abbey durch Harriot Country

  1. Olli 10. November 2017 / 22:58

    Interessante Beschreibung; aber was für ein Wetter in England…

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    • vierzehntage 11. November 2017 / 10:24

      Ja, lieber Olli, ich gebe zu, die Vorurteile über das englische Wetter trafen an diesem Tag zu. Doch haben die vielen tollen Erlebnisse dieses Manko wettmachen können. Außerdem gibt es ja viele tolle Tearooms, in denen man sich aufwärmen kann und bestens versorgt wird.

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