Entlang der Hadrians Wall nach Durham

Das Frühstück hatte am Vorabend vielversprechend geklungen. Jim und Tine hielten Wort. Es war sicherlich eines der besten, wenn nicht sogar das beste auf unserer Reise.

Es gab zwei Sorten selbst gebackenes Brot zur Auswahl. Zusätzlich noch frische Muffins mit Aprikosen, ebenfalls aus eigener Herstellung. Neben den selbst gemachten Marmeladen gab es außerdem noch in einem sehr leckeren Sirup eingelegte Pfirsiche, leicht parfümiert mit Kardamom. Dazu das hausgemachte Granola – köstlich!

Wir hatten ein Bircher Müsli bestellt und bekamen ein nach allen Regeln der Kunst frisch zubereitetes, das außerordentlich gut schmeckte.

Ich wählte Würstchen zu Spiegelei und überbackenen Tomaten. Sie stammten von einem lokalen Schlachter. Dazu zwei, drei „Cup of Tea“ und der Start in den Tag war perfekt. Der Tee wird hier in der Küche frisch aufgebrüht und – wie in England üblich – mit einem Kännchen frischer Milch gereicht. Auch auf den Zimmern finden sich stets ein Wasserkocher, eine Auswahl an Teebeuteln und immer auch ein Kännchen oder eine kleine Flasche frischer Milch. Die Engländer streiten sich ähnlich wie die Ostfriesen, ob man erst die Milch und dann den Tee eingießt oder umgekehrt. Ich halte es mit den Befürwortern der „erst der Tee und dann die Milch-Fraktion“: in England – und nur in England – nehme ich Milch in meinen Tee. Meist ist der frisch aufgebrühte English Breakfast-Tee, die englische „Frühstücks“-Mischung, etwas stärker. Der leicht bittere Geschmack wird durch die Milch etwas abgemildert.

Das Wetter hatte sich gebessert, es klärte auf. Zwar war es mit 11 Grad alles andere als sommerlich, doch wir waren schon dankbar, dass der Regen aufgehört hatte. Auch England sieht sehr trübe aus, wenn es regnet.

Wir machten uns auf zum Ullswater-See, der nur ein paar Autominuten vom B&B entfernt lag. Er ist fast so groß wie der Lake Windermere aber viel weniger touristisch und an den Ufern kaum bebaut. Da er von höheren „Bergen“ (auch hier sprechen wir wieder von Erhebungen von bis zu 400 Metern) umgeben ist, ist er landschaftlich noch etwas reizvoller.

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Auf dem See verkehren die Lake Steamer, historische Dampfschiffe und links und rechts von der Straße, die am Ufer entlang führt, gibt es zwischen Bäumen versteckte Parkplätze, die Wanderer für ihre Touren nutzen. Offensichtlich waren wir nicht die einzigen, die das gute Wetter hinauszog: Die Parkplätze füllten sich schnell.

Praktisch in England ist, dass sich fast überall an größeren Parkplätzen Toiletten befinden. Auch in den Dörfern sind sie meist neben dem Parkplatz. Sie sind in der Regel sauber und nicht vernachlässigt oder durch Schmierereien und Vandalismus verunstaltet. Offensichtlich gibt es unter den hiesigen Jugendlichen nicht so viele, die völlig aus der Bahn geraten. Vielleicht tragen auch die Ganztagsschulen mit ihrer relativ strengen Erziehung dazu bei, dass Halbstarke nach Schulschluss nicht randalierend umherziehen. Es mag sein, dass es in den Ballungszentren anders aussieht, dennoch fällt auf, dass zumindest auf dem Lande Graffiti und mutwillige Zerstörungen keine Probleme zu sein scheinen.

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Der Ullswater war 1955 Schauplatz eines Geschwindigkeitsrekords: Dem Rennfahrer Donald Campell gelang es, seine Bluebird K7 auf über 320 km/h zu beschleunigen. Auch auf dem Land stellte Campell Rekorde auf: mit seinem Rennwagen erzielte er 1964 im Mittel fast 650 km/h. Drei Jahre später wurde ihm seine Besessenheit zum Verhängnis. Bei dem Versuch, seinen Geschwindigkeitsrekord auf dem Wasser um 200 km/h zu überbieten, überschlug sich das Motorboot und sank. Das Wrack und Campbells sterblichen Überreste konnten erst 2001 von einem Taucher gefunden und geborgen werden.

Gegen den Motorsport hatten Naturschützer schon zu Beginn des Jahrhunderts mobil gemacht. So gehörte die Kinderbuchautorin Beatrix Potter zu den Köpfen einer Kampagne, die den Start von Wasserflugzeugen auf dem Windermere verbieten und den Bau einer Flugzeugfabrik verhindern wollte. Die Flugzeuge gefährdeten den Bootsverkehr, ihr Lärm zerstöre die Abgeschiedenheit und Ruhe. 1912 erreichten Potter und ihre Unterstützer ihr Ziel: weder die geplante Flugroute noch der Bau der Fabrik wurden realisiert.

Für Motorboote gilt auf den Seen heute eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Touristenattraktion auf dem Ullswater sind die aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammenden Lake Steamer. Bis zu ihrer Stilllegung Anfang der 1960er Jahre dienten sie der Greenside Bleimine als Post- und Transportschiffe.

Nach einer halben Runde um den See mit einigen Fotostopps verließen wir den Lake District und zogen Bilanz: eine wirklich sehenswerte Gegend, die für jeden Geschmack etwas bereithält. Wer Trubel und viele nette Einkaufsmöglichkeiten schätzt, ist in den Hauptorten Windermere und Ambleside gut aufgehoben. Während der Hochsaison ist es dort allerdings überfüllt und man findet nur schwer einen Parkplatz.

Einsamkeit und wilde Natur gibt es im Norden, selbst während der Hochsaison hat man dort seine Ruhe und begegnet nur wenigen Gleichgesinnten. Ein reizvolles Wandergebiet ist der Lake District allemal, auch wenn wir für solche Zwecke sicherlich die von den Wetterbedingungen etwas stabileren Alpen aufsuchen würden, zumal diese auch sehr viel einfacher für uns zu erreichen sind. Zur Ehrenrettung des Lake Districts muss allerdings hinzugefügt werden, dass dieser August wohl außergewöhnlich kühl und verregnet war (ähnlich wie der diesjährige norddeutsche Sommer). Wir waren froh, mit dem Samstag einen sehr schönen Tag erlebt zu haben, sodass sich uns die Gegend nicht nur so grau präsentierte wie in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Tages.

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Bei Penrith nahmen wir die A686 über Alston nach Haydon Bridge. Ab Melmerby quert der Hartside Pass den nördlichen Teil der Pennines. Für ihre Moorlandschaft, die durch Landwirtschaft und Bleiabbau entstand, wurden die North Pennines 1988 ausgewiesen als Area of Outstanding Natural Beauty.

Weite offene Heidelandschaften, tiefe Täler, Flüsse, Wiesen und die für die Gegend charakteristischen Dörfer aus grauen Steinhäusern wechseln einander ab. Das Gebiet, das im Süden an den Yorkshire Dales National Park grenzt, beheimatet seltene Vögel und Pflanzen. Gleichzeitig gibt es aber auch reiche Vorkommen an Mineralien. Neben Blei, Eisen und Kohlephosphat auch Zink. 2013 stellte eine kanadische Bergbaugesellschaft nach Probebohrungen in Aussicht, man könne jährlich bis zu einer Million Zinkerz fördern. „North Pennines zinc mine could create 500 jobs“ meldete daraufhin die BBC. Es wird nicht einfach sein, Kompromisse zu finden zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen.

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Die Gipfel der Pennines sind kaum höher als 700 Meter, das Klima ist rau. Jim hatte uns erzählt, dass Hartside Hight, die Passhöhe in den nördlichen Pennines auf 1.903 Fuß, bereits ab November wegen Schnees und Glätte gesperrt sei. Vom Aussichtspunkt auf dem Parkplatz des Hartside Top Café fiel der Blick über weites Land bis nach Schottland und in den Lake District, der bereits wieder grau verhangen war.

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Oben blies ein eisiger, unwirtlicher Wind, der den Genuss des grandiosen Panoramas etwas einschränkte. „Helm Wind“ wird der starke Wind aus Nordost genannt, der hier über das Land fegt. Obwohl es ihn auch in anderen Regionen Großbritanniens gibt, wird er nur hier am Cross Fell so bezeichnet. Um den Berg bilden sich ringförmige Wolken, die Helm Bar. Am steilen Südwesthang kann der Wind, der plötzlich auftritt und mehrere Tage andauern kann, Orkanstärken erreichen.

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Wieder faszinierten uns die ständig wechselnden Wolkenformationen und das Spiel des Lichts. Man konnte sich kaum stattsehen an diesem eindrucksvollen Schauspiel der Natur.

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Wir kamen nach Alston, mit etwas mehr als 300 Metern über dem Meeresspiegel der am höchsten gelegenen Marktflecken in England. Der kleine Ort soll der kälteste Englands sein. An den Hängen des Burnhope Seat, vier Meilen vom Zentrum entfernt, kann man im Winter Skilaufen.

Über Heydon-Bridge erreichten wir unser nächstes Ziel: Hadrian’s Wall.

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Ab 122 n. Chr. baute der römische Kaiser Hadrian einen steinernen Wall, der sich durch die dünnbesiedelte Landschaft von Küste zu Küste zieht. Die Mauer bildet auch heute noch in Teilen die Grenze zu Schottland. Sie ist der nördlichste Punkt unserer Reise.

Unter Hadrian galt es die Grenze des römischen Reiches gegenüber den Stämmen des Nordens zu markieren. Die Gegend ist einsam. Die Cheviot-Hügel, auf deren Kamm die Grenze verläuft, werden von nur einer Straße überquert und doch ist die Geschichte bewegt.

Der normannische Eroberer William I. ernannte Markgrafen, um die Region ruhig zu halten, was aber nie gelang. Die schlimmsten Unruhen brachen aus, als Edward I. Ende des 13. Jahrhunderts versuchte, Schottland zu unterjochen.

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Die Schotten rächten sich, indem sie raubten und brandschatzten. Begehrt auf diesen Raubzügen waren vor allem die Rinderherden, die in den fruchtbaren Tälern weideten. Jahrhundertelang herrschte grausame Gesetzlosigkeit auf beiden Seiten der Grenze. Diese bewegte Vergangenheit mag die Animositäten zwischen Schotten und Engländern erklären, die sich noch heute in der Politik widerspiegelt.

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Doch zurück zu Hadrian, der ebenfalls auf sehr viel Widerstand traf: in keiner anderen Provinz waren so viele Soldaten stationiert wie in Britannia. Nach der schwierigen Eroberung Nordenglands entschied sich Hadrian dagegen, Schottland unter seine Kontrolle zu bringen.

Die Hadrian’s Wall ist beeindruckende 122 km lang. Entlang der Mauer wurden 13 Forts errichtet. Eines davon ist Housesteads, dessen Reste wir besichtigten.

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Hier waren 1.000 der insgesamt 10.000 Soldaten stationiert. Ein Museum berichtet sehr anschaulich von dem Leben, das die Soldaten an diesem so unwirtlichen und einsamen Ort führten. Man nimmt an, dass die Langeweile unter den Soldaten groß war. Da sie nicht heiraten durften, lebten Frauen und Kinder außerhalb der Mauern des Forts in kleinen Häusern. Auch wenn von der großen Anlage über die Jahrhunderte nur noch wenige Steine übrig geblieben sind (lange wurden die Ruinen in den folgenden Jahrhunderten als Steinbruch genutzt), war es dennoch beeindruckend, die Reste einer so alten Anlage zu besichtigen. Was für eine Kraftanstrengung dahinter steckte, in dieser verlassenen Gegend, ein so gewaltiges Bollwerk zu errichten!

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Wir setzten unsere Fahrt in Richtung Newcastle fort. Die alte Bergbau-Stadt (Engländer tragen nicht Eulen nach Athen, sondern Kohlen nach Newcastle) hat die schwierigen Jahre des Umbruchs in den 1980er Jahren gut überstanden.

IMG_1173Als Zeichen der Hoffnung errichtete der Bildhauer Anthony Gormley gemeinsam mit Werftarbeitern zwischen 1994 und 1998 eine Skulptur. Der „Engel des Nordens“ ist 20 Meter hoch und 54 Meter breit und wiegt 208 Tonnen. Er steht leicht erhöht an der Stelle, an der sich einst ein stillgelegtes Kohlebergwerk befand. Man kann ihn schon aus einiger Entfernung von der Autobahn M1 sehen, die unmittelbar darunter nach Süden verläuft. Wenn man direkt davor steht, ist er allerdings noch eindrucksvoller. Die „Geordies“ (wie man die Einwohner des Nordostens Englands nennt), haben die Figur so ins Herz geschlossen, dass sie sie einmal mit einem überdimensionalen Trikot der Fußballmannschaft Newcastle United geschmückt haben sollen.

Der bevorstehende Brexit lässt ahnen, dass Hoffnung bald schon wieder dringend erforderlich sein wird. 2014 war Großbritannien noch die Volkswirtschaft unter den G7-Staaten, die am schnellsten wuchs (3,1%). Prognosen zufolge wird das Land 2018 nur noch 1 Prozent Wachstum verzeichnen und das obwohl die Weltwirtschaft von 3,5 (2017) auf 3,7 (2018) wachsen wird. Der angekündigte Brexit schwächte das Pfund, was die Preise steigen und die Einkommen schrumpfen ließ. Die Menschen geben weniger aus, was wiederum die Wirtschaft bremst. Weil die Inflation stark zunimmt, vermuten Beobachter, dass die Bank of England die Leitzinsen erhöhen könnte. Das würde die Konjunktur endgültig abwürgen und könnte in ein Desaster führen.

Unterdessen stecken die Brexit-Verhandlungen fest. Auch mehr als ein Jahr nach der Abstimmung, bei der 52 Prozent der Briten einem Austritt aus der EU zustimmten, lässt die britische Regierung eine klare Verhandlungsstrategie vermissen. Es gibt fast so viele Meinungen wie Regierungsmitglieder über das zukünftige Verhältnis zur EU. Gelingt es nicht, innerhalb von zwei Jahren zu einer Einigung zu kommen, erlischt die Mitgliedschaft unabhängig vom Verhandlungsstand. Der „harte Brexit“ würde zu chaotischen Zuständen führen. So könnten etwa keine Flüge zwischen der EU und Großbritannien mehr stattfinden und auch der Handel würde weitgehend eingestellt. Der Status von drei Millionen EU-Bürgern in Großbritannien und 1,2 Millionen Briten in der EU wäre ungeklärt.

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Nach dem kleinen Zwischenstopp ging es weiter ins nur 20 Minuten entfernte Durham.

Das Zentrum der nur 40.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt am Fluss Wear ist recht klein. Wichtigste Sehenswürdigkeit ist die Kathedrale, deren Bau 1093 begann. Es dauerte nur 40 Jahre bis sie vollendet war, was für diese Größe eine herausragende Leistung ist. Wenn das Auge im Inneren solcher Bauwerke die Ausmaße erfasst, überkommt einen unwillkürlich eine tiefe Ehrfurcht gegenüber den Leistungen, zu denen Menschen aufgrund ihres tiefen Glaubens fähig sind. Auch fragt man sich, wie man im 11. Jahrhundert derartige Bauwerke schaffen konnte, während man heutzutage, mit allen technischen Hilfsmitteln ausgestattet, noch nicht einmal einen Flughafen fertigstellen kann.

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Auf dem Vorplatz – mit der Kathedrale zu unserer linken und der Burg von Durham zu unserer rechten im Blick – saßen wir eine ganze Weile in der Sonne eines von der Universität betriebenen Cafés und tranken zu vorgerückter Stunde unseren Nachmittagstee.

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Von unserem B&B trennten uns jetzt noch etwa 1,5 Stunden. Die Fahrt über die Autobahn und anschließend über kurvige Landstraßen zog sich unendlich lange hin. Als wir gegen 19 Uhr eintrafen, hatte auch ich die Nase gründlich voll von der Fahrerei.

Nach dem Abendessen im Pub, nur wenige hundert Meter die Straße hinauf, fielen wir völlig erschlagen ins Bett und schliefen fest bis zum Frühstück um neun Uhr.

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