Über den Forrest of Bowland in den Lake District

Morgens genossen wir in aller Ruhe das reichliche Angebot des Frühstücksbüffets im Shibden Mill Inn.

Ein „Inn“, das wir wahrscheinlich als „Gasthaus“ übersetzen würden, serviert ein größeres Speisenangebot als das „pub“ und bietet müden Reisenden oder Wanderern eine Übernachtungsmöglichkeit. „Pub“ – wir würden wohl von „Kneipe“ sprechen – steht für „public house“ und besitzt eine Lizenz zum Ausschank von Alkohol. Als „bar“ bezeichnet man den Tresen, über den die alkoholischen Getränke gereicht werden. So kann sowohl das Pub als auch das Inn eine Bar besitzen aber nicht jede Bar ist gleichzeitig ein Pub oder ein Inn. Diese Feinheiten verschwimmen allerdings inzwischen. So bieten viele Pubs mittlerweile eine größere Auswahl an Speisen und manche Inns haben sich von der einfachen Herberge zur luxuriösen Unterkunft gemausert.

Das galt auch für das Shibden Mill Inn, in dessen gemütlichen Frühstücksraum wir mit Obstsalat und verschiedenen Müsli- und Cerealien-Sorten starteten. Das, was bei uns als „Knusper-Müsli“ verkauft wird, ist hier „Granola“ und häufig hausgemacht. Die Haferflocken werden dazu mit Honig vermischt und im Ofen knusprig gebacken. Je nach Rezept kommen Nüsse und Trockenfrüchte dazu. Wer sich traut, kann außerdem einen „Porridge“ ordern. Der Haferbrei ist nicht allein Kindern vorbehalten. Frischen Obstsalat haben wir bislang jeden Morgen angeboten bekommen. Ebenso die Cerealien. Danach wurde uns das „Cooked Breakfast“ – der warme Teil des Frühstücks – serviert: traditionell besteht es aus Eiern, Speck, kleinen Würstchen, gebackenen Tomaten (oder weißen Bohnen in Tomatensoße). Manchmal werden außerdem noch blackpudding und gebratene Pilze angeboten. Dazu wird Toast gereicht, den man mit Marmelade isst, allen voran Bitterorangenmarmelade (die hier einfach marmelade heißt) und diverse andere Sorten, so wie wir sie kennen, dann heißen sie „jam“. Heute gab es außerdem noch Lemoncurd, ein Aufstrich, der aus Eiern, Butter, Zucker und Zitronen (Saft und Zesten) besteht und herrlich frisch schmeckt. Unser „cooked breakfast“ reduzierten wir auf Eier mit und ohne Speck, wir waren noch vom köstlichen Abendessen gut gesättigt.

Gestärkt für einen neuen Tag mit neuen Entdeckungen starteten wir in Richtung Lake District. Nach den vielen Begeisterungsstürmen, die wir bei jedem geweckt hatten, dem wir von unserem Reiseziel erzählten, waren die Spannung und die Erwartung gleichermaßen groß.

Die Engländer nehmen für gewöhnlich die Autobahn an Lancaster und Blackpool vorbei. Damit verpassen sie allerdings zwei sehr sehenswerte Fleckchen, die genau neben der M5 liegen: das liebliche Ribble-Tal am kleinen Flüsschen Ribble und der Forest of Bowland.

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Der River Ribble fließt durch North Yorkshire und Lancashire und markierte einst die nördliche Grenze des Königreichs Mercia. Das Tal scheint ein Geheimtipp zu sein. In den kleinen Dörfern gibt es einige Hotels und Restaurants der gehobenen Kategorie.

Die Grafschaft Lancashire, die bis zur Gebietsreform Mitte der 1970er Jahre noch die Ballungsräume Manchester und Liverpool umfasste, entwickelte sich während der industriellen Revolution zum wichtigsten Handels- und Industriegebiet. Grundlage hierfür waren die großen Steinkohle- und Eisenerzvorkommen. Ende des 19. Jahrhunderts waren fast 40.000 Menschen in den Eisen- und Stahlwerken beschäftigt, im Bergbau schufteten 65.000. Die Baumwollindustrie verschaffte 420.000 Menschen Lohn und Brot. Zu ihrer Hochzeit in den 1830er Jahren wurden 85 Prozent der weltweit produzierten Baumwolle in den zahlreichen Spinnereien in Lancashire verarbeitet. Die Wollmanufakturen beschäftigten 15.000 Arbeiter, die Seidenwebereien 10.000. Die Gegend gilt als Wiege des modernen industriellen Kapitalismus. Lange Zeit dominierten die beiden großen Städte Manchester und Liverpool den globalen Handel, Lancaster war im 19. Jahrhundert größter Umschlagplatz für den Sklavenhandel.

Uns überraschte, mitten im Herzstück der industriellen Revolution nahezu unberührte Natur vorzufinden.

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Der Name „Forest of Bowland“ führt in die Irre, denn es handelt sich keineswegs um einen Wald. Die Bezeichnung steht für ein ehemaliges königliches Jagdrevier in den Pennines. Die reizvolle Landschaft ist ein herrliches, kaum frequentiertes Wandergebiet, ausgewiesen als Area of Outstanding Beauty.

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Das dünn besiedelte mit Heide bewachsene Hochmoor ist von teilweise sehr engen (einspurigen) Straßen durchzogen, die Steigungen von bis zu 16 Prozent aufweisen.

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Charakteristisch sind die grauen Steinmauern und auf Wiesen weidende Schafe.

Einsamkeit, harte, entbehrungsreiche Winter und die Armut unter den Milchbauern mögen die Menschen im Mittelalter für Mythen und Aberglauben empfänglich gemacht haben. 2011 stießen Arbeiter in der Nähe des Dorfes Barley unter einem Schutthaufen auf ein gut erhaltenes Haus. Die dort entdeckte mumifizierte Katzenleiche deuteten Archäologen als sicheren Hinweis auf praktizierte Hexenbräuche.

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Die von sanften Hügeln durchzogene Landschaft mit niedrigen Wäldern und Mooren, in denen bei entsprechender Witterung der Nebel hängt, ist der gruselige Schauplatz einer Geschichte, die im August 1612 vor einem Gericht in Lancaster ihr Ende fand. Damals wurden zehn Menschen aus Pendle Hill der Hexerei für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt.

Der Gerichtsschreiber Thomas Potts veröffentlichte den Hergang der Hexenprozesse von Pendle unter dem Titel „The Wonderfull Discoverie of Witches in the Countie of Lancaster“. Das war ebenso ungewöhnlich wie die hohe Zahl der Todesstrafen. Anders als im restlichen Europa kam es in England nur vereinzelt zur Hexenverfolgung. Meist handelte es sich um zwischenmenschliche Bösartigkeiten oder um Dorffehden: Menschen machten übermenschliche Kräfte verantwortlich für Mißernten, krankes Vieh oder Fehlgeburten. Auch wenn Geständnisse in der Regel nicht durch Folter erzwungen wurden, kam es dennoch zu unbeschreiblichen Grausamkeiten. Viele der insgesamt etwa 500 Opfer wurden gehängt. Andere starben auf dem Scheiterhaufen oder durch Verbrühen in kochendem Wasser. Der letzte Hexenprozess fand in England 1712 statt, in Schottland 1727. Rund zehn Jahre später wurden Gesetze gegen „Hexerei“ aufgehoben.

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Vom Ribble Valley folgten wir dem Weg der zwölf als „Pendle Witches“ Angeklagten durch den Forrest of Bowland. Sie wurden zum Lancaster Castle gebracht, wo sie im August 1612 vor Gericht standen. Die 82 Kilometer lange Strecke ist 2013 als „Lancashire Witches Walk“ für Touristen geöffnet worden. Es gibt Hexen-Pubs und Hexen-Bier, lokale Buslinien tragen die Namen der Verurteilten und eine Hexe dient als Kennzeichen für Wanderwege und Autostrecken. Die Vermarktung des Hexenglaubens erfährt hier und da fragliche Züge, hält man sich vor Augen, dass es nicht um phantasievolle Geschichten, sondern um das Schicksal von Menschen ging.

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Im März 1612 kommt der Hausierer John Law durch ein Dorf in der Nähe des Pendle Hill. Die junge Alizon Device verlangt nach Nähnadeln, die Law nicht im Sortiment führt. Als er kurz darauf einen Schlaganfall erleidet, beschuldigt er Alizon der Hexerei. Ebenfalls der Hexerei verdächtigt werden ihre Großmutter, eine weitere Dorfbewohnerin deren Tochter. Alle geben nach ihrer Festnahme Hexerei zu und werden in Lancaster inhaftiert. Ein paar Tage später treffen sich Freunde und Verwandte der Gefangenen im Malkin Tower. Dort hatte Alizon bis zu ihrer Festnahme gewohnt. Der für das Gebiet zuständige Friedensrichter deutet das Treffen als Hexensabbat und Verschwörung, um die Gefangenen zu befreien. Als Zeugin dient eine Neunjährige. Die Beschuldigten werden ebenfalls nach Lancaster gebracht und im August zusammen mit den bereits Inhaftierten zum Tode verurteilt.

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Pendle Hill und seine Umgebung wird bis heute mit Hexerei verbunden. An Halloween versammeln sich jedes Jahr hunderte von Menschen auf dem Berg.

Der Bericht des Gerichtsschreibers Thomas Potts bildete die Grundlage für William Ainsworths Roman „The Lancashire Witches“, der ab 1844 in der Sunday Times als Fortsetzungsroman erschien. 1951 veröffentlichte Robert Neill, der später zu einem erfolgreichen Autor historischer Romane werden sollte, sein Erstlingswerk „Mist over Pendle“. Ebenfalls historischen Romanen verschrieben hat sich die amerikanische Schriftstellerin Mary Sharratt, die 2010 mit „Daughters of the Witching Hill“ ein weiteres Buch zum Thema vorlegte.

Auf der Höhe von Lancaster gingen wir auf die Autobahn und nahmen anschließend die Schnellstraße nach Newby Bridge, dem südlichsten Punkt des mit 18 km Länge größten See des Lake Districts, dem Lake Windermere.

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An seinem Ufer befindet sich der gleichnamige Hauptort. Wir hatten eigentlich vor, dort einen Kaffee zu trinken, mussten dann aber entsetzt feststellen, dass er völlig überlaufen war: Menschenmassen schoben sich die engen Fußwege der kleinen Straßen entlang. Man musste dort wie bei uns kurz vor Weihnachten in der Innenstadt im Gänsemarsch gehen. Die Ausflugsboote waren überfüllt und auf den Stegen standen unendlich lange Menschenschlangen. Auffällig war die große Menge an Asiaten. Sie kommen vornehmlich um die Wirkungsstätten der Lake Poets aufzusuchen. William Wordsworth, Robert Southey und Samuel Coleridge thematisierten in ihren romantischen Gedichten die Schönheit des Lake Districts und machten die Gegend im 19. Jahrhundert berühmt.

Deutsche trafen wir nur wenige: uns fiel lediglich ein Reisebus auf und auch Autos mit deutschen Kennzeichen sahen wir selten.

Nur langsam bewegten wir uns Stoßstange an Stoßstange mit anderen Wagen durch den Ort. Der Lake District zur Hochsaison! Auch ein paar Kilometer weiter in Ableside, dem nördlichen Ufer, war es ziemlich voll. So konnten wir wenigstens einen Blick auf die eine oder andere Villa erhaschen, die versteckt hinter Mauern und Hecken mit Blick auf den See lag.

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Ein ganzes Stück außerhalb bekamen wir noch einen Parkplatz, um wenigstens die Sonne am See zu genießen.

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Dann ging es quer durch den Nationalpark über einen Pass zum Buttermere-See. Hier war die Landschaft noch schroffer und wilder und die Touristenströme versiegten. Bald fuhren wir fast allein auf der Passstraße zum See.

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Seinen Namen verdankt der über 2.000 Quadratkilometer große Lake District 16 größeren Seen und einigen kleinen Stauseen, wobei einzig der Bassenthwaite Lake die Bezeichnung „See“ im Namen trägt. Die meisten anderen werden als „Water“ bezeichnet.

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Zwischen den Seen erstrecken sich die Hügel- und Bergketten der Cumbrian Mountains. Die höchsten Berge sind zwischen 800 und 900 Meter hoch, über allen ragt der Scafell Pike, mit 979 Metern Englands höchster Berg. Ein Großteil des wunderschönen Gebiets wurde 1951 zum Nationalpark erklärt. 2017 erhielt der Lake District zudem den Status eines UNESCO-Welterbes.

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Entlang der malerischen Landschaft führte uns unser Weg zu unserem nächsten B&B am Ufer des Buttermere. Zwei Kilometer lang und 400 Meter breit, gehört er zu den kleineren Seen. Umgeben vom High Stile, Feetwith Pike, Haystacks und Grasmoor liegt am nordwestlichen Ende des Sees das Wood House, das – ebenso wie der See und das ihn umgebende Land – dem National Trust gehört.

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Wer Luxus erwartet, liegt hier falsch. Der Charme des ehemaligen Bauernhauses aus dem 17. Jahrhundert liegt in der atemberaubenden Natur, von der es umgeben ist. Ein kleiner Salon im Erdgeschoss mit Kamin und Klavier lädt zum Verweilen ein. Das schönste ist jedoch ist der Seeblick. Von unserem Zimmer aus konnten wir verfolgen, wie die Sonne langsam hinter den Bergen versank. Mit unseren Köpfen voller Bilder kuschelten wir uns in die warmen Decken.

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