Der Peak District

Caroline und Tim versorgten uns morgens nicht nur mit einem guten Frühstück, sie optimierten auch unsere Reiseroute: Statt über die Schnellstraße gelangten wir über eine Landstraße mit schönen Ausblicken in den Peak District.

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Der erste Nationalpark Englands wurde buchstäblich vom Volk erobert: Anfang der 1930er Jahre forderten Wanderer das Recht ein, die Jagdreviere der Aristokratie überhaupt betreten zu dürfen. Die wenigen öffentlichen Wege, die bis dahin durch die Natur führten, wurden von der zunehmenden Zahl der Wanderer stark frequentiert. Es waren vor allem die Arbeiter aus den nahegelegenen Industriestädten, die Wandern als Ausgleich für die schwere Arbeit nutzten. Im April 1932 rief die Sektion Lancashire der British Workers´ Sports Federation ihre Mitglieder auf, den Kinder Scout, die höchste Erhebung des Peak Districts, zu erklimmen. 400 Arbeiter, zumeist Mitglieder der Kommunistischen Partei, machten sich von Westen und Osten auf. Dabei sangen sie „Die Internationale“. Erst auf dem Rückweg konnten sie von Wildhütern des Duke of Devonshire und der herbeigerufenen Polizei aufgehalten werden. Sechs von ihnen wurden wegen Landfriedensbruch verhaftet und zu Gefängnisstrafen von zwei bis sechs Monaten verurteilt. Darunter auch der kommunistische Aktivist Benny Rothmann. Obwohl viele Wandervereine die Aktion verurteilten, führte sie zu einer Welle öffentlicher Sympathie. 1951 wurde das Hochlandgebiet der südlichen Pennines Nationalpark. Zum 50. Jahrestag des „Mass tresspass of Kinder Scout“ wurde 1982 eine Gedenktafel an dem Punkt aufgestellt, an dem Rothmann mit seinen Kameraden gestartet war.

Große Teile des über 1.400 Quadratkilometer großen Gebietes gehören dem National Trust. 2013 hat er mit der Renaturierung von Mooren begonnen. Schätzungen zufolge wird es etwa 50 Jahre dauern, bis das ursprüngliche Landschaftsbild wiederhergestellt ist.

Die Pennines sind ein rund 400 km langes Mittelgebirge. Es verläuft vom Peak District in den Midlands bis zur Grenze von Schottland. Die Berge sind nur zwischen 500 und 900 Meter hoch, dennoch vermitteln Landschaft und Klima den Eindruck, im Gebirge zu sein. Die Gegend ist dünn besiedelt und besteht im Wesentlichen aus Hochmooren und reizvollen grünen Flusstälern. Die Einwohner leben von der Schafzucht und vom Tourismus. Viele Menschen pendeln von den ländlichen Regionen in die nahegelegenen Industriestädte Bradford, Leeds, Sheffield und Manchester.

Weitere Teile der Pennines liegen im Yorkshire-Dales- und im Northumberland-Nationalpark. Die North Pennines, ein Teil der Yorkshire Dales und Bowland sind als Area of Outstanding Natural Beauty klassifiziert.

Auf dem über 400 km langen Fernwanderweg Pennine Way kam man das gesamte Mittelgebirge von Süden nach Norden durchqueren. Die Idee geht zurück auf den Journalisten Tom Stephenson. Vorbild war der Appalachian Trail in den USA. Es sollte 30 Jahre dauern, bis 1965 die letzte Etappe des Weges eröffnet wurde. Die bekannteste Routenbeschreibung ist der Pennine Way Companion von Alfred Wainwright, der 1968 erschien. Der passionierte Wanderer ist vor allem für seine sieben „Pictorial Guide to the Lakeland Fells“ bekannt geworden, die er zwischen 1955 und 1966 verfasste.

Es ist faszinierend, wie rasch man von den industriellen Ballungsgebieten mit den vollen Autobahnen und Schnellstraßen in die scheinbar unberührte Natur gelangt, in der man überwiegend Schafen begegnet. Der Peak District dient 15 Millionen Menschen aus der Agglomeration als Naherholungsgebiet. Mit 20 Millionen Besuchern jährlich gehört er zum meistbesuchtesten Nationalpark in Europa. Auch wenn diese starke Frequentierung sicherlich bei Fauna und Flora ihre Spuren hinterlässt, fällt sie auf der Durchreise kaum auf. Wir haben die Ausblicke über weites, unbebautes Land, über mit Heide bewachsene Moore und windzerzauste Hochebenen sehr genossen.

Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Peak District ist Chatsworth House, das Anwesen des Herzogs von Devonshire, das sich seit über 400 Jahren in Familienbesitz befindet. Im 18. und 19. Jahrhundert gehörte die Familie Cavendish zu den einflussreichsten Familien in England, bis heute genießt sie hohes gesellschaftliches Ansehen. Eine Schwester von John F. Kennedy war mit William John Robert Cavendish verheiratet. Der 12. Herzog von Devonshire, Peregrine Cavendish, ist ein Pferdenarr und Repräsentant der Königin in Ascot.

Schon die Anfahrt zum Chatsworth House ist beeindruckend: von weitem fällt der Blick auf den über 5.000 Hektar großer Park mit altem Baumbestand, in dem unzählige Schafe friedlich grasen. Für den ungehinderten Blick ließ der Herzog im 19. Jahrhundert die Einwohner des Gutes in zwei Dörfer umsiedeln, die eigens für diesen Zweck errichtet wurden. Schon von weitem sieht man die über 80 Meter hohe Wasserfontäne des großen Springbrunnens. Sie wurde für den Besuch von Zar Nikolaus I. von Russland gebaut. Dafür hob man binnen eines halben Jahres einen über 30.000 Quadratmeter großen See aus. Die Fontäne wird durch den natürlichen Wasserdruck eines Teichs erzeugt, der unterhalb liegt. Der Zar hat die beeindruckende Fontäne nie zu Gesicht bekommen – er kam doch nicht nach Chatsworth House.

Das Haus, das einem Palast gleicht, entstand zwischen 1685 und 1707. Wir verzichteten auf eine Besichtigung des Anwesens. Für die repräsentativen Räumlichkeiten mit einer wertvollen Gemäldesammlung, Porzellan und Möbeln, einer über 17.000 Bände zählenden Bibliothek und einer Skulpturengalerie sowie für die berühmten Park- und Gartenanlagen hätte man sicherlich einige Stunden einplanen müssen.

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Stattdessen unternahmen wir eine Fahrt vom südlichen Teil des Nationalparks – White Peak genannt – zum wilderen und unberührteren nördlichen Teil, den man Dark Peak nennt. Die Bezeichnungen rühren von der Farbe des Sandsteins, der im südlichen Teil heller und im nördlichen Teil dunkler ist. Auch die Häuser und Feldmauern sind mit dem jeweiligen Sandstein gebaut. Im Dark Peak ist die Landschaft felsiger, im White Peak sind die Konturen sanfter.

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Der Peak District und die angrenzenden Städte und Dörfer sind geprägt vom Bergbau (schon während der Römerzeit wurde hier Blei gewonnen), der Keramikindustrie (vor allem das bereits erwähnte Stoke-on-Trent), den Textilfabriken (vor allem Cromford) und natürlich der Eisen- und Stahlindustrie (Sheffield). Sie alle haben bis in die 1980er Jahre erheblich zur Luftverschmutzung beigetragen.

Am besten gefallen hat uns der wildere, unberührte Norden des Peak Districts mit Wollgrasmooren, blühender Heide und saftig grünen Wiesen. Auch Felsen aus dunklem Sandstein waren dabei. Der Norden ist hügeliger und hat weniger Hecken. Das wechselhafte und windige Wetter bescherte uns atemberaubende Ausblicke auf unserer Fahrt auf dem „Snake Pass“ mit sagenhaften Wolkenformationen und ständig wechselnden Stimmungen.

Der Pass mit Steigungen von 7 Prozent verbindet Manchester mit Sheffield. Er wurde 1820 gebaut und hat seinen Namen von einem Gasthaus auf der Passhöhe auf 512 Metern, das „The Snake Inn“ heißt.

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Man hätte ständig anhalten und immer wieder Fotos machen wollen, so schnell veränderten sich die Lichtverhältnisse. Mal schob der kräftige Wind Regenschauer vor sich her, dann wieder kamen blauer Himmel und Sonnenstrahlen zum Vorschein. Insofern können wir uns über das Wetter nicht wirklich beschweren, auch wenn es nur um die 15 Grad waren und es immer wieder regnete. Wir saßen ja im Trocknen und wurden Zeugen beeindruckender Stimmungen. Einfach nur blauer Himmel und Sonnenschein wären langweilig gewesen.

Ähnlich schöne Ausblicke hatten wir beim Befahren eines Teils der berühmten „Cat and Fiddle Road“, die in die Seidenstadt Mecclesfield führt. Es gab in den letzten Jahren auf dieser bei Motorradfahrern sehr beliebten Straße, die ebenfalls nach dem Gasthaus auf der Passhöhe auf 520 Metern benannt ist, viele Verkehrsunfälle. Da sie eine wichtige Route für den Schwerlastverkehr ist, ist sie sehr befahren. Der Verkehr wird nicht nur durch zahlreiche Kameras, sondern auch aus der Luft überwacht. Daher gilt es, die Geschwindigkeit auf der ganzen Strecke strikt einzuhalten.

Mecclesfield war einst der größte Produzent von Seidentuch. In den 1830er Jahren gab es über 70 Seidenspinnereien. Im Seidenmuseum und der historischen Spinnerei „Paradise Mill“ kann man in die Geschichte eintauchen. Heute dominiert in der rund 50.000 Einwohner zählenden Stadt die Chemieindustrie: AstraZeneca, eines der größten Pharmaunternehmen der Welt hat hier eine Fertigungsstätte. So kommt es wohl, dass Mecclesfield noch heute eine wohlhabende Stadt ist. 2009 gehörte es zu den zehn Städten mit den reichsten Einwohnern in Großbritannien.

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Von Mecclesfield ging es schließlich Richtung Chester. Auf dem Weg hätte man noch den Kurort Buxton besuchen können. Schon die Römer schätzten dessen heiße Quellen und auch Maria Stuart erholte sich dort. Allerdings soll der Ort bei weitem nicht so schön sein wie Bath, das wir bereits auf unserer letzten England-Reise besucht hatten. Wir folgten daher dem Rat von Caroline und Tim und nahmen Buxton von unserer Liste, um mehr Zeit für den Schlenker in den Dark Peak zu haben.

Unser Bed and Breakfast befand sich kurz vor Chester auf einer Farm auf dem Land. Unsere Gastgeberin Penelope nahm uns auf als seien wir alte Bekannte. Die Haustür stand offen, nach einem beherzten „Hello“ erschien eine hochgewachsene, burschikose Frau mit nassen Haaren. Sie war gerade dabei, sich für eine Einladung fertig zu machen. Obwohl in Eile, führte sie uns durchs Haus und betrieb dabei Smalltalk. Unser geräumiges, sehr gemütlich eingerichtetes Zimmer lag im ersten Stock. Da keine anderen Gäste dort waren, hatten wir das oberste Stockwerk ganz für uns allein. Penelope drückte uns den Haustürschlüssel in die Hand und erkundigte sich noch schnell, ob wir schon wüssten, wo wir zu Abend essen. Bei meinen Reisevorbereitungen hatte ich das Fishpool Inn ins Auge gefasst. Penelope ermunterte uns zu einem Besuch. Es sei ein nettes Lokal, wo sie früher des Öfteren mit den Kindern gewesen sei. Wir waren froh, in dem stark frequentierten Gastropub, das bis zu 3.000 Gäste pro Woche zählen soll, noch einen Platz zu bekommen. Das Flair eines Dorfpubs hatte es nur noch bedingt. Die Karte war umfangreich: Von Pizza über traditionelle Pies, Fish and Chips und Burger konnte man alles bekommen. Das Essen war durchschnittlich, die Atmosphäre etwas laut und hektisch. Nach so viel Natur sehnten wir uns nach einem ruhigerem Plätzchen. Unsere Köpfe waren voller Eindrücke, wir reagierten nur noch langsam und so war uns der Trubel etwas zu viel. Dass das Lokal an einem Donnerstagabend so gut besucht war, wunderte uns. Vielleicht hing es mit der Hochsaison zusammen oder damit, dass die großen Städte der Midlands nicht weit entfernt waren.

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