Entlang der Themse durch die Cotsworlds

Vom Barclay Farmhouse führte unsere Fahrt im Bogen um London herum vorbei an Oxford bis nach Halford in der Nähe von Stratford-on-Avon. Für die gut 250 km brauchten wir den ganzen Tag.

In England hatten die Ferien begonnen und alles, was Räder hatte, schien auf den Straßen zu sein. Zunächst stockte der Verkehr um die Autobahnauffahrt bei Sevenoaks. Wir wählten deshalb eine Route über die Landstraße zur nächsten Auffahrt, auf der ebenfalls viel Verkehr war. Durch hübsche Dörfer fuhren wir auf romantischen Straßen, links und rechts mit Hecken und Bäumen bewachsen, durch die Mäh- und Schneidemaschinen einen Weg gefräst hatten. Immer wieder hatte die Vegetation Tunnel üppigen Grüns entstehen lassen.

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Die schmalen Straßen winden sich in vielen Kurven durch die hügelige Landschaft. Als Fahrer muss man sich sehr konzentrieren, denn der Asphalt ist oft geflickt und mit Schlaglöchern übersät. In regelmäßigen Abständen haben sich die Gullys am Straßenrand Zentimeter tief abgesenkt. Eine holprige Angelegenheit, die dem Fahrwerk gar nicht gut tut. Auch auf der Autobahn taucht unverhofft so manche Unebenheit auf. Englands Straßen sind in keinem guten Zustand!

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Dichter Verkehr herrschte um London. Da die Rushhour längst vorüber war, handelte es sich wohl um Reiseverkehr. Engländer verreisen viel im eigenen Land. Zu den beliebten Zielen gehören die Badeorte im Süden und Schottland und der Lake District im Norden.

Auf der Autobahn am Flughafen Heathrow vorbei bewegten wir uns teilweise im Stop-and-go. Bei Windsor verließen wir die M4 für einen schnellen Blick auf Windsor Castle. Die gehisste Flagge auf einem der Türme des Schlosses in dem Vorort von London zeigte uns, dass Ihre Majestät gerade zu Hause war. Die Königin hatte ihren Urlaub, den sie jedes Jahr im Juli auf Schloss Balmoral in Schottland verbringt, bereits hinter sich.

Das kleine Städtchen Windsor an der Themse war voll mit Touristen: Gruppen von Asiaten, die hinter ihrem mit einem Fähnchen wedelnden Guide herliefen, Menschentrauben vor den Andenkenläden und Schlangen von Autos. Die Parkplätze in der Nähe waren so überlastet, dass ein kurzer Fotostopp gar nicht möglich war.

Also zurück auf die Autobahn nach Henley-on-Thames, einem hübschen Ausflugsort, den gestresste Londoner gerne am Wochenende nutzen, um einen entspannten Tag am Fluss zu verbringen. Seit 1839 findet hier jährlich im Juli die Royal Regatta statt. Die traditionsreiche Ruder-Veranstaltung ist einer der gesellschaftlichen Höhepunkte der Oberschicht. Wegen der geringen Breite der Themse können jeweils nur zwei Boote auf der zwei Kilometer langen Strecke gegeneinander antreten. Niedrige Ausflugsschiffe und jede Menge kleiner Sportboote lagen am Ufer von Henley. Wir fuhren weiter, denn auch hier war es recht wuselig und vor uns lag noch einiges an Strecke.

Leider verpassten wir die Landstraße, die an der Themse entlang führte. Das Navi hatte eigenständig den schnelleren Weg in das Doppelstädtchen Goring und Streatley gewählt. Die beiden Orte liegen rechts und links der Themse, die hier zu mehren Wehren gestaut wird. Romantische Schleusen helfen den Sportbooten, die Höhenunterschiede zu überwinden. Es gibt nicht wenige Engländer, die ihre Ferien damit verbringen, einen der Flüsse hinauf- oder hinabzuschippern.

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Das Wetter ließ ein gemütliches Kaffeetrinken am Ufer zu. Zwischendurch hatten die Wolken gelegentlich ein paar Tropfen vom Himmel fallen lassen, hin und wieder ließ sich auch die Sonne blicken, bei nicht unbedingt hochsommerlichen 19 Grad.

Wir riefen bei unserem nächsten B&B an, wo wir zum Tee erwartet wurden. Eine Ankunft um 16 Uhr war nicht mehr machbar. Eigentlich hatten wir einen Besuch von Blenheim Palace, dem Geburtsort von Winston Churchill geplant, doch die Strecke, die auf der Karte so unproblematisch erschien, entpuppte sich doch länger als gedacht – nicht nur wegen der angespannten Verkehrslage. Wir mussten den Besuch des Palasts auf ein anderes Mal verschieben. Man muss Zeit mitbringen, allein schon für die Park- und Gartenanlagen. Auch für das Städtchen Woodstock, in dem Blenheim liegt, braucht man etwas Muße.

Über kleine Land- und breitere Schnellstraßen bewegten wir uns in die Cotsworlds. Der Landstrich, der unter anderem die Grafschaften Gloucestershire, Oxfordshire und Warwickshire umfasst, hält genau das bereit, was gemeinhin mit „Merry Old England“ assoziiert wird: sanfte grüne Hügel, durch die sich Themse und Avon schlängeln, schiefe kleine Häuser aus grauem Kalkstein, herrliche Bauerngärten.

Im Mittelalter hatte die Region vom Wollhandel profitiert. Heute ist es – ähnlich wie in Kent – die Nähe zu London, die wohlhabende Städter lockt. Viele haben hier, wo England am ursprünglichsten zu sein scheint, ihren Zweitwohnsitz oder verbringen ihren Ruhestand.

Auf unserer ersten England-Reise vor drei Jahren hatten wir die Gegend näher erkundet. Untrennbar mit ihr verbunden ist eine Design-Bewegung, die Art Noveau, Wiener Sezession und Bauhaus beeinflusste: das Arts and Crafts Movement. Seinen Namen hat es von der „Arts and Crafts Exhibition Society“, die 1887 gegründet wurde.

Schon während der 1840er Jahre waren die verheerenden sozialen Auswirkungen industrieller Fertigung in Großbritannien deutlich geworden. Doch erst in den 1860er und 1870er Jahren begannen Architekten, Designer und Künstler darauf zu reagieren. Eines ihrer wichtigsten Anliegen war, Kunst und Bildung jedermann zugänglich zu machen. Die Arts and Crafts-Bewegung idealisierte das Mittelalter und seine Handwerkskunst. Damit sah sie sich als Gegengewicht zur Industrie mit seiner als seelenlos empfundenen Massenproduktion. Möbel und Gebrauchsgegenstände sollten einfach und robust sein. Im Mittelpunkt stehen sollten das Material und die zur Kunst erhobenen Fertigkeiten des Handwerks.

Die beiden einflussreichsten Vertreter dieser Bewegung waren der Kritiker John Ruskin (1819 – 1900) und der Designer und Schriftsteller William Morris (1834 – 1896). Ruskin untersuchte das Verhältnis zwischen Kunst, Gesellschaft und Arbeit. Morris setzte seine Ideen um, wobei er großen Wert auf die Freude an der Arbeit und auf die natürliche Schönheit des Materials legte. Außerdem machte er sich für den Erhalt historischer Gebäude stark. Seine 1877 gegründete „Society for the Protection of Ancient Buildings“ gilt als einer der Vorläufer des National Trust.

Morris liebte das Landleben. Nach Kelmscott Manor, seinem Sommerhaus in den Cotswolds, benannte er später seine Druckerei und auch sein Stadthaus in London. Mit seinen berühmten Stoff- und Tapetenmustern holte er Fauna und Flora ins Haus und prägte Ende des 19. Jahrhunderts das, was man heute mit dem englischen Landhausstil verbindet. Inspiration dafür fand er im Garten von Kelmscott Manor und auf Streifzügen in der Umgebung. Zu dieser Zeit war Morris bereits zu einem international anerkannten und erfolgreichen Designer und Produzenten von Möbeln, Teppichen, Tapeten und Stoffen geworden. Für die Reichen und Schönen richtete er ganze Häuser ein. Morris´ Ideen wurden von Handwerksgilden und Gesellschaften aufgenommen, Arts and Craft entwickelte sich zu einem einheitlichen Stil von Architekten, Malern, Bildhauern und Designern.

Ebenfalls in den Cotswolds befindet sich die von Charles Robert Ashbee begründeten School of Handicraft. Der aus einer wohlhabenden Familie stammende Architekt und Kunsthandwerker hatte großen Erfolg mit seiner Schule, die ursprünglich in einem Londoner Armenviertel gegründet worden war und dann nach Chipping Camden verlegt wurde. Schnell gab es weitere Ausbildungsstätten in Glasgow, Liverpool und Birmingham. Die Arbeiten wurden in London, Düsseldorf, München und Wien ausgestellt. Ashbee, dessen Mutter aus Hamburg stammte, wurde Ehrenmitglied der Münchner Akademie. 1915 ging er als Professor für englische Literatur nach Kairo, in Jerusalem war er einige Jahre als städtebaulicher Berater tätig. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte Ashbee Kontakt zu dem amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright geknüpft, der die Ideen der Arts and Crafts-Bewegung in den USA vertrat.

William Morris oder der Stoff, aus dem die Grünen sind“ überschrieb die Wochenzeitung Die Zeit 1983 einen Artikel über den Designer. Tatsächlich lassen sich erstaunliche Parallelen ziehen zwischen der Arts and Craft-Bewegung und unserer heutigen Zeit: Die tiefe Sehnsucht nach einem ursprünglichen, einfachen Leben etwa, wie sie an der Millionenauflage der Zeitschrift „Landlust“ deutlich wird. Trends wie „Slow Food“ oder regionaler Anbau und die neuerdings dem Management verordnete „Achtsamkeit“. Ebenso wie das Arts and Crafts Movement leben allerdings auch die heutigen Protagonisten mit Widersprüchen. So haben die zu Beginn unseres Jahrhunderts von Marketingstrategen entdeckten technikaffinen und zahlungskräftigen „LOHAS“ wohl eher wenig zu tun mit den ursprünglichen Ideen der Nachhaltigkeitsbewegung. Morris´geschäftstüchtige Vermarktung seines Schaffens wiederum lässt sich so gar nicht in Einklang bringen mit seinem Eintreten für den Sozialismus: Gemeinsam mit seiner Tochter Mary trat er der Social Democratic Federation bei und gründete nach deren Spaltung die Socialist League. Seine Vorstellungen von einer idealen sozialistischen Gesellschaft hat er in seinem Roman „News from Nowhere“ dargelegt. Seinen eigenen Mitarbeitern gewährte er unterdessen keine Mitbestimmung oder gar eine Gewinnbeteiligung.

Auf unserer Fahrt passierten wir Burford, einen mittelalterlichen Ort, 30 km entfernt von Oxford, der als „gateway to the Cotswolds“ bezeichnet wird. Durch die geschäftige kleine Stadt, die ich von herrlichen Ferien während meiner Schulzeit kannte, bewegten wir uns im Stop-and-go. Zumindest hatten wir so Gelegenheit, auch mal einen ausgiebigeren Blick nach rechts und links zu werfen. Sightseeing ohne aus dem Auto aussteigen zu können, überzeugte uns allerdings nicht. Dass Blenheim Palace ersatzlos von der Liste gestrichen werden musste, machte uns beide etwas unzufrieden. Wir beschlossen, in den folgenden Tagen weniger ambitioniert zu sein und mehr Zeit für Besichtigungen einzuräumen.

Uns brummte der Kopf und wir waren das Sitzen leid. Von Streatley brauchten wir gut eine Stunde bis nach Shipston-on-Stour, wo ich das B&B vermutete. Dort angekommen stellte sich allerdings heraus, dass unsere Unterkunft nicht in oder außerhalb des netten Ortes lag, sondern 6 km weiter in Halford. Die Adressen in England haben so ihre Tücken. Es ist so ähnlich als würde man sagen, man lebe in Lüneburg bei Hamburg…

Das Navi führte uns zuverlässig zur Adresse. Vor einem Haus in einer wenig belebten Straße angekommen, wollten wir allerdings nicht glauben, dass wir richtig waren. Nirgends gab es ein Schild mit dem Hinweis auf ein Bed and Breakfast. In einem kurzen Telefonat mit den Besitzern erfuhren wir, dass wir direkt vor ihrer Tür standen. Der freundliche Hausherr William öffnete ein großes hölzernes Tor. Einige Meter weiter hätten wir einen weiteren Eingang mit einem weißen Gatter gefunden, auf dem in großen Lettern „Old Manor House“ stand. Auf das Hinweisschild, dass hier eine Gelegenheit zum Übernachten bestand, hatten die Eigentümer allerdings verzichtet – britisches Understatement, das das Ganze fast schon zu einem Geheimtipp für Insider machte.

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William, ein freundlicher Mitfünfziger, den die Aura eines erfolgreichen Geschäftsmannes umwehte, der hier auf seinem Landsitz weilte, begrüßte uns herzlich, nachdem wir auf den mit Kies ausgelegten Hof gefahren waren. Das Ensemble aus dem sehr alten, schiefen Haupthaus und den ehemaligen, zu winzigen Ferienwohnungen umgebauten Ställen wirkte sehr einladend und gemütlich. William nahm uns ins Haus, zeigte uns unser Zimmer im ersten Stock und das riesige Wohnzimmer im Erdgeschoss, in dem die Hausgäste abends auf den großen Sofas ihren Tag ausklingen lassen können. Es war ein wenig wie in einer Rosamunde Pilcher-Verfilmung. Unser Zimmer hatte sehr tiefe Decken. Beim Eintreten müssen größere Leute den Kopf einziehen, die Böden knarren und haben sich derart verzogen, dass zwischen dem Fenster und in der Zimmermitte ein beachtlicher Höhenunterschied besteht. Weil alles so klein und verwinkelt ist, fühlt man sich ein wenig wie in einer Kajüte.

William organisierte uns schnell noch einen Tisch im Howards Arms im Nachbarort Illmington, dann verschwand er irgendwo im verwinkelten Inneren des geräumigen Hauses. Hungrig nach dem langen Tag brachen wir zum Abendessen auf, das abermals in einer sehr gemütlichen Mischung aus Kneipe und Landgasthaus, den hier so charakteristischen Pubs einnahmen: ein rustikaler Salat mit Hühnchen, gegrillte Lammkoteletts mit Brokkoli und zum Abschluss eine Crème brûlée. Ich probierte den aus lokaler Produktion stammenden Cider. Wenig später fielen wir erschöpft in die zahlreichen Kissen, um uns für neue Abenteuer auszuruhen.

3 Gedanken zu “Entlang der Themse durch die Cotsworlds

  1. Ulrike Wittenborn 4. September 2017 / 7:18

    Liebe Christina,

    Vielen Dank für diesen besonderen Reisebericht. Die Mischung aus Tagesbericht, Bildern und viel, viel Hintergrundwissen ist absolut gelungen.
    Auch habe ich leider bisher keinen Bezug zu England gehabt. Das ändert sich gerade erfreulich. Sei sehr bedankt für diese Erweiterung meiner Perspektive.
    Es macht total Lust darauf auch diese Gegenden zu besuchen.
    Und PS: darf ich Deinen Blog an eine Freundin weiterschicken?
    Fänd ich super.

    Liebe Grüsse

    Ulrike

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    • vierzehntage 4. September 2017 / 7:54

      Liebe Ulrike,

      vielen lieben Dank für Dein großes Lob. Wie schön, dass ich Dir eines meiner Lieblingsländer näher bringen kann. In der Tat wird England als Reiseland sehr unterschätzt. Man trifft wenig Touristen vom „Kontinent“. Dabei gibt es soooo viel zu entdecken! Darüber in den nächsten Wochen noch mehr (von den 14 Tagen sind ja noch ein paar Tage übrig…).

      Über eine Empfehlung des Blogs freue ich mich. Sie ist sogar sehr erwünscht: wenn man eine „kleine Gemeinde“ hat, für die man schreibt, bringt das Schreiben noch mehr Spaß.

      Herzliche Grüße

      Christina

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