Über Sissinghurst, Scotney Castle und Bateman´s nach Rye

Morgens schien die Sonne, wohl der schönste (und wärmste) Tag auf unserer Reise, denn für die nächste Zeit sagten sowohl deutsche als auch englische Wetterdienste unbeständiges und kühles Wetter voraus.

Lynn erwartete uns bereits mit ihrem mehrfach prämierten Frühstück: Das kunstvoll zu einem Törtchen aufgetürmten „full English Breakfast“ bestand aus einer dicken Scheibe magerem Speck als Boden, je einer Schicht gebackener Tomaten und Pilze und einem Spiegelei als Abschluss. Dazu gab es warme Croissants, die so frisch waren, dass sie einem beim Hineinbeißen zerkrümmelten. Wir bestrichen sie mit der leckeren Bitterorangen-Marmelade. Das gemütliche Mahl war mit einer Portion frischem Obstsalat eröffnet worden. Die Tasse Tee mit der obligatorischen Milch schmeckte hier natürlich ganz besonders gut.

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Derart gestärkt brachen wir auf zum Schloss Sissinghurst. Hier waren wir vor drei Jahren ebenfalls gestartet, denn man kann dort den Gutschein für den National Trust-Pass einlösen. Der „National Trust for Places of Historic Interest or Natural Beauty“ verwaltet in England viele Sehenswürdigkeiten. Die gemeinnützige Organisation wurde 1895 von der Sozialreformerin Octavia Hill, dem Rechtsanwalt Sir Robert Hunter und dem Geistlichen Canon Hardwicke Rawnsley gegründet. Ihr Ziel war es, Architektur und Natur von historischem Interesse oder besonderer Schönheit zu bewahren. Sie waren überzeugt, dass nur der Privatbesitz diese vor Zerstörung oder Verbauung schützen könne.

Wie modern diese Idee ist, zeigt das Engagement des 2015 verstorbenen Unternehmers Douglas Tompins und seiner Frau Kristine. Mit Outdoor-Bekleidung der Marken „The North Face“ und „Patagonia“ und dem Mode-Label „Esprit“ haben sie ein Vermögen verdient. Um Patagoniens einzigartige Schönheit zu erhalten, kauften sie ganze Landstriche, forsteten sie auf und sorgten für die Wiederansiedlung seltener Tierarten. Weltweit wurden sie zu den größten privaten Landbesitzern. Erst kürzlich hat Kristine Tomkins Chile ein riesiges Areal gespendet. Die Regierung gab Land dazu, daraus sollen in den nächsten Jahren fünf Nationalparks entstehen.

Der National Trust besitzt in England, Wales und Nordirland 248.000 Hektar Land, darunter ein Viertel des Lake Districts. 500 historische Gebäude, Denkmäler, Gärten, Parks und Naturschutzgebiete warten darauf erkundet zu werden. Einmal in der Hand des National Trusts, dürfen diese laut Satzung nicht verkauft werden.

Die hohen Erbschaftssteuern in Großbritannien zwangen viele Adlige nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Eigentum dem Staat zu übergeben, der überließ es dem National Trust. Häufig vereinbaren die Besitzer ein Wohnrecht, weshalb einige Schlösser nur eingeschränkt besichtigt werden können.

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Unterhalt und Erhalt werden über die Beiträge von 4,5 Millionen Mitgliedern, Spenden und Erbschaften finanziert. Zusätzliche Erträge erwirtschaftet der National Trust durch Andenkenläden, Restaurants und Vermietungen.

Mitglieder haben freien Eintritt zu den Sehenswürdigkeiten. Touristen können vor Reiseantritt beim Britischen Fremdenverkehrsamt einen Pass erwerben. Für 30 bzw. 35 Euro sehen Touristen sieben bzw. 14 Tage lang alle Parks, Gärten und Schlösser, Burgen und Herrenhäuser des National Trust offen. Das lohnt sich bereits, wenn man drei oder vier von ihnen besucht.

Über 61.000 Freiwillige unterstützen die Organisation, die der Deutschen Stiftung Denkmalschutz als Vorbild diente. Die Freiwilligen arbeiten als Führer, im Eintrittskartenverkauf, auf den Parkplätzen oder in den Gärten und sorgen so dafür, dass das Motto des National Trust erlebbar wird: „For ever, for everyone“.

Auf Schloss Sissinghurst trafen wir auf eine muntere Truppe Pensionäre, die gleich erfahren wollte, aus welchem Land wir kamen. Die Freiwilligenkultur, die in England so ausgeprägt ist, macht den Besuch von kulturellen Stätten überaus angenehm: Es erwarten einen keine bärbeißigen Parkwächter oder muffelige Eintrittskartenverkäufer, sondern Menschen, die sich freuen, Teil eines Teams sein zu dürfen und die überaus stolz sind, bei Fragen weiterhelfen zu können. Sie lieben ihren kleinen Job derart, dass man, kommt man einmal mit ihnen ins Gespräch, viel mehr erfährt als aus jedem Reiseführer. Es ist, als hätten sie die vielen kleinen Geheimnisse und Anekdoten, die sich um die jeweilige Sehenswürdigkeit ranken, inhaliert und atmeten sie nun, da sie gefragt sind, wieder aus. Ein Hauch lebendig gelebter Historie umweht einen, ohne dass man sich auf unangenehme Weise belehrt oder unterwiesen fühlte.

In Sissinghurst entdeckten wir einen riesigen Gemüsegarten, der – so erfuhren wir von einer der vielen liebevoll formulierten Tafeln – von zwei Gärtnern und 25 Freiwilligen bewirtschaftet wird. 2016 wurden fünf Tonnen Gemüse geerntet, das von dem museumseigenen Restaurationsbetrieb verarbeitet wurde.

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Der herrliche Blumengarten, für den Sissinghurst berühmt ist, war uns einen zweiten Rundgang wert. Zuhause Gebliebene können auf einem eigenen Blog erfahren, was sich im Garten gerade so tut.

Das Gutshaus entstand bereits 1480 und wurde 1756 der Regierung überlassen, die es – wie bereits berichtet – als Gefängnis für französische Kriegsgefangene nutzte. Aus dieser Zeit stammt auch die Bezeichnung „Castle“. Nach dem Siebenjährigen Krieg ein halbes Jahrhundert als Armenhaus genutzt, gingen die verbliebenen Gebäude an eine Familie, die einen Bauernhof auf dem Gelände errichtete. Die alten Gebäude waren kaum noch bewohnbar.

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1930 kauften die Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihr Mann Harald Nicolson das total verfallene Sissinghurst. In den folgenden Jahren legten sie die Gärten an, die bis heute erhalten geblieben sind und zu den beliebtesten Anlagen der Welt gehören. Jährlich kommen mehr als 160.000 Besucher, um sich an dem fünf Hektar großen Gelände, das in zehn abgeschlossene Gärten unterteilt ist, zu erfreuen. Mannshohe Hecken trennen den weißen Garten vom Rosen- oder Kräutergarten.

Charakteristisch für Sissinghurst ist der Doppel-Turm, in den sich die Schriftstellerin, die vor allem durch ihre Beziehung zu Virginia Woolf bekannt wurde, zum Lesen und Arbeiten zurückzog. Es heißt, dass Sackville-West der Freundin für ihren Roman „Orlando“ als Vorbild gedient haben soll.

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Vom Turm aus hat man einen wunderbaren Blick auf das ganze Anwesen. Komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse machten es unmöglich, dass Sackville-West das so geliebte Knole House ihres Vaters, das etwa 30 km entfernt liegt, erben konnte. Ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte sie daher Sissinghurst. Ihre Leidenschaft für das Gärtnern teilte sie mit den Lesern des „Observer“, für den sie Gartenkolumnen schrieb.

1947 ging Knole an den National Trust. Sackville-West betrachtete dies als Verrat an der Familie. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Sissinghurst später ebenfalls in den Besitz der von Sackville-West so verhassten Organisation überging. Zumindest ist dadurch gewährleistet, dass sich die Öffentlichkeit auch weiterhin an dem schönen Anwesen und seinen Gärten erfreuen kann. Schon 1938 hatten Sackville-West und ihr Mann diese für Besucher geöffnet.

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Der 1855 erbaute Bauernhof auf dem Gelände hat die für den „Weald of Kent“ so typischen weißen, abgeknickten Spitzen der Hopfendarren. Hopfen hat einen hohen Wassergehalt und muss, um gelagert werden zu können, getrocknet werden. Wegen seiner Hopfenfelder und Obstgärten wird die Grafschaft Kent auch der „Garten Englands“ genannt. Der Schriftsteller George Orwell hat das „Hop-Picking“, bei dem sich die arme Londoner Stadtbevölkerung bis in die 1950er Jahre hinein jedes Jahr ein Zubrot verdiente, in seinem Buch „A Clergyman’s Daughter“ beschrieben.

Inzwischen kommen aus London nicht mehr Saisonarbeiter, sondern es sind vor allem die Wohlhabenden, die die lieblich gewellte Landschaft für sich entdecken. Die Nähe zur Hauptstadt macht sogar das Pendeln möglich, was die Immobilienpreise entsprechend steigen ließ. In den kleinen Ortschaften sprechen Antiquitätengeschäfte und erlesene Boutiquen dieses Publikum an.

Der „High-Weald“, geschützt als „Area of Outstanding Beauty“, erfreut sich zunehmender Beliebtheit, wie uns Lynn berichtete. „Weald“ kommt aus dem Altenglischen und bedeutet „Wald“. Ursprünglich war Kent ganz und gar von Wäldern bedeckt. Im Laufe der Jahrhunderte fielen große Teile der Landwirtschaft und der Industrie zum Opfer. Produziert wurde Tuch, später folgte die Eisenindustrie mit ihren Schmelzöfen.

Die enge Verbindung zur Landschaft wird an den Ortsnamen deutlich: viele enden auf „-hurst“ (Wald) oder „-den“ (Lichtung), so wie auch Biddenden, in dem unser B&B liegt. In dem kleinen Städtchen befindet sich das älteste Weingut in Kent, das auch Cider hergestellt. Bekannt ist der Ort aber auch für siamesische Zwillinge, die hier im 12. Jahrhundert gelebt haben sollen. Elisa und Mary wurden nur 34 Jahre alt und starben sechs Stunden nacheinander. Nach ihnen ist der „Chalkhurst Trust“ benannt. Seit 1134 wird am Ostermontag an die älteren Leute in Biddenden Essen verteilt.

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Nach einer kleinen Kaffeepause im Sonnenschein ging es weiter zu einem kleinen Flugplatz in der Nähe. Beim Schlendern durch die Gärten waren uns am Himmel historische Flugzeuge aufgefallen. Von der fröhlichen Rentner-Truppe am Eingang erfuhren wir, dass auf einem kleinen Sportflugplatz in etwa 10 km Entfernung ein Fest veranstaltet wurde. So erweiterten wir unsere Erkundungstour und landeten auf einer großen Wiese, auf der reichlich Trubel herrschte: neben einigen historischen Flugzeugen hatten sich auch historische Automobile (vornehmlich aus den 50er Jahren) eingefunden. Es herrschte Volksfeststimmung mit kleinen Buden und Menschen, die sich am Rande des Flugfeldes mit ihrem Picknick niedergelassen hatten.

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Wir setzten unsere Schlösser-Tour fort. Es folgte Scotney-Castle, ein Ensemble aus einer Wasserburg-Ruine und einem auf einem Hügel darüber gelegenen Herrenhaus, selbstverständlich in einem weitläufigen, verwunschenen Park gelegen. Das zwischen 1837 und 1841 erbaute Herrenhaus gelangte nach dem Tod seines letzten Besitzers Christopher Hussey in den Besitz des National Trust. Für die Öffentlichkeit zugänglich ist es erst seit 2007, nachdem seine Frau Elizabeth gestorben war. In den 1970er und 1980er Jahren soll die spätere Premierministerin Margaret Thatcher eine der Wohnungen vom National Trust gemietet haben. Sie nutzte diese als Wochenenddomizil.

Das Herrenhaus ersetzte die alte Burg aus dem 14. Jahrhundert, deren Ruine als Teil der Gartenkunst erhalten wird. Sie ist umgeben von einem Wassergraben. Auf einer kleinen Insel findet sich ein altes, verfallenes Bootshaus.

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Dann ging es weiter zu unserem eigentlichen Ziel, dem Wohnhaus des Schriftstellers Rudyard Kipling. Der Autor der berühmten Dschungelbücher kaufte Bateman´s 1902 und lebte und arbeitete hier bis zu seinem Tode 1936. Eingebettet in die hügelige Landschaft des Weald, ist das 1634 erbaute Anwesen ganz so, wie man sich den Rückzugsort eines Schriftstellers vorstellt. In seinem Arbeitszimmer schien es, als hätte er den Schreibtisch nur kurz verlassen, um ein wenig durch den Garten und die angrenzenden Ländereien zu streifen. Stück für Stück hat Kipling Land dazu gekauft, u.a. auch mit dem Geld, das er 1907 für den Nobelpreis erhalten hatte. In der Garage konnte man seinen blauen Rolls-Royce bewundern.

Wie sehr auch er seinen selbst angelegten Garten liebte, hat Kipling in dem Gedicht „The Glory of the Garden“ beschrieben.

OUR England is a garden that is full of stately views,
Of borders, beds and shrubberies and lawns and avenues,
With statues on the terraces and peacocks strutting by;
But the Glory of the Garden lies in more than meets the eye.

Heißt es in der ersten Strophe.

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Den Tag beschlossen wir in dem kleinen Städtchen Rye mit seinen idyllischen, mit Kopfstein gepflasterten, steilen Gässchen. Im Mittelalter gehörte der Ort zu den „Cique Ports and Two Ancient Towns“, Hafenstädte, die besondere Privilegien genossen, weil sie für den Bestand, den Erhalt und die Ausrüstung der Kriegsflotte sorgten. Im 11. Jahrhundert mit Hastings, Romney, Hythe, Dover und Sandwich ins Leben gerufen, kamen Rye und das benachbarte Winchelsea später hinzu. 1278 erhielten alle eine Royal Charter, die die Befreiung von Steuern und eine eigene Gerichtsbarkeit beinhaltete.

Heute ist Rye versandet und vom Meer abgetrennt. Schon 1370 hatten die Franzosen den Ort gestürmt und zerstört. Nach dem Wiederaufbau lebte die Stadt vom Fischfang und dem Schmuggel.

Wir wanderten die Mairmaid Street mit ihren kleinen, schiefen Fachwerkhäusern zum Hafen hinab. In einem der alten schwarz geteerten Speicherhäuser aßen wir im rustikalen The Ship Inn zu Abend.

Wie oft der amerikanische Schriftsteller Henry James während seiner Aufenthalte zwischen 1898 und 1916 wohl durch die pittoreske kleine Stadt gestreift war, auf der Suche nach Inspiration für einen seiner Romane?

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